Handball auf Sylt Gallisches Dorf in der Nordsee

Der Handball-Club Westerland-List auf der Insel Sylt ist die nördlichste Spielgemeinschaft Deutschlands. Das "Handball-Magazin" über einen Verein, bei dem zehn Stunden Reisezeit bei Auswärtsfahrten zum Alltag gehören und der vom Tourismus kein bisschen profitiert.

Insel Sylt: Prosperierende Tourismusbranche, aber kein Wohlstand an der Vereinsbasis
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Insel Sylt: Prosperierende Tourismusbranche, aber kein Wohlstand an der Vereinsbasis

Von Tim Oliver Kalle


Heike Lorenzen grinst, als sie die Reisegeschichte erzählt: Mal eben für ein Handballspiel in den Flieger steigen, um Zeit zu sparen und auf Föhr, ein Landfleckchen weiter, beim Wyker TB ein bisschen zu daddeln. Wie soll das bei einer Sylter Mannschaft, der Insel der Reichen und Schönen, auch anders sein?

Aber Lorenzen, 49, ist alles andere als eine Vertreterin des Jetsets und lebt seit Jahrzehnten mit der SG Westerland-List ihr Hobby Handball. Dass die Frauenmannschaft vor einigen Jahren mal das karge Fahrtgeld aus eigener Tasche aufstockte und sich mit dem Privatflugzeug eines wohlgesonnenen Pressegrossisten befördern ließ, ist noch immer die große Ausnahme im strapaziösen Alltag der nördlichsten Spielgemeinschaft Deutschlands.

Ein Spiel auf Föhr ist normalerweise ein logistisches Extrem: Von Westerland mit dem Zug über den Hindenburgdamm aufs Festland, dann von Dagebüll die Fähre nehmen - das summiert sich schnell auf zehn Stunden Reisezeit für 60 Minuten Handball. "Mit dem Flieger", erinnert sich Lorenzen vergnügt, "war das eine Sache von drei Stunden. Und gewonnen haben wir das Spiel auch noch."

"Wir sind hier ein bisschen wie Asterix und dieses gallische Dorf"

Wer die SG Westerland-List verstehen möchte, muss sich erstmal von allen Vorurteilen befreien: Es gibt keine Stars und Sternchen, die den Sportverein an ihrem Urlaubsdomizil mit Geld aufpumpen; die prosperierende Tourismusbranche sorgt nicht für Wohlstand an der Vereinsbasis. Nur sieben Sponsorentafeln verlieren sich an der Wand der Realschulsporthalle. Das sportliche und wirtschaftliche Überleben ist das Ergebnis ehrenamtlichen Engagements.

"Wir sind hier ein bisschen wie Asterix und dieses gallische Dorf, und den Schluck aus der Pulle geben wir uns selbst", sagt Peter Schnittgard. Der 72-Jährige ist der Motor der SG: Als ehemaliger Tourismusdirektor, stellvertretender Bürgervorsteher und Vorsitzender des Schul-, Jugend-, Kultur- und Sportausschusses ist der Rentner bestens vernetzt. Seit 1984 steuert er als Vorsitzender die Geschicke des 1800 Mitglieder starken TSV Westerland, leitet die SG und trainiert die Minis.

Vor einigen Wochen thematisierte das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL in einer Reportage mit dem Titel "Insel ohne Insulaner" das Aussterben der Ursylter: Das Leben auf der liebsten Insel der Deutschen wird immer teurer, sodass sich viele Einheimische das Bleiben nicht mehr leisten können, auswandern und nur noch als Pendler zurückkehren.

Schnittgard weiß um den bedrohlichen Trend hin zum Teilzeit-Insulaner und den das öffentliche Leben dominierenden Tourismus. "Die Insel", sagt Schnittgard, "braucht ein zweites Gesicht. Denn es gibt Menschen, die auch hier wohnen." Vor allem für die Kinder und Jugendlichen, die ständig auf der Insel leben, schafft die SG Westerland-List ein sportliches Angebot.

"Was wir hier machen, ist ein Versuchsfeld"

Seit 1946 wird auf Sylt Handball gespielt. 1989 schlossen sich der TSV Westerland und die Sportfreunde List zu einer Spielgemeinschaft zusammen. "Was wir hier machen, ist ein Versuchsfeld, wie Handball funktionieren kann", sagt Schnittgard. Die SG überlebt als Selbstversorger, sucht sich in Grundschulen und Kindertagesstätten neue Talente und zieht sich ihre eigenen Trainer und Schiedsrichter mit großem Engagement heran.

Olaf Rogge, 44, ist seit 2005 sogar Inhaber der A-Lizenz und könnte damit in der Bundesliga trainieren. Stattdessen kümmert sich der Funktechniker um die C-Jugend der SG. Er war mal auf dem Festland und hat die Landesauswahl Schleswig-Holsteins und Frauen-Zweitligist TSV Nord Harrislee trainiert, doch von Sylt ist er nicht losgekommen. "Das hier ist noch eine große Familie", sagt er. "Und es gibt hier ein Ehrenwort. Hier läuft nichts über Verträge - wenn einer zusagt, sagt er zu." Der größte Feind der Vereinstreue ist das Alter: Abitur, berufliche Ausbildung und Studium dünnen die Mannschaften ab der B-Jugend aus und gefährden die Teilnahme am Spielbetrieb.

"Ab 15, 16 Jahren wird es schwierig, die Mannschaften zu halten", sagt Heike Lorenzen. Ihr 18-jähriger Sohn Fin spielt zum Beispiel auf dem Festland in der A-Jugend der SG Niebüll/Süderlügum - auch wegen der sportlichen Perspektive. Rogge schaut mit geschultem Blick auf die Sylter Talente: "Wenn die zu gut sind, sagen wir ihnen schon, dass sie rübergehen sollen."

In der Saison 2010/2011 stellt die SG Westerland-List sechs Mannschaften. Bis zu 200 Zuschauer kommen an Spieltagen in die Sporthalle. Von Zeit zu Zeit werden einige Zugezogene wie Michael Altenbeck ins Sammelbecken der SG gespült. "Ich habe gedacht, dass Sylt ein Schlaraffenland für Handball ist", sagt der 47-jährige Rechtshänder, der früher als Bundesligaspieler unter anderem in Diensten des TuS N-Lübbecke stand.

Inzwischen ist er auf der Insel heimisch geworden, verkauft in drei Läden Wohndekoration und unterstützt die Handballer nicht nur mit Trikots. Altenbeck beteiligt sich am Neustart der SG in der Kreisliga. Viele Talente, die als Jugendliche im vergangenen Frühjahr noch Meister in der Regionalklasse waren, stehen im Team des Trainers Lars Schnittgard. Vielleicht werden sie in einigen Monaten aufsteigen. Doch Altenbeck weiß nur zu gut um die begrenzten Möglichkeiten einer Insel wie Sylt - trotz des vielen Geldes.



insgesamt 3 Beiträge
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jmat17 21.10.2010
1. Geisterschiffe
Irgendwie stimmt die Dramatik nicht so ganz. Meines Wissens gibt es eine Fähre von Hörnum nach Föhr - und die benötigt keine "10 stunden" - oder?
Stormbringer1967 24.10.2010
2. Fähre
@jmat17: Unqualifizierter Kommentar. Da hat jemand keine Ahnung. Ich habe früher selbst beim (damals noch) TSV Westerland Handball gespielt und war mehrfach auf Föhr. Und glaube mir: Wenn es eine Fähre von Sylt nach Föhr geben würde, hätten wir sie gern genutzt. Es ist wirklich so: Autozug bzw. Zug nach Niebüll, dann nach Dagebüll, und dann mit der Fähre von dort aus nach Wyk auf Föhr. Wir mussten auch bis nach Kappeln an die Ostsee reisen (und die natürlich auch zu uns). Das dauert. Und wenn wir den letzten Zug zurück auf die Insel verpasst haben, sind wir auch mal (höchst illegal) nachts zu Fuss über den Hindenburgdamm gelaufen. Also, Zitat Dieter Nuhr: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal ...
sylterin 28.12.2010
3. Alle Sportarten
Mit diesen Problemen haben alle Sportarten auf Sylt zu kämpfen. Vor allem natürlich die Randsportarten wie Sportkegeln und ähnliche. Hier ist viel Engagement und Zeit erforderlich , um für seinen Sport zu leben.
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