Halmichs Karriereende Abschied von der Herrin der Ringe

Die Weltmeisterin hat gewackelt: Regina Halmich hatte im letzten Kampf ihrer Karriere mehr Mühe als erwartet. Am Ende reichte es nur zu einem knappen Punktsieg gegen Hagar Shmoulefeld. Künftig will die beste Boxerin der Welt ihre Schlagfertigkeit außerhalb des Ringes unter Beweis stellen.

Von , Karlsruhe


Ein Raunen ging durch das Publikum. Einige der 7500 Fans in der ausverkauften Karlsruher Arena schlugen entsetzt die Hände vor dem Gesicht zusammen, als Regina Halmich nach einem harten Kopftreffer in der neunten Runde kurz ins Taumeln geriet. Zu diesem Zeitpunkt hatte Halmich bereits einige Gesichtsblessuren sowie einen Cut auf der Nase. Das Publikum schien zu merken, dass die 31-jährige Halmich kurz davor war, von ihrer acht Jahre jüngeren Herausfordererin Hagar Shmoulefeld auf die Bretter geschickt zu werden. Sofort setzten laute "Re-Gi-Na, Re-Gi-Na"-Rufe ein.

Halmich berappelte sich wieder und rettete sich in die Pause. So kurz vor der Ziellinie eine Niederlage hinzunehmen, kam für die Karlsruherin vor eigenem Publikum nicht in Frage. In der letzten Runde umarmte sie mehrfach die Frau aus Israel, die kurz davor war, ihr Lebenswerk in wenigen Minuten zu zerstören. Das war die Rettung. Am Ende sahen zwei der drei Punktrichter Halmich vorne, lediglich der finnische Vertreter wertete den Kampf unentschieden. Damit tritt Halmich als Weltmeisterin im Fliegengewicht ab. Es war kein glanzvoller letzter Sieg: "Ich hatte einen Schlag auf die Niere bekommen und dachte, der Ringrichter würde unterbrechen", beschrieb die ehemalige Kickboxerin die Szene in der neunten Runde.

Halmichs letzter Kampf war aber auch ein Spiegelbild ihrer Karriere. Von Beginn an versuchte die Disziplinfanatikerin, ihre Gegnerin unter Druck zu setzen. Runde für Runde verschaffte sie sich mehr Respekt im Ring - so wie sie es auch in ihrer Karriere von Kampf zu Kampf getan hatte. "Leistungsbereitschaft und harte Arbeit" - so beschrieb Halmich ihr Erfolgsrezept der vergangenen 13 Jahre. Harte Arbeit war auch an diesem Abend angesagt. "Ich gehe eher einen Schritt vor als zurück", hatte Halmich zu Beginn ihrer Laufbahn ihren Kampfstil beschrieben. Bei ihrem letzten Fight tat sie gut daran, am Ende eher einen Schritt zurück zu gehen.

"Ich wusste, dass es ein schwerer Kampf wird. Es waren enge Runden, aber es war der Abschied, den das Publikum verdient hatte", sagte die erfolgreichste Boxerin der Welt nach ihrem 54. Sieg im 56. Duell. "Manche hätten sich leichtere Gegner ausgesucht, aber das wollte ich zum Abschluss nicht", rief Halmich dem Publikum aus dem Ring zu. Mittlerweile war auch Shmoulefeld wieder ins Seilgeviert zurückgekehrt. Die genauso zähe wie talentierte Boxerin wollte ihre vierte Niederlage im 15. Kampf zunächst nicht wahrhaben und hatte direkt nach dem Urteil den Ring verlassen. "Ich danke Regina, dass ich die Ehre hatte, den letzten Kampf gegen sie bestreiten zu dürfen", sagte die Unterlegene am späteren Abend. "Das war die schönste Erfahrung meines Lebens."

Während Shmoulefeld in der Niederlage letztlich doch Größe bewies, setzte die erschöpfte Halmich im Ring zu einer Dankesrede in Oscar-Manier an. Im Publikum klatschten Prominente und Sportgrößen stehend Beifall. Kaum einer wollte sich den letzten Auftritt der Boxqueen entgehen lassen. Bundestrainer Joachim Löw ebenso wenig wie Halmichs Universum-Kollege Dariusz Michalczewski, die DFB-Nationalspielerinnen Renate Lingor und Birgit Prinz, Boxlegende Rene Weller oder der Karlsruher Bundesliga-Profi Mike Franz.

Ein anderer Ex-Fußballer fehlte allerdings. Martin Driller, mit dem Halmich von 1996 bis 1998 liiert war, wurde nicht am Ring gesichtet. Driller hatte einst in einer bierseligen Runde in einer Nürnberger Altstadtkneipe betont, dass er während seiner Beziehung mit Halmich "Streit so gut es geht vermieden hat", schließlich sei er als Sportler auf einen intakten Körper angewiesen gewesen. Die Frage eines Tresennachbarn, ob er jemals einen Halmich-Punch einstecken musste, ließ der ehemalige Profi von Borussia Dortmund, dem FC St. Pauli und dem 1. FC Nürnberg mit einem breiten Grinsen offen.

Halmichs Gegnerinnen im Ring ist das Lachen in den meisten Fällen schnell vergangen. 56 Kämpfe hat die gelernte Rechtsanwaltsgehilfin absolviert, 54 davon hat sie gewonnen. Der einzige Makel in ihrer Karriere war die Niederlage 1994 gegen Yvonne Trevino. Die damals 18-Jährige, frisch gebackene Europameisterin im Fliegengewicht, lieferte sich in Las Vegas eine wüste Prügelei mit der Amerikanerin, deren Ausgang Glückssache war. Doch Halmich hatte Pech und musste in der vierten Runde mit einem Cut über dem linken Auge aufgeben. Später hat Halmich diese Niederlage allerdings stets als positives Erlebnis geschildert, das sie angetrieben hat, "noch besser und härter" zu werden. Sie wurde es.

Die akribische Arbeiterin hat auch für die Zeit nach ihrer aktiven Karriere ganz klare Vorstellungen. Eine Babypause wolle sie noch nicht einlegen. Halmich ist seit vier Jahren mit dem JVA-Angestellten Andreas Jourdan zusammen. Obwohl sie sich als gute Köchin beschreibt und zu Hause selbst zum Staubsauger greift, wolle sie die Hausfrauenrolle noch nicht übernehmen. "Das kommt zu früh, dafür bin ich einfach zu jung", sagt Halmich.

Zuerst will die Quotenkönigin, die ihren medialen Durchbruch 2001 durch einen Showkampf gegen Pro7-Komiker Stefan Raab schaffte, an ihrer TV-Karriere arbeiten. Es ist also gut möglich, dass ihre Fans sie schon bald wieder im TV sehen können - als Moderatorin bei Pro7. Künftig will Halmich ihre Schlagfertigkeit nur noch am Rande des Boxrings ausspielen. Ein Comeback im Seilgeviert, wie es beispielsweise ihr guter Freund Michalczewski unlängst verkündet hat, schließt sie aus.

"Wenn der Kampf anders ausgegangen wäre, hatte ich es mir überlegt", sagte Halmich. "Es war eine wundervolle Karriere, doch jetzt habe ich auch das Recht, mich zurückzuziehen", so Halmich. In diesem Moment wurde hinter ihr ein Feuerwerk gezündet, das sich zu dem Satz "Danke Regina, Du bist die Größte" zusammensetzte. Halmich stand mit erhobenen Armen in der Ringmitte. Die Herrin der Ringe verabschiedete sich als Weltmeisterin.



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