Handball Kretzsche im Minenfeld

Vom Punk zum Schlipsträger: Als Sportdirektor des SC Magdeburg durchläuft Stefan Kretzschmar eine Metamorphose - das Ergebnis ist offen. Doch die Anzeichen verdichten sich, dass der frühere Handball-Nationalspieler entbehrlich ist, wie das Handball-Magazin herausfand.

Von Claudio Catuogno


Stefan Kretzschmar hat in seiner Karriere viel gewonnen: die Champions League, den EHF-Pokal, die Deutsche Meisterschaft. Doch seine ganz großen Spiele waren vor allem Niederlagen. Das Olympia-Finale 2004, als er nach der Schlusssirene sichtbar unter dem 24:26 gegen Kroatien litt. Oder das WM-Finale 2003: Da hatte er ein starkes Turnier gespielt – und musste das Scheitern im Endspiel von der Bank aus verfolgen, mit gebrochenem Finger.

Kretzschmar, 35, kennt sich aus mit Niederlagen, aber das hilft ihm momentan nicht weiter. Handballspiele werden auf dem Parkett entschieden, Machtspiele hinter den Kulissen. In dem Spiel, in das er heute verwickelt ist, kann er nicht einfach den Mund aufmachen und einen lockeren Spruch raushauen, wie er das früher getan hätte. Er ist jetzt ein ganz normaler Angestellter, ist in eine Hierarchie eingebunden, hat Loyalitätspflichten zu wahren, ob das nun seinem Wesen entspricht oder nicht. Er kämpft um seine Perspektive als Sportdirektor des SC Magdeburg. Und die Anzeichen verdichten sich, dass Kretzschmar aus diesem Kräftemessen nicht als strahlender Sieger hervorgehen wird.

In der Szene wird gemunkelt, man wolle ihn loswerden. "Ich habe keine Hinweise, aber ich höre auch diese Gerüchte", sagt Kretzschmar. Mehr sagt er nicht. Klar ist aber: So, wie es derzeit läuft, hatte er sich seinen Wechsel ins Management nicht vorgestellt. Das hat verschiedene Gründe. Der erste ist, dass Kretzschmar sich verändern musste, um die neue Rolle auszufüllen. Das fällt ihm bis heute schwer. Niemand erwartete, dass der Handball-Punk von einem Tag auf den anderen zum Schlipsträger mutieren würde. Aber ein paar Grundtugenden eines Funktionärs dürfen es schon sein: sachliches Auftreten, verbindliche Verhandlungsführung, strategischer Weitblick. Beobachter stellen fest, Kretzschmar gebe sich alle Mühe, aber die Metamorphose sei noch nicht abgeschlossen.

Kürzlich wurde er von zwei Polizisten abgeholt, weil er den Termin für eine Zeugenaussage vergessen hatte. "Mein Geburtstag, Transfergespräche, meine schwangere Lebensgefährtin, da kann man schon mal was ausknipsen", entschuldigte er sich. Es war nur eine kleine Anekdote, aber sie passt ins Bild: Irgendwie läuft es in seiner neuen Funktion noch nicht rund.

Der zweite, wahrscheinlich entscheidende Grund ist jedoch, dass sich die Aufgabe selbst verändert hat, die er im vergangenen Sommer übernahm. Oder besser gesagt, dass sich eigentlich alles verändert hat in Magdeburg. Immer noch hängt der Schatten des einstigen SCM-Chefs Bernd-Uwe Hildebrandt über dem Ligastandort im Osten. Der SC Magdeburg bekommt nun die Spätfolgen zu spüren. Und Stefan Kretzschmar steckt mittendrin fest – wie in einem Minenfeld. Mehrmals stand die Magdeburger Profiabteilung im vergangenen Jahr kurz vor der Insolvenz. Das war der Preis der neuen Seriosität. Drei Millionen Euro hat der Club nach eigenen Angaben kurzfristig mit Hilfe von Sponsoren aufgebracht. "Die Lage ist konsolidiert", berichtet SCM-Präsident Rolf Oesterhoff stolz.

Doch die Aufräumarbeiten haben jene Struktur hinterlassen, in der Kretzschmar sich nun behaupten muss. Holger Kaiser, früher Trainer und Manager beim Zweitligisten Ahlener SG, wurde nach Hildebrandts Enttarnung eilig als neuer Geschäftsführer verpflichtet. Er macht seither im Grunde jenen Job, den sich Kretzschmar erhofft hatte.

Der Club ist also gerettet – aber die Rahmenbedingungen haben sich verändert. Als Spieler hatte Kretzschmar noch gepoltert, er wolle "nicht um Platz sieben oder acht spielen". Doch genau in dieser Tabellenregion ist der SCM nun anzutreffen. Alles ist eine Geldfrage geworden: Statt auf teure Stars setzt man nun auf Talente aus der Region. Kretzschmar kann sich "neue Spieler nicht mehr in der Torschützenliste der Champions League aussuchen, wie das früher üblich war". Aber wer sucht sie überhaupt aus, die neuen Spieler? Kaiser ist seit langem in der Liga zu Hause, der aus Wilhelmshaven gekommene Trainer Michael Biegler gilt als starke Figur. Braucht Magdeburg überhaupt einen Sportdirektor? Noch dazu einen so teuren?

Was kostet Kretzschmar den Club?

"Die Gesellschafter haben beschlossen, mit dieser Struktur ins neue Jahr zu gehen, dazu stehen wir", so Oesterhoff. Allerdings sagt er auch, dass man "natürlich jede Struktur nach einiger Zeit auf ihre Effizienz überprüfen" müsse. Bisher hat Kretzschmar dem Verein sogar Geld gespart, denn sein gutdotierter Profivertrag lief eigentlich noch bis Sommer 2008. Als Sportdirektor verdient er weniger, und im Juni wird sein Gehalt noch einmal reduziert. "Es ist natürlich schon mein Anspruch, mich für den Verein zu refinanzieren", sagt er.

Allerdings will er dabei nicht nur seine Verdienste bei der Sponsorenakquise bewertet wissen. Nach der Entlassung von Bogdan Wenta im Winter übernahm er sogar vorübergehend das Team, setzte sich neben Interimscoach Helmut Kurrat auf die Bank, obwohl er nie Trainer werden wollte. Auch unter Biegler hält er engen Kontakt zur Mannschaft. Und doch wird es irgendwann auf eine einfache Rechnung hinauslaufen: Was kostet Kretzschmar den Club, was bringt er ihm?

Es gehört nicht viel Psychologie dazu, um – neben all den wirtschaftlichen Erwägungen – ein emotionales Dilemma zu diagnostizieren. Kretzschmar hat seine erfolgreichsten Jahre beim SC Magdeburg verbracht. Nun wird er Zeuge einer fast klinischen Säuberung dieser Vergangenheit. Langjährige Sponsoren und Ehrengäste sind nicht mehr willkommen, weil sie Teil des Gemauschels gewesen sein sollen. Bis in die obersten Kreise der Stadt- und Landespolitik reichen die alten Seilschaften. Sie werden nun gekappt.

Kretzschmar ist im alten SC Magdeburg groß geworden. Die Frage wird nun sein, ob er in den neuen noch passt. Bei aller Individualität ist Stefan Kretzschmar, der Exzentriker, ja immer zuerst ein Mannschaftsspieler gewesen. Nun muss er entscheiden, ob er sich in seiner neuen Mannschaft noch aufgehoben fühlt.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.