Hamburger Meister-Handballer "Ein riesiger Ballast fällt von uns"

Mehrfach war der HSV Hamburg gescheitert, nun hat es geklappt. Der Club ist erstmals Deutscher Meister, Serienchampion THW Kiel hatte das Nachsehen. Der Triumph gelang dank einer beeindruckenden Konstanz - und etlicher Millionen Euro von Clubchef Andreas Rudolph.

dapd

Von Nils Lehnebach


Auf dem Parkett kämpften die Spieler, direkt daneben gab Andreas Rudolph alles. Der 56-Jährige rannte am Mittwochabend immer wieder hin und her. Bei den Toren seiner Mannschaft jubelte er ausgiebig. Erst streckte er einen Arm in die Luft, dann beide. Es sah aus, als ob Rudolph tanzte. Oder wollte er die Abwehr dirigieren, die Angriffe koordinieren?

Seine Mannschaft, der HSV Hamburg, war auf die Hilfe ihres Präsidenten jedoch nicht angewiesen. Rudolphs Anfeuerungsrufe hörten die Spieler gar nicht, sie schauten noch nicht einmal zu ihm herüber. Wie im Automatik-Modus spulte das Team die Partie herunter und besiegte den VfL Gummersbach 35:30. Für den Club war es die erste Deutsche Meisterschaft. Mannschaft und Präsident sind am Ziel angekommen. Am ersten, denn Ende des Monats soll der nächste Triumph folgen - beim Final Four der Champions League in Köln.

Schon 13 Minuten vor Spielende wusste das Publikum, dass ihrer Mannschaft der Erfolg nicht mehr zu nehmen sein wird. Der HSV führte mit fünf Toren. 13.296 Zuschauer in der ausverkauften Hamburger Halle klatschten wie wild. Nur einer schüttelt den Kopf - Rudolph. "Zu früh, zu früh", schrie er. Sieben Minuten später hatte die sichere Führung weiter Bestand. Da wurde auch Rudolph ruhiger.

Hamburg zeigte in dieser Saison eine beeindruckende Konstanz

Drei Mal war der HSV Zweiter geworden, stets war der THW Kiel besser, der zuletzt sechs Meisterschaften in Folge feiern konnte. "Ein riesiger Ballast fällt von uns", gestand Rückraumspieler Pascal Hens, "ich bin froh, dass wir den ersten Matchball genutzt haben." Trainer Martin Schwalb jubelte: "Das ist ein ganz großer Tag für uns, es ist ein sehr großes Gefühl." Rudolph zeigte sich erleichtert: "Einfach großartig, darauf haben wir lange gewartet."

Der Sieg gegen Gummersbach war nur der finale Schritt zu einer Meisterschaft, die sich bereits früh in der Saison angedeutet hatte. Mit einer in Hamburg zuvor nicht dagewesenen Souveränität gab es auch gegen die Spitzenteams der Liga fast nur Erfolge. "Wir hatten in diesem Jahr eine Konstanz auf ganz hohem Niveau. Immer wenn es in einem Spiel Probleme gab, hatten wir die richtige Antwort", sagte Torwart Johannes Bitter.

Insbesondere im März und April, als die Auswärtsspiele bei den Topclubs Berlin, Flensburg, Kiel und Rhein-Neckar Löwen zu absolvieren waren, zeigte sich der HSV nervenstark und eine vorher nicht gekannte Dominanz. Lediglich beim THW verloren die Hamburger.

"Wir waren das ganze Jahr über super, manchmal sensationell. Die Mannschaft hat Charakter gezeigt", sagte Hamburgs kroatischer Kreisläufer Igor Vori. Auch von den entthronten Kielern gab es Lob. "Glückwunsch, die Hamburger sind zu Recht Meister", so THW-Trainer Alfred Gislason.

Rudolph investierte rund 20 Millionen Euro in das Team

Der Hamburger Erfolg trägt den Namen Rudolph. Anfang 2005 übernahm der im Bereich Medizin-Dienstleistungen tätige Unternehmer die Führung des Vereins. "Ich bin nicht der Geldonkel. Der Verein darf nicht abhängig von Einzelpersonen sein", sagte er - und tat genau das Gegenteil. Gut 20 Millionen Euro hat er seitdem in den Verein gesteckt.

Nach der Übernahme der Lizenz aus Bad Schwartau 2002 stand das Projekt nur wenige Jahre später schon vor dem Aus. Der Arena-Betreiber klagte 150.000 Euro ausstehende Mieten ein, ein ehemaliger Trainer wartete auf sein Gehalt und gegen den damaligen Clubboss ermittelte die Justiz wegen des Verdachts auf Betrug und Untreue. Die Insolvenz drohte, die Liga-Leitung verhängte wegen Fehlern im Lizenzverfahren einen Abzug von acht Punkten.

Rudolph wurde zum Chef, investierte im großen Stil in die Mannschaft und holte diverse Stars. Ehrgeiz hatte er ja genug, und auch Geld. Um Torwart Bitter, Hens sowie die französischen Nationalspieler Bertrand und Guillaume Gille baute Rudolph über Jahre ein Topteam auf.

"Die Truppe ist gereift. Dafür brauchte sie einige Jahre und hat nun ein festes Gefüge. Das wird auch in Zukunft ihr großes Plus sein", sagt Vizepräsident Dirk Schmäschke. Nach der Spielzeit verlassen Krzysztof Lijewski und Per Sandström den Verein. Dafür kommen aus Flensburg Torwart Dan Beutler und Rückraumspieler Oscar Carlén, zwei Weltklasse-Leute.

Auch der deutsche Nationalspieler Adrian Pfahl ist im Gespräch. Der Gummersbacher warf gegen den HSV am Mittwoch zehn Tore. Mit Oscar Carlén kommt auch dessen Vater Per als Trainer. Er ersetzt Schwalb, der zum Geschäftsführer aufsteigt. Rudolph hört als Präsident ab. Er bleibt aber Hauptgesellschafter und somit der Chef.

"Es gibt nur einen, der beim HSV entscheidet: Andreas Rudolph. Er bestellt die Musik und er bezahlt sie. Alle anderen drum herum sind austauschbar. Das wird sich nicht ändern", sagte Bob Hanning der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Der Geschäftsführer der Füchse Berlin war in der Anfangszeit Trainer in Hamburg, musste den Verein aber nach einem Zerwürfnis mit Rudolph verlassen.

Die Hamburger Spieler jedenfalls wussten, wem sie zu einem großen Teil den Titel zu verdanken hatten. Bei der Meisterfeier ließen sie zunächst ihren Präsidenten hochleben. Dann folgte der Trainer.

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Hans Blafoo 12.05.2011
1. Kein Titel
Es wurde ja auch mal Zeit, dass Hamburg mit diesem Kader gewinnt. Geld wirft eben Tore, wie man sieht. Davor war Hamburg eigentlich auch immer Favorit, aber sie haben nie etwas gerissen. Ich bin gespannt, wie lange Rudolph da noch Geld reinpumpt. Denn ohne sein Geld könnte es für den HSV schon schwieriger werden, da sie im Gegensatz zu den Traditionsvereinen eben kein richtiges Ausbildungssystem besitzen, um neue Spieler "zu generieren". Außerdem steht mit Jesper Nielsen bei den Rhein-Neckar-Löwen schon der nächste Nachahmer bereit, wodurch das ganze zu einer richtigen "Materialschlacht" werden kann.
schmirgol 12.05.2011
2. Glückwunsch an den HSV
"Schon 2007 hatte die Dominanz des bisherigen Branchenprimus THW Kiel zu bröckeln begonnen. Dennoch hatte sich der Club oben gehalten. Mal entschied das bessere Torverhältnis, mal eine unnötige Heimniederlage eines Konkurrenten für die Kieler." Schon klar, die Dominanz bröckelte und im Folgenden gewann der THW vier weitere Meisterschaften am Stück nur durch "unnötige Heimniederlagen eines Konkurrenten". Respekt! Nichtsdestotrotz: Glückwunsch an den HSV, diese Saison waren sie sehr konstant und hatten das o.g. Glück auch mal auf ihrer Seite. Immer nur THW als Meister ist ja auch langweilig. Wäre schön, wenn Berlin und Flensburg nächste Saison auch noch näher heranrücken würden und es mal einen richtig spannenden Drei- oder Vierkampf um die Schale gäbe. So leicht wird es der HSV auf jeden Fall nicht nochmal haben (wären beim THW nicht Narcisse und Andersson die halbe Saison und dazu Ahlm, Zeitz, Sprenger recht oft verletzt gewesen... das gleiche gilt für Flensburg, die mit ihrem extrem ausgedünnten Kader immer noch Beachtliches geleistet haben, z.B. Ciudad Real auswärts geschlagen, das schaffen die wenigsten) So haben sich die Millioneninvestitionen von RedNoseRudolph und die Begünstigungen durch die Aufsichtsgremien der DHL (Lizenzverstöße, Eigentlich-Insolvenz) letztendlich also doch bezahlt gemacht. Vielleicht findet der Verein jetzt ja sogar mal einen "richtigen" Sponsor und kann ohne Privatspenden überleben. Das wäre dann tatsächlich mal fair und wettkampfmäßig. Management und Trainer des HSVH sind einfach unsympathisch, aber dafür können die Spieler ja nichts, denen sei es absolut gegönnt! @Hans Blafoo: Nielsen zieht sich aus der Bundesliga zurück, da auch "sein Heimatverein" Kopenhagen nächste Saison Champions League spielen wird und es die Statuten der EHL verbieten, in zwei Vereinen gleichzeitig verantwortlich zu sein. Abgefahrenerweise nimmt er gleich noch sechs (!) Spieler von den RNL mit nach Dänemark (die das teilweise wohl gar nicht so recht wollen), womit dort mal wieder, wie jede Saison, von vorne angefangen werden muss.. Das kommt wohl davon, wenn man sich von einem Geldgeber so abhängig macht. Ich würde mir wirklich wünschen, dass von Rudolph beim HSV kein Geld mehr fließt, mal gucken, wie es dann dort aussehen würde..
Hans Blafoo 12.05.2011
3. Kein Titel
Zitat von schmirgol"Schon 2007 hatte die Dominanz des bisherigen Branchenprimus THW Kiel zu bröckeln begonnen. Dennoch hatte sich der Club oben gehalten. Mal entschied das bessere Torverhältnis, mal eine unnötige Heimniederlage eines Konkurrenten für die Kieler." Schon klar, die Dominanz bröckelte und im Folgenden gewann der THW vier weitere Meisterschaften am Stück nur durch "unnötige Heimniederlagen eines Konkurrenten". Respekt! Nichtsdestotrotz: Glückwunsch an den HSV, diese Saison waren sie sehr konstant und hatten das o.g. Glück auch mal auf ihrer Seite. Immer nur THW als Meister ist ja auch langweilig. Wäre schön, wenn Berlin und Flensburg nächste Saison auch noch näher heranrücken würden und es mal einen richtig spannenden Drei- oder Vierkampf um die Schale gäbe. So leicht wird es der HSV auf jeden Fall nicht nochmal haben (wären beim THW nicht Narcisse und Andersson die halbe Saison und dazu Ahlm, Zeitz, Sprenger recht oft verletzt gewesen... das gleiche gilt für Flensburg, die mit ihrem extrem ausgedünnten Kader immer noch Beachtliches geleistet haben, z.B. Ciudad Real auswärts geschlagen, das schaffen die wenigsten) So haben sich die Millioneninvestitionen von RedNoseRudolph und die Begünstigungen durch die Aufsichtsgremien der DHL (Lizenzverstöße, Eigentlich-Insolvenz) letztendlich also doch bezahlt gemacht. Vielleicht findet der Verein jetzt ja sogar mal einen "richtigen" Sponsor und kann ohne Privatspenden überleben. Das wäre dann tatsächlich mal fair und wettkampfmäßig. Management und Trainer des HSVH sind einfach unsympathisch, aber dafür können die Spieler ja nichts, denen sei es absolut gegönnt! @Hans Blafoo: Nielsen zieht sich aus der Bundesliga zurück, da auch "sein Heimatverein" Kopenhagen nächste Saison Champions League spielen wird und es die Statuten der EHL verbieten, in zwei Vereinen gleichzeitig verantwortlich zu sein. Abgefahrenerweise nimmt er gleich noch sechs (!) Spieler von den RNL mit nach Dänemark (die das teilweise wohl gar nicht so recht wollen), womit dort mal wieder, wie jede Saison, von vorne angefangen werden muss.. Das kommt wohl davon, wenn man sich von einem Geldgeber so abhängig macht. Ich würde mir wirklich wünschen, dass von Rudolph beim HSV kein Geld mehr fließt, mal gucken, wie es dann dort aussehen würde..
Oha, das mit dem Schmuckhändler Nielsen wusste ich noch gar nicht. Das wird natürlich übel für die RNL, mal schauen ob sie sich dann finanziell halten können. Ich mag zwar auch den THW Kiel nicht sonderlich, weil dort eben auch diese Einkaufspolitik herrscht, aber man muss dem THW im Gegensatz zu den Emporkömmlingen eben zu gute halten, dass sie echte Sponsoren haben und mittlerweile eine Tradition besitzen. Der THW kassiert zwar viel Geld von Provinzial, aber er ist zumindest kein "Hobby" wie andere Vereine.
McPomm, 12.05.2011
4. Ausrede sehr schwach
Zitat von schmirgol"Schon 2007 hatte die Dominanz des bisherigen Branchenprimus THW Kiel zu bröckeln begonnen. Dennoch hatte sich der Club oben gehalten. Mal entschied das bessere Torverhältnis, mal eine unnötige Heimniederlage eines Konkurrenten für die Kieler." Schon klar, die Dominanz bröckelte und im Folgenden gewann der THW vier weitere Meisterschaften am Stück nur durch "unnötige Heimniederlagen eines Konkurrenten". Respekt! Nichtsdestotrotz: Glückwunsch an den HSV, diese Saison waren sie sehr konstant und hatten das o.g. Glück auch mal auf ihrer Seite. Immer nur THW als Meister ist ja auch langweilig. Wäre schön, wenn Berlin und Flensburg nächste Saison auch noch näher heranrücken würden und es mal einen richtig spannenden Drei- oder Vierkampf um die Schale gäbe. So leicht wird es der HSV auf jeden Fall nicht nochmal haben (wären beim THW nicht Narcisse und Andersson die halbe Saison und dazu Ahlm, Zeitz, Sprenger recht oft verletzt gewesen... das gleiche gilt für Flensburg, die mit ihrem extrem ausgedünnten Kader immer noch Beachtliches geleistet haben, z.B. Ciudad Real auswärts geschlagen, das schaffen die wenigsten) So haben sich die Millioneninvestitionen von RedNoseRudolph und die Begünstigungen durch die Aufsichtsgremien der DHL (Lizenzverstöße, Eigentlich-Insolvenz) letztendlich also doch bezahlt gemacht. Vielleicht findet der Verein jetzt ja sogar mal einen "richtigen" Sponsor und kann ohne Privatspenden überleben. Das wäre dann tatsächlich mal fair und wettkampfmäßig. Management und Trainer des HSVH sind einfach unsympathisch, aber dafür können die Spieler ja nichts, denen sei es absolut gegönnt! @Hans Blafoo: Nielsen zieht sich aus der Bundesliga zurück, da auch "sein Heimatverein" Kopenhagen nächste Saison Champions League spielen wird und es die Statuten der EHL verbieten, in zwei Vereinen gleichzeitig verantwortlich zu sein. Abgefahrenerweise nimmt er gleich noch sechs (!) Spieler von den RNL mit nach Dänemark (die das teilweise wohl gar nicht so recht wollen), womit dort mal wieder, wie jede Saison, von vorne angefangen werden muss.. Das kommt wohl davon, wenn man sich von einem Geldgeber so abhängig macht. Ich würde mir wirklich wünschen, dass von Rudolph beim HSV kein Geld mehr fließt, mal gucken, wie es dann dort aussehen würde..
Verletztenmisere gilt nicht als Ausrede: K. Lijewski, auf gleichem Niveau und der gleichen prekären Spielposition wie K. Andersson, war ebenfalls die halbe Saison und länger verletzt. Parallelen zu Ahlm, Zeitz (hä, der war verletzt gewesen?) und Sprenger gab es beim HSV mit Lackovic, G. Gille und Kraus (und mit Zeitz vergleichbar: auch M. Lijewski fehlte ab und zu). Der THW hat einfach aufgrund der Tatsache nur den zweiten Platz gemacht, weil Omeyer zu häufig schwächelte. Und die sonst so starke zweite Reihe (die ich erwähne wegen der Verletztenproblematik, die du ansprachst) dies nicht konstant kompensiert hat (wie dies in den letzten Jahren der Fall war). Aber was heißt "nur Zweiter"? Die Kieler Anhänger kranken an viel zu hohem Anspruchsdenken, deucht mir.
gardie45 12.05.2011
5. Die Füchse
Wenn es in dieser Saison etwas Bemerkenswertes gibt, dann ist es nicht die überfällige Meisterschaft der millionenschweren Hamburger, sondern die Erfolgsgeschichte der Füchse Berlin. Die liegen mit ihrem relativ geringen finanziellen Aufwand bereits auf Augenhöhe mit Kiel und den Mannheimern - und das in ihrer erst vierten Erstligasaison !
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