Handball-EM Eine schrecklich nette Familie

Witze, Waffeln, Wetterkapriolen: Obwohl es um einen wichtigen Titel geht, herrscht bei der Handball-EM in Norwegen familiäre Atmosphäre. Die Stars präsentieren sich volksnah, Bundestrainer Brand sorgt für Unterhaltung. Nur das Wetter spielt nicht immer mit.

Von , Lillehammer


Gro Eide ist sprachlos. Gerade hatte Alfred Gislason, zu diesem Zeitpunkt noch isländischer Nationaltrainer, seinen Kommentar zur Niederlage gegen Deutschland (27:35) in perfektem Englisch abgegeben, da fällt der Moderatorin ein, dass die Analyse des deutschen Bundestrainers Heiner Brand noch gar nicht übersetzt wurde. "Ich spreche Deutsch", sagt Brand demonstrativ zu Beginn jeder Pressekonferenz - auch wenn zuvor angekündigt wurde, das folgende Gespräch werde auf Englisch geführt. Für das Island-Spiel hatten die Organisatoren offenbar vergessen, einen Dolmetscher für die Deutschen zu engagieren.

"Ich könnte Heiners Statement übersetzen", sagt Gislason, der vorgestern seinen Rücktritt als Nationalcoach verkündet hat. Der 47-Jährige arbeitet seit 1999 als Trainer in der Bundesliga: erst beim SC Magdeburg, seit 2006 beim VfL Gummersbach. Zuvor spielte er zwei Jahre für die SG Hameln. Obwohl die Brand-Rede zu diesem Zeitpunkt schon einige Minuten alt ist, gibt Gislason ein exaktes Resümee wieder. Brand ist sichtlich begeistert: "Das war die beste Übersetzung auf einer Pressekonferenz bisher", lobt Brand. Man kennt sich, man versteht sich. Die 60 anwesenden Journalisten lachen und spenden den beiden Entertainern auf dem Podium Beifall. Für Momente wähnt man sich im Kabarett.

Es ist genau diese familiäre Atmosphäre, die den Handball und das Turnier auszeichnet, bei dem heute die Halbfinals anstehen. Im ersten besiegten die Kroaten Titelverteidiger Frankreich 24:23. Seit 18 Uhr läuft das Duell zwischen Dänemark und Weltmeister Deutschland (Liveticker SPIEGEL ONLINE). Im Gegensatz zur Handball-WM in Deutschland wirkt die EM in Norwegen zwar eher wie eine Nebensache, dennoch ist die Veranstaltung perfekt organisiert. Sieht man von dem kleinen Fauxpas in der offiziellen Teambroschüre ab. Die Veranstalter hatten statt der französischen Männer den WM-Kader der Frauen abgedruckt. Rechtzeitig vor Turnierbeginn gab es dann aber doch noch die maskuline Edition.

Obwohl meist nur 2000 bis 3000 Zuschauer die Spiele live vor Ort verfolgen, herrscht in den kleinen Sporthallen von Trondheim bis Stavanger passable Stimmung. Die Volunteers sind freundlich und zuvorkommend, Schlangestehen gibt es so gut wie gar nicht. Die Freiwilligen schmieren im Akkord Brötchen und backen frische Waffeln, bei denen sogar die Stars ab und an mal schwach werden.

Überhaupt sind die Welthandball-Größen wie Frankreichs Nicola Karabatic oder der Kroate Ivano Balic entspannt und verschanzen sich nicht hinter Bodyguards oder in abgeschotteten Hotels. In Bergen konnte man sich Autogramme von Michael Kraus, Pascal Hens und weiteren deutschen Nationalspielern auf dem Fischmarkt mitten im Zentrum der Stadt sichern.

Auch die Chance, mit einem Hotelbesuch mehrere Stars gleichzeitig zu treffen, ist in Norwegen groß. In jeder Stadt sind alle Mannschaften im selben Domizil untergebracht. Der Eingang ist für jedermann passierbar. Was im Spitzenfußball undenkbar wäre, ist im Handball völlig normal. Einen Kaffee in der Lobby mit DHB-Vizepräsident Horst Bredemeier trinken? Eine Zigarette mit Ungarns Rastamann Szabolcs Törö rauchen? Smalltalk mit Spanien-Star Iker Romero? Mit ein bisschen Glück wird der Hotelbesuch zum Erlebnis.

Auch wenn es auf dem Feld manchmal ziemlich hart zur Sache geht, ist die Stimmung unter den Spielern prächtig. Als die drei für die Zwischenrunde qualifizierten Mannschaften aus Spanien, Ungarn und Deutschland am vergangenen Montagmittag am Bergener Flughafen auf die gemeinsame Linienmaschine der skandinavischen Fluggesellschaft SAS gewartet haben, ergab sich der eine oder andere interkulturelle Austausch bei Kaffee und Baguette.

Kaum einer der Akteure kehrt große Starallüren heraus. Als dem spanischen Rückraumspieler Mariano Martinez auf dem Weg zu seinem Platz im Flieger die Jacke eines zivilen Mitreisenden ohne Einwirkung des Gegners aus dem Gepäcknetz entgegensegelt, hebt der Nationalspieler das Kleidungsstück ohne zu zögern auf, faltet es behutsam zusammen und verstaut es wieder am ursprünglichen Platz. Am Trondheimer Flughafen stehen die Spieler artig um das Förderband und warteten auf ihr Gepäck, um dann in Reisebussen der Mittelklasse ins Kollektivquartier chauffiert zu werden.

Die Spielorte wären auch ohne das Turnier einen Besuch wert. Allerdings sollte man wetterfeste Kleidung einpacken. Wer denkt, er könne sich in Bergen bei einem Schauer kurz unterstellen, sollte stets etwas zu lesen dabei haben. Die Stunden am Tag, in denen es in der malerischen Hafenstadt nicht regnet, kann man meist an einer Hand abzählen. In Trondheim, dem zweiten Spielort der deutschen Mannschaft, ist neben festem Schuhwerk an Handschuhe, Schal und Mütze zu denken. Dauerfrost hüllt die ehemalige Hauptstadt im Norden in eine Puderzuckerlandschaft, die man sich in Deutschland gerne für das nächste Weihnachtsfest wünschen würde.

Auch das Brand-Team bekam das eisige Wetter schmerzlich zu spüren. Auf der gestrigen Fahrt von Trondheim nach Lillehammer schneite es derart heftig, dass einige Bergpässe gesperrt werden mussten. Statt der geplanten vier Stunden benötigte der Weltmeister doppelt so lange zum Austragungsort der Finalspiele.

Der Humor geht Brand trotz aller Wetterkapriolen jedoch nicht verloren. Die Entspannung der norwegischen Kleinstädte setzt offenbar auch bei ihm ungeahnte Kräfte frei. Als der Bundestrainer sein Statement bei einer Pressekonferenz in Bergen nicht sinngemäß übersetzt findet, schreitet er ein. In blitzsauberem Englisch korrigiert er die örtliche Pressesprecherin - zur Erheiterung des Publikums.

Als die Übersetzerin Brands Lob an Torhüter Johannes "Jogi" Bitter übersetzen will, hat sie offenbar für einen Moment den Namen verdrängt. "You don't know Jogi Bitter?", fragt Brand, und hält sich eine Hand einen halben Meter über den Kopf: "It's our goalkeeper." Und wieder einmal ist eine Moderatorin, die auf einem Podium mit dem Bundestrainer sitzt, für einige Momente sprachlos.

insgesamt 93 Beiträge
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Umberto, 10.01.2008
1.
Zitat von sysopDie Handball-Europameisterschaft findet vom 17. bis 27. Januar in Norwegen statt. Kann das Weltmeisterteam von Bundestrainer Heiner Brand den nächsten Titel einfahren? Wie schlägt sich Titelverteidiger Frankreich? Gelingt einem skandinavischen Team eine Überraschung?
Die Franzosen verteidigen ihren Titel!
aMicaRo, 10.01.2008
2.
wenn man presseberichten glauben schenken darf, und sich interviews deutscher nationalspieler wie pascal "pommes" hens durchliest, sollten die deutschen doch mit etwas glück und viel guter laune dieses turnier für sich entscheiden. ich bin guter hoffnung :)
bik, 10.01.2008
3. Das wird eine tolle EM
Im Prinzip ist eine EM sportlich (fast) gleichwertig wie eine WM. Ich denke, es gibt sogar 6-8 Mannschaften, die bei einem etwas glücklichen Turnierverlauf Chancen aud den Tital haben. Meiner Meinung nach sind das: (Reihenfolge willkürlich) Russland, Polen, Kroatioen, Deutschland, Frankreich, Spanien,Dänemark, Schweden. Sportlich wird das bestimmt stark!
Tomislav, 11.01.2008
4.
Es verspricht auf jeden Fall spannend zu werden. Ich sehe Deutschland, Frankreich und Spanien auf Augenhöhe.
merlin77 11.01.2008
5. Knappe Sache
Im Welthandball geht es richtig eng zu. Neben Deutschland, Spanien, Frankreich schätze ich vor allem die Kroaten für sehr stark ein. Obwohl sie gerne etwas launisch sind. Dazu Schweden und Dänemark als übliche verdächtige. Ich glaube es wird sehr schwer für die deutsche Mannschaft. Ob sie nochmal so eine Mischung zwischen Euphorie, Lauf und Glück (Aberkanntes reguläres Tor der Franzosen in der Verlängerung) haben, scheint zweifelhaft, aber nicht unmöglich. Letztlich würde auch die Franzosen favourisieren.
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