Handball-Coach Sigurdsson "Ich warte darauf, gefeuert zu werden"

Bundesligist Füchse Berlin sorgt diese Saison für Furore. Im Interview mit dem "Handball-Magazin" spricht Chefcoach Dagur Sigurdsson über den Erfolg seines Teams, sein Verhältnis zu Geschäftsführer Bob Hanning und das zwangsläufige Schicksal eines Trainers.

Füchse-Trainer Sigurdsson: "Der Verein ist unkompliziert, weil wir jung sind"
REUTERS

Füchse-Trainer Sigurdsson: "Der Verein ist unkompliziert, weil wir jung sind"


Frage: Herr Sigurdsson, Ihr Team hat die ersten sieben Bundesligaspiele gewonnen und ist derzeit Zweiter hinter dem HSV Hamburg. Wo liegen die Gründe für den Erfolg?

Sigurdsson: Wir haben vergangene Spielzeit bereits eine gute Rückrunde gespielt. Vielleicht sind die aktuellen Ergebnisse eine logische Folge davon. Aber das haben wir uns hart erarbeitet und nur wegen eines guten Charakters der Mannschaft geschafft.

Frage: War das bisherige Highlight der 26:23-Erfolg gegen den THW Kiel?

Sigurdsson: Ja, aber den Sieg bewerte ich nicht über. Durch diesen Erfolg hat das Umfeld einen riesigen Schwung bekommen. Aber dass wir über längere Zeit stabil spielen, ist für mich wertvoller als ein einzelner Sieg.

Frage: Was bedeutet es Ihnen, Trainer der Füchse zu sein?

Sigurdsson: Wir haben innerhalb des Vereins eine gute Hierarchie mit kurzen Wegen. Man muss nicht lange darüber diskutieren, was zu tun ist. Ich und Bob (Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning, die Red.) sind für den Sport verantwortlich. Der Verein ist unkompliziert, weil wir jung sind. Das ist ein großer Vorteil. Der Job ist eine Riesenchance.

Frage: Ist das Verhältnis zwischen Bob Hanning, der Sie zurück nach Deutschland geholt hat, und Ihnen der Erfolgsfaktor der Füchse?

Sigurdsson: Es ist in jedem Fall wichtig, dass wir harmonieren. Natürlich geht das auch anders, aber für langfristigen Erfolg muss es Harmonie und Respekt geben. Das gilt nicht nur für Bob und mich, sondern auch für unseren Präsidenten oder den Mannschaftskapitän.

Frage: Sie haben nach Stationen in Deutschland, Japan und Österreich schon wieder in Ihrer Heimat gewohnt, bevor Sie nach Berlin gegangen sind. Wie ist Ihre Frau mit Ihrem Berufswunsch klargekommen?

Sigurdsson: Wir waren eigentlich nach Hause gekommen, um dort zu bleiben, aber dann kam Bobs Anruf.

Frage: Und?

Sigurdsson: Meine Frau hat schon viele verrückte Sachen mitgemacht. Das war keine große Diskussion. Sie war einfach dafür.

HM: Ihre drei Kinder leben sehr international.

Sigurdsson: Ja, die beiden Mädchen sind in Deutschland geboren. Wir waren in Japan, Österreich, Island und sind nun wieder zurück nach Deutschland gegangen.

Frage: Empfinden Sie so etwas wie Heimat?

Sigurdsson: Ich glaube, dass sie Island als Heimat fühlen. Wir sind jeden Sommer da, sie waren dort zwei Jahre in der Schule, und wir reden zu Hause isländisch. Von ihrem Bauchgefühl sind sie Isländer. Und die meisten Isländer kommen irgendwann zurück nach Island.

Frage: Wie ist es, in der Medienstadt Berlin zu arbeiten?

Sigurdsson: Ich habe auch schon als österreichischer Nationaltrainer sehr viel Medienarbeit geleistet. Ich nehme das als Teil meines Jobs wahr. Journalisten können mich eigentlich Tag und Nacht anrufen - das macht mir nichts aus. Auf der anderen Seite lese ich gar nicht, was geschrieben wird und rege mich deswegen auch nicht auf. Es bräuchte ohnehin viel zu viel Zeit, jeden Artikel und jede Aussage zu kontrollieren.

Frage: Ihren Vertrag haben Sie just bis 2013 verlängert. Was wollen Sie in dieser Zeit mit den Füchsen erreichen?

Sigurdsson: Wir sind auf einem guten Weg und wollen jedes Jahr besser werden und Erfolg haben. Die Art und Weise, wie man Erfolg hat, ist allerdings noch interessanter, als nur Erfolg zu haben.

Frage: Wie meinen Sie das?

Sigurdsson: Wir wollen auch jungen Berliner Spielern eine Chance geben. Das müssen wir Stück für Stück schaffen. Beispiel: Unsere B-Jugend ist Deutscher Meister. Von denen wollen wir einige in den Bundesligakader bringen. Über den Weg sind Bob und ich uns einig.

Frage: Bundestrainer Heiner Brand sieht die Trainer der Bundesliga in einer Verantwortung für seine Nationalmannschaft.

Sigurdsson: Das sind wir sicherlich, und wir nehmen das in Berlin auch ernst. Die Spieler bekommen zwar keinen Bonus, nur weil sie deutsch sind - so kann eine Handballmannschaft nicht funktionieren. Aber sie werden hier gefordert, Verantwortung zu übernehmen. Das ist ein sehr wichtiger Punkt auch für die deutsche Nationalmannschaft.

Frage: In dieser Saison haben bereits sechs Kollegen ihren Stuhl geräumt. Fehlt in der ersten Liga die Geduld mit Trainern und deren Ideen?

Sigurdsson: Dass Trainer ihren Job verlieren, gehört einfach zu unserem Geschäft. Langfristig kann man viel planen, aber kurzfristig braucht man einfach Ergebnisse und ein gewisses Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort auf die richtige Truppe zu treffen. Wer in den Trainerberuf kommt, darf eine Trennung nicht persönlich nehmen. Irgendwann kommt die Zeit, in der ich rausgeschmissen werde. Ich werde versuchen, das dann trocken zu sehen.

Frage: So eine Situation ist Ihnen bisher erspart geblieben.

Sigurdsson: Aber ich bin auch noch ein junger Trainer. In Island heißt es: Man wird erst ein guter Trainer, wenn man einmal irgendwo gefeuert worden ist. Die Erfahrung muss man machen. Deshalb warte ich darauf.

Das Interview mit Dagur Sigurdsson in voller Länge finden Sie in der neuesten Ausgabe des "Handball-Magazins".

Das Interview führte Tim Oliver Kalle

Mehr zum Thema


zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.