Doping-Guru Rodschenkow Interesse an Sport und Chemie

Dieser Mann erschüttert die Sportwelt: Grigori Rodschenkow will russischen Athleten zu 33 Olympia-Medaillen verholfen haben - mithilfe von ausgeklügeltem Doping. Nun fürchtet er um sein Leben.

Grigori Rodschenkow (Archivbild von 2009)
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Grigori Rodschenkow (Archivbild von 2009)

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Wenn es stimmt, was Grigori Rodschenkow der "New York Times" verriet, dann gehören zahlreiche Medaillen der olympischen Winterspiele von Sotschi eigentlich ihm.

Denn er habe zahlreichen russischen Sportlern verbotene Substanzen verabreicht, mit denen sie dann 33 Medaillen gewannen - keine Nation war erfolgreicher. Außerdem habe er verhindert, dass die Übeltäter als Doper erwischt wurden.

Grigori Rodschenkow, 1958 in Moskau geboren, ist für manche ein Whistleblower, für den Kreml ein Deserteur und Verräter, vor allem aber ist er ein ausgewiesener Fachmann. Seine Enthüllungen sind letztlich das Geständnis eigener Verbrechen.

Von 2006 bis 2015 war er Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors, bis Mitte April ein akkreditierter Partner der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Die entzog dem Labor die Autorisierung für Dopingtests, nachdem ruchbar wurde, dass die russische Agentur nicht sauber gearbeitet hatte.

Man kann das auch noch deutlicher sagen: Laut Rodschenkow verhinderten in Russland als Kontrolleure getarnte Täter im staatlichen Auftrag effektive Kontrollen. Wieder werden nun Stimmen laut, die einen Ausschluss Russlands von den nächsten Spielen fordern.

Es lässt aber auch die Wada und ihr angeblich so lückenloses System der Dopingkontrolle nicht gut dastehen: Mit der Akkreditierung des Moskauer Büros hatte sie quasi den Bock zum Gärtner gemacht.

Und der hieß Grigori Rodschenkow.

In vielen Berichten wird Rodschenkow nun als Doping-Arzt bezeichnet. Seine eigentliche Qualifikation liegt jedoch woanders: Er ist promovierter Chemiker und hat nach eigenem Bekunden "über Jahrzehnte" mit Dopingsubstanzen experimentiert. Bereits 1985 begann er als Laborant im möglicherweise falsch bezeichneten Moskauer Anti-Doping-Labor, verließ es später und kehrte 2006 in leitender Position zurück.

Er kommt aus einer Familie, in der sich das Interesse an Sport mit dem an Chemie verband. Seine Schwester Marina, dreifache Weltmeisterin im Cross- und Straßenlauf, kassierte 2013 eine eineinhalbjährige Haftstrafe wegen Handels mit Dopingmitteln. Die Haft wurde zur Bewährung ausgesetzt. Bruder Grigori - rein kriminalistisch gedacht ja eine naheliegende Quelle für den Stoff - ließen die Fahnder in Ruhe.

Bessere Zeiten: Laborleiter Rodschenkow (rechts) führt Sportminister Vitali Mutko (links) 2013 im vermeintlichen Anti-Doping-Center herum
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Bessere Zeiten: Laborleiter Rodschenkow (rechts) führt Sportminister Vitali Mutko (links) 2013 im vermeintlichen Anti-Doping-Center herum

Rodschenkow ist kein reuiger, vom eigenen Gewissen getriebener Sünder. Es schwingt fühlbar Stolz mit, wenn er im Interview davon erzählt, wie er seinen angeblich so erfolgreichen Cocktail aus drei Dopingmitteln entwickelte - eine, so wörtlich, "erhebliche Errungenschaft".

Nachdem der Schmutz bekannt wurde, wurde gesäubert

Er ist aber auch kein eitler, das Scheinwerferlicht suchender Mensch. Rodschenkow begann, mit der Wada zu kooperieren, nachdem er im November 2015 von der Agentur als Schlüsselfigur eines angeblich staatlich finanzierten Dopingprogramms benannt wurde. Es war ein Outing, das er nicht freiwillig gesucht hatte.

Die russischen Behörden drängten ihn umgehend zum Rücktritt. Wenige Tage davor hatte er die Wada-Experten, die seine Agentur und ihn beschuldigten, noch als "Idioten, die keine Ahnung von Doping haben" beschimpft. Nach seiner Entlassung aber muss er gefürchtet haben, zum Bauernopfer zu werden: Dass er die Vorwürfe der Wada nach seinem Rausschmiss fast ausnahmslos bestätigte (er bestreitet nur, von Sportlern Geld verlangt zu haben) und sich zur Kooperation bereit erklärte, hat ihn in Moskau jedenfalls in Misskredit gebracht.

Seitdem lebt Rodschenkow in Angst: Im Januar setzte er sich in die USA ab. Wenige Tage darauf starb am 3. Februar Wjacheslaw Sinew, der Gründer der Moskauer Agentur. Seine Todesursache ist nicht bekannt - anders als bei Nikita Kamajew, 52, der am 14. Februar völlig überraschend einem Herzinfarkt erlag.

Kamajew war einer von Rodschenkows Amtsvorgängern. Beide toten Ex-Anti-Doping-Funktionäre traten nach dem Wada-Bericht vom November 2015 von ihren damaligen Posten zurück.

Doping-Manipulationen wie zu KGB-Zeiten?

Das alles erinnert an die finsteren Zeiten des Kalten Krieges. Damals machten im Osten staatlich sanktionierte Dunkelmänner sportliche Wettbewerbe zu Sternstunden der pharmazeutischen Leistungsoptimierung. Westliche Staaten sahen derweil konzentriert weg, wenn mafiose Mediziner und korrupte Sportfunktionäre dasselbe taten. Folgt man Rodschenkow, dann bestehen solche staatlichen Strukturen fort, die den Sieg zum Zweck erklären, der jedes Mittel rechtfertigt.

Der Betrug hätte laut Rodschenkow leichter kaum sein können: Rund zwei Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele in Sotschi habe er eine Liste von Sportlern gereicht bekommen, auf die zu achten war, da sie im Rahmen des staatlichen Dopingprogramms medikamentiert worden seien.

Der damalige Leiter der Dopingkontrolle kam dieser Aufgabe auf originelle Weise nach: Er sorgte dafür, sagt er, dass belastete Urinproben der betreffenden Sportler gegen saubere ausgetauscht wurden. Die hatte man Monate zuvor abgefüllt, bevor die optimierungsbedürftigen Athleten ihre chemische Kur begannen. Für reibungslose Abläufe sorgten laut Rodschenkow die freundlichen Herren russischer Geheimdienste, die aktiv beim Urintausch assistierten.

Russische Offizielle dementierten schon Rodschenkows erste Aussagen und Geständnisse vehement. Nach dem Bericht der "New York Times" verschärfte sich der Ton nun erheblich: Für das russische Propaganda-News-Outlet "Russia Today" ist Rodschenkow "der rausgeworfene Leiter des Anti-Doping-Labors", der nun in Amerika Lügen verbreite. Beschuldigte Sportler erwägten Klagen gegen Rodschenkow, und der stellvertretende Sportminister Juri Nagornikh sagte der Agentur Tass, dass sein Ministerium erwäge, die "New York Times" zu verklagen.

Wer zu alldem bisher nichts sagt, ist Rodschenkows ehemaliger Arbeitgeber, das Moskauer Anti-Doping-Center. Wer sich auf der Webseite der Wächter, die möglicherweise zugleich Täter waren, informieren will, erfährt zurzeit nur das: "Webseite im Aufbau".

Für mehr waren die Experten bisher wohl zu beschäftigt.

Webseite ohne Inhalt: Moskaus Anti-Doping-Center
dopingcontrol.ru

Webseite ohne Inhalt: Moskaus Anti-Doping-Center



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HeisseLuft 14.05.2016
1. Denkbar
"Nach seiner Entlassung aber muss er gefürchtet haben, zum Bauernopfer zu werden: Dass er die Vorwürfe der Wada nach seinem Rausschmiss fast ausnahmslos bestätigte (er bestreitet nur, von Sportlern Geld verlangt zu haben) und sich zur Kooperation bereit erklärte, hat ihn in Moskau jedenfalls in Misskredit gebracht." Das ist möglich: *Russische Anti-Doping-Behörde: Zweiter Todesfall innerhalb weniger Wochen* http://www.spiegel.de/sport/sonst/russische-anti-doping-behoerde-rusada-nikita-kamajew-verstorben-a-1077405.html ""Innerhalb weniger Wochen ist der zweite ehemalige Funktionär der russischen Anti-Doping-Behörde Rusada verstorben. Der frühere Geschäftsführer Nikita Kamajew soll laut russischen Medienberichten im Alter von 52 Jahren einem *Herzversagen erlegen* sein. Anfang Februar war bereits der frühere Rusada-Funktionär Wjatscheslaw Sinew gestorben, der die Organisation von ihrer Gründung 2008 bis 2010 geleitet hatte. Im Fall von Sinew ist bisher keine Todesursache bekannt geworden." "Kamajew habe nach dem Skifahren über Herzschmerzen geklagt, sagte der ehemalige Rusada-Generaldirektor Ramil Chabrijew der Agentur Tass. *"Er hat nie von Herzproblemen gesprochen, zumindest nicht mir gegenüber"*, sagte Chabrijew, der im Dezember ebenfalls infolge des Dopingskandals zurückgetreten war. Die amtierende Rusada-Chefin Anna Anzeliowitsch sagte, *sie wisse nichts über eine mögliche Herzschwäche Kamajews.* "Sein Tod ist ein großer Verlust", ergänzte sie. Russlands Sportminister Witali Mutko kondolierte ebenfalls: "Wir bedauern seinen Tod zutiefst. Er stand an den Ursprüngen der russischen Anti-Doping-Organisation, er hat sie geschaffen."" Worum ging es da noch? Später auch noch um Meldonium nicht wahr? Ein Kreislaufmittel... ... vielleicht russischer Humor. ;-)
darthmax 14.05.2016
2. Olympische Spiels
waren also bestätigter Weise Dopingspiele. Jedenfalls möglicherweise von russischer Seite, was nicht überrascht. Das Austauschen der Proben dürfte aber nicht einfach gewesen sein. Da die anderen Sportler aber auch generell Zusatzmedikamente nutzen, legal oder illegal, was solls. Schön das es in Hamburg keine Olympiade gibt.
Fürstenwalder 14.05.2016
3. Langsam
könnte Grigori Rodschenkow mal ein paar Beweise rausrücken, sonst bleibt das alles nur nur Gedöns, was er da sagt.
hatschon 14.05.2016
4. Da gehören immer 2Leute
Dazu der Sportler und der die verbotenen Mittel stellt was für mich aber noch schlimmer ist das diese sogenannten Sportler mit ihrer Gesundheit spielen , vielen dieser Leuten werden seh früh an Krebs oder Organversagen sterben weil was sie genommen haben ist hoch giftig.
boxfrank 14.05.2016
5. Unfassbar dumm!
Wenn man auch nur einen Funken Verstand hat, dann bezahlt man alle, die an so einem (staatlichen) Betrug beteiligt sind mehr als fürstlich, damit sie die Klappe halten. Hier waren wohl einige besonders Schlaue am Werk, die meinten, die Kohle behalten wir besser selbst und bedrohen stattdessen alle anderen Mitwisser. Jetzt ist die Ka**e am dampfen. Falls der/die Schuldige/n noch leben, verbingen sie den Rest davon in einem sibirischen Straflager...
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