Saisonstart im Handball Liga der Langeweile

Die stärkste Handball-Liga der Welt startet in die neue Saison. Läuft alles normal, wird der alte Meister auch der neue sein: THW Kiel. Nahezu die gesamte Konkurrenz muss ihre Ansprüche zurückschrauben - es droht eine Saison der Langeweile.

THW-Trainer Gislason: "Erst mal die Neuzugänge einarbeiten"
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THW-Trainer Gislason: "Erst mal die Neuzugänge einarbeiten"

Von und Florian Schröder


Das Gerede vom Top-Favoriten kann er nicht leiden. "Im Handball kann sich alles ganz schnell ändern", sagte der Trainer des THW Kiel, Alfred Gislason, und machte dabei ein Gesicht, als ob er das tatsächlich ernst meinte. "Wir müssen jetzt erst mal die Neuzugänge einarbeiten und dann geht es in der neuen Saison wieder bei Null los", so der Isländer, der mit seinem Team Titelverteidiger ist. Neben ihm saßen Martin Schwalb, Trainer des HSV Hamburg, und Ljubomir Vranjes, Coach der SG Flensburg/Handewitt. Während Gislason erklärte, warum die neue Saison kein Selbstgänger für seine Mannschaft werde, lächelten beide gequält.

Dass der THW Kiel wieder Deutscher Meister wird, daran besteht in der Liga kein Zweifel. "Auch wenn es langweilig wird: Kiel wird es machen", sagte Balingens Coach Rolf Brack stellvertretend für seine Kollegen. Die Trainer der 17 anderen Clubs sind sich vor der am Freitagabend beginnenden Bundesliga-Saison einig: Sie alle tippten in einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur auf den THW als Meister.

Dabei ist es nicht nur die spielerische und wirtschaftliche Stärke des THW, die ihn zum Top-Favoriten macht. Kiel gehen die Konkurrenten aus. Gab es vor wenigen Jahren noch einen Zwei-, Drei- oder auch Vierkampf um den Titel, stellt sich vor dieser Saison nicht die Frage, ob Kiel wieder Meister wird, sondern ob der Club - wie in der vergangenen Spielzeit - erneut ohne Verlustpunkt triumphiert.

"Die Meisterschaft ist für uns nicht realistisch"

"Der THW kann von mir aus Meister werden, aber bitte erst am letzten Spieltag. Das würde der Liga guttun", sagt Bob Hanning, Manager der Füchse Berlin. Dessen Club wurde in den beiden vergangenen Spielzeiten jeweils Dritter, konnte seinen Stamm fast vollständig halten und den Etat von 4,7 auf 5,2 Millionen Euro steigern.

Wie die Füchse sieht sich auch Vizemeister SG Flensburg-Handewitt nicht in der Lage, den THW zu attackieren. "Die Meisterschaft ist für uns nicht realistisch", sagt Coach Vranjes. Ein Jahrzehnt war die SG der große Kieler Konkurrent, wurde zwischen 1996 und 2006 einmal Meister und siebenmal Zweiter. Doch während Kiel seinen Etat immer weiter steigern konnte, musste sich die SG irgendwann gesundschrumpfen. Für die kommende Saison plant der Club immerhin mit 5,7 anstatt fünf Millionen Euro in der Vorsaison. Zum Vergleich: Kiels Etat umfasst unverändert 9,5 Millionen Euro.

Bleibt der HSV Hamburg, den Gislason "wesentlich stärker" als in der Vorsaison (Platz vier) erwartet. Doch beim Meister von 2011 will man nichts von einem möglichen Zweikampf mit dem THW wissen. "Wir sind zurzeit nicht in der Situation, über einen Titel zu reden", sagt Schwalb.

"Bescheidenheit tut uns gut"

Die Zurückhaltung in Hamburg hat - neben dem Abgang der Brüder Bertrand und Guillaume Gille - einen einfachen Grund: Der Rückzug von Andreas Rudolph. Jahrelang hatte der Mäzen Geld aus seinem Privatvermögen lockergemacht. Doch damit soll nun Schluss sein, der Verein soll sich wirtschaftlich selbst tragen. Daher wurde der Etat von neun auf 8,1 Millionen Euro gesenkt. Doch selbst das scheint nicht genug: Laut "Hamburger Abendblatt" sollen einige Spieler, die unter Rudolph mit sehr gut dotierten Verträgen ausgestatte wurden, gebeten worden sein, auf 20 Prozent Gehalt zu verzichten, damit der Etat gedeckt werden kann.

Noch drastischer als das Beispiel HSV zeigen die Rhein-Neckar Löwen, was passiert, wenn ein einzelner Gelgeber aussteigt. Nachdem sich der dänische Unternehmer Jesper Nielsen - wie auch nun bei AG Kopenhagen - zurückgezogen hatte, mussten die Löwen diverse Leistungsträger abgeben. Der Etat wurde um fast ein Drittel, von 7,5 auf 5,2 Millionen Euro zurückgefahren.

Der THW also nur unangefochten, weil die Konkurrenz schwächelt? Nicht ganz. Schließlich arbeitet der Club seit Jahren nicht nur wirtschaftlich erfolgreich, sondern stellt seine sportliche Kompetenz bei der Kaderzusammenstellung immer wieder neu unter Beweis. In diesem Sommer haben Kim Andersson (rechter Rückraum) und Henrik Lundström (Linksaußen) den THW verlassen, dafür kamen als Ersatz in Marko Vujin und Gudjon Valur Sigurdsson zwei internationale Top-Stars.

Allein die fehlende Pause in diesem Sommer könnte für Kiel zum Problem werden. Der THW stellte für die Olympischen Sommerspiele in London sieben Profis ab, so viel wie kein anderer Bundesligist. Hamburg und Flensburg stellten jeweils sechs Spieler für Olympia ab. Der Trainer der SG, Ljubomir Vranjes, kann der Extrabelastung durch die Spiele aber auch etwas Positives abgewinnen: "Erfolgreiche Teilnehmer können die Olympia-Euphorie ans gesamte Team übertragen." In London holte Frankreich die Goldmedaille. Zwei Spieler aus dem erfolgreichen Team stehen in der Bundesliga unter Vertrag, Thierry Omeyer und Daniel Narcisse. Sie spielen beim THW Kiel.



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