Marathon-Überraschung Anja Scherl "Ich bin einfach gerollt"

Es war die Überraschung beim Hamburg-Marathon: Anja Scherl wurde Dritte und qualifizierte sich für die Olympischen Spiele - als Hobbyläuferin. Ein Anruf.

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SPIEGEL ONLINE: Frau Scherl, Tag eins nach Ihrem Marathon-Coup in Hamburg - und Sie sitzen am Schreibtisch?

Scherl: Richtig. Ich musste natürlich auch heute arbeiten, es ist schließlich Montag. Aber ich habe etwas später angefangen. Ich hätte natürlich auch Urlaub nehmen können, aber den möchte ich mir für etwas anderes aufheben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben beim Hamburg-Marathon die Qualifikationszeit (2:30:30 Stunden) für die Olympischen Spiele mit 2:27:50 Stunden locker gemeistert - und das als 30 Jahre alte Hobbyläuferin. Haben Sie damit gerechnet?

Scherl: Ich habe Anfang Februar schon einen sehr guten Halbmarathon hingelegt. Da konnte ich mir schon ausrechnen, dass ich auch in Hamburg eine gute Zeit laufen kann. Ich habe auch gehofft, die Olympianorm zu unterbieten. Aber als ich es dann tatsächlich ins Ziel gebracht habe, war die Freude natürlich riesig.

SPIEGEL ONLINE: Ihre persönliche Bestzeit haben Sie um acht Minuten und 40 Sekunden unterboten. Wie erklären Sie sich das?

Scherl: Ich habe mir im vergangenen Frühjahr vorgenommen, die Halbmarathon-EM in diesem Juli zu erreichen. Für dieses Ziel bin ich mit 110 Prozent in die Vorbereitung gegangen. Über Weihnachten und über Ostern war ich im Trainingslager, jeweils 16 Tage lang! So lange am Stück habe ich noch nie trainiert. Ich war zudem mit meiner Mannschaft, der LG Telis Finanz Regensburg zusammen, das war ebenfalls neu. Das hat mich gepusht. Normalerweise trainiere ich eher alleine.

SPIEGEL ONLINE: Wie lief das Rennen?

Scherl: Am Anfang habe ich etwas gebraucht, um mich zu orientieren und mein Tempo zu finden. Dann haben sich langsam die Gruppen gebildet. Ich war mit zwei bayerischen Läufern unterwegs, die haben mich gut unterstützt und auch Windschatten gegeben. Ich bin einfach gerollt. Die Halbmarathonzeit hat mich dann schon etwas erschreckt, ich war sehr schnell unterwegs und habe befürchtet, dass die zweite Hälfte sehr schwer wird. Ab Kilometer 30 hat mich dann ein Portugiese begleitet, bis ins Ziel. Er hat mich immer wieder angefeuert, motiviert und sogar sein eigenes Rennen zurückgestellt, um mich zu unterstützen. Das war ganz toll.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie beim Zieleinlauf gedacht?

Scherl: Es war der Wahnsinn. Als ich die Uhrzeit gesehen habe, konnte ich es überhaupt nicht fassen. Die Zuschauer haben mich angefeuert. Im Ziel war es dann Erleichterung und pure Freude, dass es wirklich mit der Olympianorm geklappt hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie vereinbaren Sie Ihre 40-Stunden-Arbeitswoche als Software-Entwicklerin mit dem Laufsport?

Scherl: Ich kann natürlich nur nach Feierabend trainieren. Aber mein Ehemann ist ja auch mein Trainer. Er achtet darauf, was ich für Termine habe und arrangiert den Trainingsplan. Er kann somit auch kurzfristig darauf reagieren, wenn ich länger arbeiten muss. Mein Urlaub geht dann eben öfter Mal für Trainingslager drauf.

SPIEGLE ONLINE: Sehen Sie sich überhaupt als Amateurin?

Scherl: Es ist zwar mein Hobby, aber das betreibe ich schon zielgerichtet und auch recht professionell. Aber ganz klar: Mein Beruf ist meine Zukunft und geht vor.

SPIEGEL ONLINE: Die Qualifikationszeit für Rio haben Sie geschafft, Sie müssen aber noch nominiert werden. Drei Marathon-Startplätze hat Deutschland. Haben Sie schon Urlaub eingereicht?

Scherl: Nein, bis jetzt noch nicht. Vor Hamburg haben wir noch gar keine Planung in diese Richtung gemacht. Und solange die Nominierung noch nicht durch ist, fange ich auch noch nicht damit an. Aber ich denke, ich habe gute Chancen.



insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
hschmitter 18.04.2016
1.
Dann wundert man sich doch über die Berufssportler. Oder darüber, daß Steuergelder zur Förderung nichts bringen. Oder darüber, daß viele, die Leichtathletik betreiben, wirtschaftlich weit unter dem Niveau eines 3.Ligisten Fußball leben müssen.
iffi_zenker 18.04.2016
2. Glückwunsch!
sehr symphatisch und bodenständig Frau Scherl. Als Hobbyläuferin eine 2:27 zu rennen und am nächsten Tag vom Büro aus so ein entspanntes Interview zu geben ist sehr beeindruckend!
1bc 18.04.2016
3. einfach nur schoen
wunderbar. Herzlichen Glueckwunsch. Endlich mal traf es die Richtige!
spmc-122228856911350 18.04.2016
4. ein Talent - zu spät entdeckt
Der Lauf war beeindruckend - und zeigt, das wir in Deutschland die sportlichen Talente auch abseits des Fußballs haben. Die Entdeckung aber aber (leider) arg spät und zufällig- ohne Ihren Trainer wäre dieser Durchbruch nie erfolgt. Der DLV hat eher geringen Anteil. Aber die Motivation eines jungen deutschen Athleten oder Athletin, in einer Mannschaftssportart Fußball in der 2. Liga jede Woche das zu verdienen, was es für den Marathonsieg der Männer in Hamburg gibt, macht die Talentsuche in Deutschland für den DLV schwierig. Der Sieger der Männer kann sich von dem Preis- und Antrittsgeld in seiner Heimat einen Bauernhof kaufen.
chestbaer 18.04.2016
5.
Krass! Das wist wirklich beindruckend. Spricht aber auch ein bisschen gegen das Niveau der Profi-Läuferinnen (wenn es die gibt, keine Ahnung ob man davon leben kann, vermutlich nicht?).
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