Erinnerung an Rocchigiani Grazie Graciano, damals warst du einer von uns

West-Berlin Maskulin: Im Leben und der Karriere der verstorbenen Boxlegende Graciano Rocchigiani spiegeln sich auch die verlorenen Träume vieler Arbeiterkinder seiner Generation. Eine persönliche Erinnerung.

Graciano Rocchigiani (Archivbild 1996)
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Graciano Rocchigiani (Archivbild 1996)


Einmal habe ich Graciano Rocchigiani live boxen sehen: Am 15. Oktober 1993 in der alten Sporthalle Schöneberg in Berlin. Ich weiß nicht mehr, wie wir als 16-jährige Jungs dazu gekommen waren. Ob einer meiner Onkel die Karten besorgt hatte - oder ob wir in einer jugendlichen Schnapsidee einfach hingefahren waren, um Rocky einmal boxen zu sehen.

Es war die Zeit vor der großen, RTL-getriebenen Popularität des Boxens in Deutschland. Die goldenen Jahre des "Gentleman"-Boxers Henry Maske standen ebenso noch bevor wie die großen Kämpfe Rocchigianis mit ihm und Dariusz Michalczewski - die Rocky allesamt verlor.

Zugegeben: Ich habe keine großen Erinnerungen an den Kampf gegen den Amerikaner Ricky Thomas über acht Runden, den Rocky nach Punkten gewann. Aber die Halle, der Aufgang, der Zigarettenrauch, das Bier - all das hat sich eingebrannt.

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Wie immer, wenn Rocchigiani in Berlin boxte, kochte die Halle, am Ende flogen die Bierbecher. Sein damaliger Gegner Thomas starb bereits vor drei Jahren - im Knast. "Wir sind die Unterschicht, Kinder ohne Werdegang. Wir greifen einmal nach den Sternen und sterben dann", rappte der ebenfalls aus West-Berlin stammende Bushido einst.

Auf wie viele Boxer, an die sich heute niemand mehr erinnert, mögen diese Zeilen zutreffen?

An Rocchigiani aber erinnert man sich: Der Sohn eines italienischen Einwanderers und einer Berlinerin war immerhin nach Max Schmeling und Eckhard Dagge erst der dritte deutsche Profi-Weltmeister. Doch die Popularität eines Henry Maskes oder später der Klitschko-Brüder erreichte er nie. Wegen Maske gab es auf einmal bürgerliche Boxfans, durften Kinder länger aufbleiben, wurden selbst Einlaufmusiken zu Charterfolgen.

Rocky hingegen blieb der Außenseiter in dieser vom Hochglanz geprägten Boxwelt: Schlägereien, Pleiten, Gefängnisaufenthalte, Alkohol- und Drogenprobleme: Er stand für das dreckige West-Berlin der Achtzigerjahre.

Man ging als junger Mann aus Neukölln zum Fußball (Hertha BSC), zum Eishockey (Preußen Berlin) und eben auch zu Rocchigiani, der in seiner Stadt längst ein Held war. Nicht umsonst hat Hertha BSC auf seinem Twitter-Account gestern Rocchigiani gewürdigt - obwohl dieser sich nie als großer Fußballfan hervorgetan hat - und wenn es nach mir geht, sollte die Ostkurve des Olympiastadions es dem Verein bei nächster Gelegenheit gleichtun.

Wessi gegen Ossi, Straßenköter gegen neues Box-Bürgertum

Der Bad Boy mit der großen Berliner Schnauze, der sich zusammen mit seinem Bruder Ralf vor der Disko "Big Eden" auch schon mal mit einem halben Einsatzzug der Bereitschaftspolizei prügelte, wurde genau deshalb für viele zum Helden: "Es war die Zeit der großen Kämpfe", schreibt der Schriftsteller Clemes Meyer in seinem großen Nachwende-Roman "Als wir träumten", "und dann wollte Rocky Weltmeister Maske fressen, 'den scheiß Gentleman', wie Rico sagte, und er hatte bei irgendwelchen Typen, die er aus dem Knast kannte, ein paar Scheine auf Rocky gesetzt, denn die Quoten standen neun zu eins. Gegen Rocky. Es war die Zeit der großen Kämpfe, und er hatte sie alle verloren."

An Meyers Hommage wird deutlich, dass es bei Rocchigiani gegen Maske auch um mehr ging als nur um, "der Wessi haut dem Ossi auf die Schnauze, der Ossi haut dem Wessi auf die Schnauze", wie Rocky selbst vor dem Kampf hinausposaunte. Es ging eben auch um die Identifikation mit dem Underdog über Ost-West-Grenzen hinweg, um den "Straßenköter", der authentisch um sein Leben kämpfte - im Gegensatz zu den Lieblingen des neuen Box-Bürgertums.

Dieser Working-Class-Kultur, deren Teil Boxen und auch Fußball einst waren, wird heute weitgehend nur noch mit Verachtung und Unverständnis begegnet. Wenn es um rauchende, trinkende Männer geht, die sich auch ab und an prügeln, dann sind die Assoziationen zumeist klar: Asoziale, Hooligans, Kriminelle - ein Männlichkeitsmodell von gestern.

Im Video: Alice Schwarzer vs Rocchigiani 2011 bei "Markus Lanz"

Dass darin aber auch Geselligkeit, Solidarität und schlichtweg Lebensfreude verborgen liegen könnten, bleibt unverstanden. Auch das ist ein Grund, warum heutzutage sofort laut aufgeschrien wird, wenn es in Fußballstadien auf den Rängen mal etwas rauher zugeht als auf der Geburtstagsfeier von Achtjährigen, die nicht Rico oder Rocky heißen, sondern Emil-Alexander - und deren Väter natürlich keine "Eisenbieger" sind.

Mit Rocchigiani geht deshalb auch ein Vertreter des untergangenen West-Berlins, des proletarischen Neuköllns, des nicht-gentrifizierten Schönebergs. Man muss diese alte Welt nicht romantisieren, man muss ihr auch nicht unbedingt nachtrauern. Für mich aber geht auch ein Teil meiner Jugend, ich denke an die Ricos, mit denen ich im Kindergarten, in der Grundschule und auf der Straße war, und die es später nicht aufs Gymnasium, nicht in die besseren Gegenden und nicht in die besser bezahlten Jobs geschafft haben.

Grazie Graciano, damals warst Du einer von uns.



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
niroclean 03.10.2018
1. ..danke Graciano...
...für viele unterhaltsame Boxkämpfe, Deine Großmäuligkeit und damit dem idealen Gegenpart zu einem wohlsituierten Henry Maske (den ich ebenso schätze). Schade das Du so früh gehen musstest. Arrivederci Graciano.
cfk.berlin 03.10.2018
2. Darauf ein Schulle ...
... denn das passt jetzt. Aus der Tiefe der Seele, ein wahrer und schöner Text, den ich gut nachvollziehen kann.
der_schoene_hans 03.10.2018
3. Sehr schöner Artikel
Bushido allerdings kommt aus der Ex-Hauptstadt.
ein-berliner 03.10.2018
4. Romantik...
...ist absolut nicht angebracht. Halbwelt bleibt Halbwert. Auf einmal war er einer von uns, dem kann ich wirklich nicht folgen, nicht mein Umfeld.
widower+2 03.10.2018
5. Schöner Text cfk.Berlin?
Inhaltlich schon. Grammatikalisch und stilistisch aber leider dann doch in der Halbwelt verblieben. "....des untergangenen West-Berlins, des proletarischen Neuköllns, des nicht-gentrifizierten Schönebergs....." Ein Genitiv-s bei Eigennamen oder geographischen Bezeichnungen mit vorangestelltem Artikel ist eine absolute Unsitte, die immer mehr um sich greift und ein recht sicheres Indiz für ein niedriges Bildungsniveau ist.
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