Handball-Bundestrainer Brand Monarch mit Bodenhaftung

Der Gewinn des WM-Titels war auch das Verdienst von Bundestrainer Heiner Brand. Das nächste Ziel hat Brand schon im Visier - die Olympischen Sommerspiele 2008. Davor ist wieder Alltag angesagt - so wie beim heutigen Freundschaftsspiel gegen die Schweiz.


Auch in diesem Hype, in dieser Hysterie um den deutschen Handball und um ihn, der ihn wie kein anderer verkörpert, blieb Heiner Brand sich treu. Dass in den Tagen der diesjährigen WM ganz Deutschland auf seine Sportart blickte, freute den Bundestrainer, aber es versetzte ihn nicht in Ekstase. "Das macht mich schon ein bisschen stolz", sagte der 54-jährige Gummersbacher vor dem Finale in Köln. Der Gewinn dieses Titels "wäre schon eine Art Krönung". Zumal er der erste Handballer der Geschichte ist, der diesen Titel als Spieler und Trainer trägt. Und natürlich ließ sich Brand nach dem 29:24-Endspielsieg gegen Polen feiern: Geschultert von Lars Kaufmann, empfing der bekannteste Schnauzbart hierzulande die stehenden Ovationen der 19.000 Zuschauer in der Köln-Arena.

Aber anders als seine Spieler nahm Brand die Pappkrone bald wieder ab, ein solches Symbol entspricht nicht seiner Mentalität. Bereits in Ljubljana 2004 nach dem EM-Sieg war sein Jubel nicht ekstatisch ausgefallen. Wie Brand tickt, welche Idee er hat vom sozialen Miteinander und vom Hochleistungssport, das verriet er damals, als er in Sloweniens Hauptstadt den Triumph analysierte. Brand stellte sich hintan, lobte stattdessen seine Spieler.

Man merkte ihm die große Freude darüber an, dass sie diesen Titel als eine verschworene Gemeinschaft gewonnen hatten. So war es auch zwei Jahre später beim "Wunder von Köln". Für Egoisten habe er keinen Platz, sagte er bei seinem Antritt als Bundestrainer 1997. Schon nach der missglückten WM-Qualifikation 1996, die ihn vorzeitig als Nachfolger des gescheiterten Arno Ehret ins Amt gebracht hatte, verlangte Brand von seinen Spielern den unbedingten Willen zum Sieg. "Ich muss das Feuer in ihren Augen sehen."

Begonnen hatte Brands Trainerkarriere direkt nach seiner aktiven Karriere 1982. So assistierte Brand dem Stenzel-Nachfolger Simon Schobel auch beim Gewinn der olympischen Silbermedaille 1984. Doch er erlebte mit seinem Mentor auch diverse Pleiten, die WM 1986 etwa oder zwei verpasste Olympia-Qualifikationen (1983 und 1987). Obwohl als Coach noch unerfahren, wurde Brand bereits als kommender Bundestrainer gehandelt. Doch er folgte aus Loyalität nicht Schobel nach, sondern übernahm den VfL Gummersbach, "seinen Verein", dessen größte Zeit schon Vergangenheit war. Als Nachfolger seines Bruders Klaus formte er zwei Meisterteams (1988 und 1991). Nach dem Triumph 1991, dem ersten gesamtdeutschen, hörte Brand in Gummersbach auf. Es war die feste Absicht des Diplom-Kaufmanns, sich ganz aus dem Handball zurückziehen. Brand wollte sich mit ganzer Kraft der Versicherungsagentur widmen, die sein Vater nach dem Krieg aufgebaut hatte.

Aber Brand überlegte es sich schnell wieder und ließ sich nach nur einem Jahr Handball-Abstinenz zur SG Wallau-Massenheim lotsen. Als er dort 1993 für das Double (Meisterschaft und Pokal) verantwortlich war, bezeichnete ihn die "Handballwoche" als "Mann mit eingebauter Erfolgsgarantie". Doch es kamen auch schlechtere Zeiten. Nach Dissonanzen mit SG-Manager Bodo Ströhmann wurde Brand Ende 1993 gefeuert, nach seiner Rückkehr zum VfL Gummersbach (1994 und 1996) blieben die Erfolge aus.

Wer in die Mannschaft passt, auch charakterlich, das war und ist Brand nicht selten wichtiger als das rein Sportliche. "Ein Führungsspieler ist so etwas wie ein Verbindungsstück zwischen Trainer und Mannschaft. Der Führungsspieler weiß und spürt, was ich in diesem Moment des Spiels von der Mannschaft möchte", sagt Brand, "Mannschaftssport ist auf Hierarchie angewiesen. Eine Mannschaft, die aus zwölf Gleichen zusammengesetzt ist, kommt nicht weit."

Den Respekt der Trainerkollegen hat Brand, der nie auch nur den Eindruck zulässt, dass die öffentliche Meinung seine Arbeit beeinflussen könne. "Wer so ruhig, besonnen und systematisch immer wieder Topmannschaften aufbaut, der hat dieses unglaublich hohe Standing verdient", sagt der ehemalige Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters.

Zu einem Sympathieträger macht Brand auch, dass er die Dinge stets einzuordnen weiß. Handball sei sein Leben, räumt Brand ein, aber es gebe Wichtigeres, das habe ihn der Unfall seines Freundes Joachim Deckarm gelehrt. Der Nationalspieler war 1979 bei einem Spiel der Gummersbacher in Ungarn auf den Betonboden gestürzt und hatte sich schwere Kopfverletzungen zugezogen. Deckarm lag 131 Tage im Koma und ist bis heute auf Betreuung angewiesen. "Ich lebe seit dem Unfall bewusster und habe auch bewusster gespielt", sagt Brand.

Wie lange er dem Deutschen Handball-Bund noch treu bleibt? Klar ist nur, dass Brand, der sich häufig mit der Liga anlegt, seinen bis 2008 laufenden Vertrag erfüllen wird. Sein neues Ziel sind die Olympischen Sommerspiele in Peking. Schon länger liebäugelt Brand mit einem Wechsel ins Ausland, Frankreich und Spanien reizen. Auch ein Engagement in Berlin, lange Zeit eine Art Handball-Sperrgebiet, kann er sich vorstellen. Aber andererseits: Heiner Brand nicht mehr in Gummersbach, nicht mehr Bundestrainer? Vorstellen kann sich das irgendwie keiner.



insgesamt 172 Beiträge
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Seite 1
MarioM81 04.02.2007
1.
ich hoffe es Fussball ist auch ein schöner Sport, nur irgendwie ist mir Handball symphatischer...
MacClaus, 04.02.2007
2.
Nee, ein kurzes Strohfeuer!
thomaskossatz, 04.02.2007
3.
Wenn der DHB clever ist, ja. Aber ist er das? Ich hätte die WM fast verpasst. Null Marketing.
naddi97, 04.02.2007
4. Weiter aufwärts
Hoffentlich hält der Handballboom an und die Leute merken endlich, daß es spannendere Sportarten gibt als z. B. Fußball, wo man bei einem Spielstand von angenommen 2 : 0 und einer Restspielzeit von ca. 20 Minuten getrost nach Hause gehen. Passiert doch heute überwiegend bei den Bundesligabegegnungen, einfach zum Einschlafen. Handball, insbes. bei knappen Spielständen ist der wahre Nervenkitzel gerade jetzt bei uns im Lande des Weltmeisters.
JorgeAmado, 04.02.2007
5.
Ich habe damals als 12-jähriger im Euphorie-taumel um die Weltmeisterschaft 1978 mit dem Handballspielen angefangen. Das auch konsequent bis zu meinem 30 Lebensjahr gemacht. Es gab damals viele die sich für Handball und nicht für Fußball entschieden haben. Dieser Titelgewinn wird dem Handball als Breiten- und Spitzensport sehr, sehr gut tun. Ich freue mich riesig darüber !
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