Handball-Krise Schiedsrichter bestätigen versuchte Bestechung

Die Manipulationsaffäre im Handball weitet sich weiter aus: Dänische Unparteiische berichten nun über ein Betrugsangebot aus dem Jahr 2008. Der europäische Verband sieht derweil keinen Anlass für Verdächtigungen im Champions-League-Finale zwischen Kiel und Flensburg.

Hamburg - Zwei Handball-Schiedsrichter aus Dänemark haben Bestechungsversuche vor einem WM-Qualifikationsspiel in Rumänien gemeldet. Wie die Zeitung "Jyllands-Posten" (Århus) am Dienstag meldete, wurden den zur internationalen Spitzenklasse zählenden Schiedsrichtern Martin Gjeding und Mads Hansen nach eigenen Angaben im Juni 2008 je 30.000 Euro in einem Koffer geboten, um den Rumänen zu einem Sieg gegen Montenegro zu verhelfen. Sie hätten dies abgelehnt. Die Rumänen gewannen das Spiel genau mit dem zum Weiterkommen nötigen Vorsprung von fünf Toren.

Neun Monate nach der Partie wurde der Fall nun bekannt - einen Tag, nachdem das mit Bestechungsvorwürfen konfrontierte deutsche Schiedsrichter-Gespann Frank Lemme und Bernd Ullrich mit sofortiger Wirkung vom Spielbetrieb suspendiert worden war. In dem dänischen Zeitungsbericht hieß es, Gjeding und Hansen hätten der Europäischen Handball-Föderation (EHF) umgehend vom rumänischen Bestechungsversuch Bericht erstattet. Es sei danach aber nichts passiert. Der Geschäftsführer des dänischen Verbandes, Morten Stig Christensen, meinte zu dem Fall: "Das erschüttert uns und zeigt, dass im Handball dringend radikale Veränderungen durchgesetzt werden müssen."

Sowohl Lemme/Ullrich als auch ihre dänischen Kollegen haben zudem schwere Vorwürfe gegen die EHF erhoben. Nach Meinung der Magdeburger Referees würden Unparteiische, die einen Bestechungsversuch melden, nicht mehr eingesetzt. Die Dänen werfen dem Verband vor, nach einem von ihnen gemeldeten Bestechungsversuch vor dem WM- Qualifikationsspiel Rumänien gegen Montenegro im Juni 2008 untätig geblieben zu sein.

"Wir wussten aus Gesprächen mit Kollegen, wie die EHF reagiert, wenn ein Bestechungsversuch angezeigt würde: Die Schiedsrichter wurden aus dem Verkehr gezogen, die betreffenden Vereine hingegen kamen ungeschoren davon. Da überlegt man sich dann schon, ob man überhaupt etwas erzählt", wird Lemme in der "Magdeburger Volksstimme" zitiert.

Der EHF sieht nach einer genauen Untersuchung des Champions-League-Finals zwischen dem THW Kiel und der SG Flensburg-Handewitt 2007 keinerlei Anzeichen für eine Manipulation. "Die Analyse liefert eine abgestimmte Ausführung des Spiels mit einer klaren Linie in den Entscheidungen. Diese wurde beständig während des gesamten Spiels gehalten", heißt es in einer Mitteilung der EHF, die den früheren Schiedsrichter und Regelexperten des Weltverbandes IHF, Roland Bürgi aus der Schweiz, mit einer Videoanalyse beauftragt hatte.

Anlass waren Vorwürfe, der Sieger THW Kiel habe für das Rückspiel in eigener Halle (29:27/Hinspiel 28:28) allein 96.000 Euro Bestechungsgeld an die polnischen Schiedsrichter Miroslaw Baum/Marek Goralczyk gezahlt und zudem seit 2000 mindestens zehn Champions-League-Spiele verschoben. Das hatte der SPIEGEL berichtet. Sowohl der THW als auch die Schiedsrichter bestreiten alle Vorwürfe.

Zudem untersuchte die EHF alle Europacup-Matches des THW seit 2000. Dabei ergebe sich ein sehr ausgeglichenes Bild bei den Schiedsrichter-Nominierungen. 53 Gespanne aus 27 Ländern hätten die insgesamt 83 Kieler Spiele geleitet. Laut EHF-Analyse seien im Finale am 29. April 2007 sowohl kleinere als auch größere Entscheidungen ausgewogen zu beiden Seiten getroffen worden, ab der 46. Minute sogar mit einem kleinen Vorteil für die Gäste aus Flensburg. Zu keiner Zeit sei eine Befangenheit der Schiedsrichter zu erkennen gewesen. In mehreren Situationen hätten sie Entscheidungen auch zu Gunsten des THW auslegen können, dies aber nicht getan. Eine zweite unabhängige Analyse werde in Auftrag gegeben, man gehe aber davon aus, dass diese zu demselben Schluss kommen werde.

Der Handball-Weltverband IHF hat die Schiedsrichter Frank Lemme und Bernd Ullrich zu einer Stellungnahme im Zusammenhang mit den Manipulatonsvorwürfen gegen das deutsche Gespann aufgefordert. Zudem erwartet die IHF Berichte der EHF sowie des Deutschen Handball-Bundes (DHB) zum derzeitigen Stand der Ermittlungen und mögliche Vorschläge, wie ein "ernsthafter Schaden am Image des Handballs" verhindert werden kann.

"Die beschuldigten Schiedsrichter, die zum IHF-Kader gehören, werden aufgefordert, eine Stellungnahme zu den Geschehnissen abzugeben", schreibt der Verband auf seiner Internet-Seite.

Russische Zollbeamte hatten am Moskauer Flughafen nach SPIEGEL-Informationen 50.000 US-Dollar Bargeld im Gepäck von Ullrich gefunden. Die Schiedsrichter hatten seinerzeit in der russischen Hauptstadt das Finalrückspiel um den Europapokal der Pokalsieger zwischen Moskau und Valladolid geleitet. Lemme und Ullrich bestreiten alle Vorwürfe.

fpf/sid/dpa
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