Handball-Club SG Leutershausen Eine Herzensangelegenheit

Vor vier Jahren stand Leutershausen am Abgrund. Doch weil frühere Stars wie Uli Roth ihrem Herzen folgten, strebt der Club zurück in den Profisport. Das "Handball-Magazin" beschreibt die Erfolgsstory der SG, für die die dritte Liga nur eine Durchgangsstation sein soll.
Leutershausens Macher Uli Roth: "Atemberaubende Entwicklung"

Leutershausens Macher Uli Roth: "Atemberaubende Entwicklung"

Foto: Ronald Wittek/ picture-alliance/ dpa

Die Vergangenheit? Uli Roth zuckt ein wenig zusammen. Kaum merklich zwar, aber doch ausreichend, um sein Gegenüber spüren zu lassen, dass er darüber lieber nicht reden möchte. Natürlich, er könnte jetzt einen Vortrag über die erfolgreiche Vereinshistorie der SG Leutershausen halten. Aber Roth, der seine große Handball-Karriere mit 151 Länderspielen und Olympiasilber 1984 in Los Angeles einst bei der SGL begonnen und später auch dort beendet hat, weiß, dass das nicht die richtige Antwort wäre. Wenn nach der Vergangenheit der Leutershausener Handballer gefragt wird, dann ist damit kaum mehr die alte, ruhmreiche Geschichte gemeint, sondern die jüngere, nicht ruhmreiche.

Die Entwicklung bei der SG Leutershausen Mitte des vergangenen Jahrzehnts ist eine jener traurigen Untergangsgeschichten, wie sie im Handball immer wieder vorkommen und die im Ruin enden. Vor vier Jahren hatte der damalige Zweitligist rund 360.000 Euro Schulden angehäuft, die Insolvenz war die Folge, ebenso wie der Abstieg in die viertklassige Oberliga Baden-Württemberg.

"Es ist schlimm, was passiert ist", sagt Roth, dessen Zwillingsbruder Michael Bundesligist HSG Wetzlar trainiert. "Aber wir haben uns nie mit dem Rückblick beschäftigt. Die Zukunft kostet so viel Kraft, dass wir keine für die Vergangenheit verschwenden sollten."

Platz drei als Aufsteiger in der Regionalliga

Die Zukunft? Uli Roth sitzt auf der Treppe zur Heinrich-Beck-Halle, einer jener rechteckigen Schulturnhallenklötze, wie man sie früher gebaut hat, blinzelt in die Frühlingssonne und wirkt sehr entspannt, wenn er darüber reden soll. Die Saison ist gerade zu Ende gegangen, Platz drei hat Aufsteiger Leutershausen in der Regionalliga belegt und sich damit souverän für die neugeschaffene dritte Liga qualifiziert. "Atemberaubend" nennt Roth diese Entwicklung.

Seit drei Jahren ist er Zweiter Vorsitzender der SGL, auch ein bisschen Manager. Als der 48-Jährige, im Nicht-Handball-Leben Manager der Popband Pur, 2007 bei der SGL einstieg, war da nichts. Gar nichts. Außer dem in der Mannschaft der Alten Herren geborenen Wunsch, den Handball in Leutershausen, ihre große Liebe, nicht so jämmerlich vor die Hunde gehen zu lassen. Gesucht wurden ein paar Männer, die das in die Hand nehmen wollten.

Im April 2007, nachdem eine Saison lang keine Männermannschaft aus Leutershausen am Spielbetrieb teilgenommen hatte, fiel der Startschuss für die neuen Macher. "Wir haben bei Null angefangen", sagt Roth. "Null hieß damals zwar null Bälle und null Trikots, es hieß aber auch null Schulden."

In den Vereinsgremien wurde Tabula rasa gemacht, vor allem personell. "Ganz wichtig war, dass wir die alten Zöpfe abgeschnitten haben", sagt Jörg Büssecker. Büssecker, der in Leutershausen eine Steuerkanzlei mit mehr als 20 Mitarbeitern betreibt, ist seit fast 30 Jahren eng mit Roth befreundet. Früher war er Roths Torhüter, jetzt kämpfen die beiden wieder Seite an Seite, in einem Team, für eine Mannschaft, für ihre SG Leutershausen. "Herzensangelegenheit", nennen beide ihr Wirken.

Trainer Löhr: "Ein ganz großes Puzzle"

Die Namen Roth und Büssecker haben einen guten Klang. In Leutershausen und im Handball, auch das ist einer der Schlüssel zum neuen Erfolg der SGL. Vor allem aber hatten sie von Anfang an ein gutes Konzept, auch wenn es kein gänzlich neues ist: Mit jungen deutschen Spielern, am besten aus dem eigenen Verein oder der Region, wollten sie von Anfang an den Aufschwung in die Wege leiten, trainiert am besten von einem jungen, deutschen Trainer.

Der neue Coach war erstaunlich schnell gefunden - und nicht minder prominent als Roth und Büssecker. Nur kurz musste Holger Löhr nach dem ersten Telefonat mit Roth überlegen, dann willigte der ehemalige SGL- und Nationalspieler ein. Für den 39-Jährigen ist Leutershausen die erste Trainerstation, und ein kleines Abenteuer obendrein. Zu Beginn nämlich war Löhr ein Trainer ohne Mannschaft, die Spieler mussten erst noch gesucht werden. "Am Anfang war das ein ganz großes Puzzle", sagt Löhr. Aber der studierte Diplom-Betriebswirt erkannte darin auch eine große und ziemlich einmalige Chance. "Dadurch, dass auch ich bei Null angefangen habe, konnte ich von Anfang an sehr viel von meiner Handballphilosophie einbringen", sagt der ehemalige Rechtsaußen und 92-malige Nationalspieler.

Die SGL stellt die Weichen für die Zukunft

Sein großes Puzzle begonnen hat Löhr vor nunmehr drei Spielzeiten, mit 30 Spielern verteilt auf zwei Mannschaften. Die meisten von ihnen waren junge Talente aus der Landesliga, ein paar hatten Oberliga-Erfahrung, lediglich Torhüter Liviu Ianos, 107-maliger rumänischer Nationalspieler und bereits zwischen 1997 und 2003 für die SG aktiv, hatte schon höherklassig gespielt. Dritter wurde die Mannschaft in ihrem ersten Jahr in der Oberliga, Meister im zweiten, nun, in Löhrs drittem Jahr als Coach, sprang Platz drei in der Regionalliga und damit die Qualifikation für die dritte Liga heraus.

Es ist eine wirklich erstaunliche Entwicklung, zumal sich der Kern der Mannschaft kaum verändert hat. Löhr weiß, dass er in Leutershausen nicht jede Saison neue, bessere und teurere Spieler fordern kann. Daher formt und entwickelt er jene, die ihm zur Verfügung stehen. Oder solche, die unbedingt zu ihm und der SG kommen wollen, eben weil sie wissen, dass sie sich dort weiterentwickeln können.

"Galionsfigur" nennt Uli Roth seinen Trainer deshalb. Und er sagt: "Was die Professionalität angeht, ist das Training von Holger schon jetzt ein, zwei Klassen höher angesiedelt."

Ein Aufstieg ist es jetzt noch bis in die zweite Liga. Also dorthin, wo sie waren, und wo sie wieder hinwollen. Nur auf anderem, soliderem Weg. "In den nächsten zwei, drei Jahren wollen wir schon aufsteigen", sagt Büssecker. Sonst mache es ja keinen Sinn, die ganze ehrenamtliche Arbeit, bis zu 20 Stunden pro Woche - und das neben dem eigentlichen Job.

Wirtschaftliche Schwergewichte als Türöffner

Büssecker weiß, dass die SG sich für die zweite Liga nochmal strecken muss, in allen Bereichen. Um dies einfacher zu gestalten, wird der Spielbetrieb der ersten Mannschaft zum 1. Juli dieses Jahres in eine GmbH & Co. KG ausgegliedert. Platz im Aufsichtsrat soll dann auch für Klaus Heinrich, ehemaliges SAP-Vorstandsmitglied, und den Viernheimer Unternehmer Jürgen B. Harder sein. Beide sind wirtschaftliche Schwergewichte aus der Region, beide sollen neben Roth als Türöffner bei potenziellen Sponsoren dienen.

Einen Etat in der Größenordnung von 400.000 bis 600.000 Euro, glaubt SG-Finanzchef Büssecker, brauche es für die zweite Liga. Mit 300.000 Euro hatten sie die zurückliegende Runde geplant, finanziert von mehr als 200 kleineren und mittleren Sponsoren aus der Region, allerdings noch ohne Hauptsponsor.

Auch die Spieler und somit die Mannschaft stehen vor der nächsten Entwicklungsstufe. "Dass der eine oder andere da an seine Grenzen stößt, ist klar", sagt Holger Löhr. "Wenn es soweit kommt, werden wir uns auch von Spielern trennen müssen", ergänzt Roth.

Schon für die erste Saison in Liga drei haben sie ein wenig aufgerüstet. Hannes Volk und Matthias Conrad kommen vom Zweitligisten Tuspo Obernburg. "Das sind unsere ersten beiden Großtransfers", sagt Büssecker. Er und Roth wissen natürlich, dass weitere folgen müssen, wenn es nach ganz oben gehen soll. Doch sie haben sich auch fest vorgenommen, dass sich die jüngere Geschichte der SG Leutershausen nicht wiederholen soll.

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