Handball-Nationalspieler Theuerkauf Torejagd als Teilzeitkraft

In der Handball-Bundesliga ist Christoph Theuerkauf einer der spektakulärsten Spieler, auch in der Nationalmannschaft überzeugte der Kreisläufer zuletzt. Doch er hat ein Problem wie "Handball-Magazin"-Autor Tim Oliver Kalle weiß: Sein Können ist nur im Angriff gefragt.

Magdeburg-Kreisläufer Theuerkauf: Nur die Hälfte des Spiels zu sehen
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Magdeburg-Kreisläufer Theuerkauf: Nur die Hälfte des Spiels zu sehen


Gerade erst hat Christoph Theuerkauf mit einem Mix aus Akrobatik und Kraft getroffen, dann muss er so schnell es geht zurück zur Bank. So ist das immer mit ihm, ganz egal, welcher Trainer ihn aufstellt. Der 1,92 Meter große Kreisläufer hat ein Problem: Er ist nur zur Hälfte eines Spiels zu sehen - das Angreifen ist seine Sache, das Abwehren dagegen nicht seine Welt.

Theuerkauf kennt die Diskussion um ihn und sein Talent seit Jahren. Er sagt: "Ich bin mittlerweile kein junger Spieler mehr und kenne meine Stärken." Theuerkauf ist 25 Jahre alt. Bereits 2004 lief er zum ersten Mal für die Nationalmannschaft auf; Heiner Brand beobachtet ihn seit Jahren, aber trotz allen Geschicks etablierte sich Theuerkauf noch nicht im A-Team.

"Sein mangelndes Können in der Abwehr hat ihm bisher die internationale Karriere versaut", sagt der Bundestrainer. Beim Supercup durfte er wieder mitspielen, weil Stammkraft Sebastian Preiß verletzt fehlte. Er fühlte sich wohl, weil er mal "über einen längeren Zeitraum zeigen konnte, dass ich was draufhabe". Brand war nach dessen Länderspielen 12, 13 und 14 angetan: Theuerkauf sei als sehr lockerer Typ gereift, habe im Angriff sehr gut gespielt und alle Bälle gefangen.

Tausch beim modernen Hochgeschwindigkeitshandball riskant

Dass der Kreisläufer des SC Magdeburg aktuell ins Konzept passt, hat einen besonderen Grund: Pascal Hens, abwehrschwacher Shooter, ebenfalls mit chronischem Wechselbedarf, hat die Teilnahme an der Euro in Österreich (19. bis 31. Januar) abgesagt - das macht Theuerkaufs Defensivschwächen verkraftbar.

Dass sich Brand so schwer tut, ausgerechnet einen Kreisläufer in Angriff und Abwehr zu wechseln, hat banale Gründe: Erstens ist jeder Tausch beim modernen Hochgeschwindigkeitshandball riskant, zweitens ist dies bei Theuerkaufs international führenden Kollegen Igor Vori (Kroatien), Bertrand Gille (Hamburg) und Michael Knudsen (Dänemark) nicht nötig. Dabei habe Theuerkauf "gute und stabile Beine", wie Brand sagt, für die Abwehr sei er "prädestiniert. Und er weiß ja, dass er das können muss."

Brand kann ihm während der wenigen Lehrgangstage kaum helfen, seine Defensivarbeit zu verbessern. Auch im Verein zählt der kurzfristige Erfolg - Theuerkaufs Lage zu bessern, wäre indes ein langfristiger Prozess. "Das muss schon in der Gruppe passieren", sagt Brand. Die Hoffnung, dass dies in Magdeburg unter Trainer Michael Biegler gelingt, hat sich nicht erfüllt. "Ich hatte früher Qualitäten in der Abwehr", beteuert Theuerkauf und erklärt sein Dilemma: "Ich habe keine Chance mehr, es zu beweisen, aber man kann auf den Einzelnen keine Rücksicht nehmen. Der Erfolg der Mannschaft steht im Vordergrund."

"Ich muss nicht auf Teufel komm raus hierbleiben"

Er vermittelt einen selbstlosen Eindruck, aber vielleicht war er vor drei, vier Jahren als gefeierter Youngster der Gladiators auch zu bequem, um seine Schwäche anzugreifen. Inzwischen gilt er am eigenen Kreis als zu unerfahren, doch Theuerkauf sagt: "Ich habe das Thema noch nicht aufgegeben. Ich bin ein Kämpfer und lasse mich nicht unterkriegen. Mit dem, was ich habe, bin ich nie zufrieden. Und noch sehe ich die Chance, ein kompletter Spieler zu werden."

Theuerkauf ist in Magdeburg aufgewachsen, kam 1999 vom TuS Magdeburg-Neustadt zum Sportclub, lernte auf dem Sportgymnasium. Inzwischen wohnt er vis-à-vis der Bördelandhalle; seinen Arbeitsplatz hat er auch vom Balkon aus stets im Auge. "Ich habe in Magdeburg fast alles gesehen und vieles erlebt", sagt er. "Vielleicht ist ein Wechsel zu einem anderen Verein ein Schritt, um mich individuell und charakterlich zu entwickeln. Und ich muss nicht mehr auf Teufel komm raus hierbleiben."

Im Sommer endet sein Vertrag mit dem SC Magdeburg; Verein und Spieler haben bereits ihre gegenseitigen Interessen kundgetan. Der heimatverbundene Theuerkauf müsste jedoch nicht viel riskieren, um sich eine neue Lernanstalt zu suchen. Die Füchse Berlin sind in Sichtweite, und mit Torwart Silvio Heinevetter spielt dort bereits ein alter Magdeburger Kumpel. Aber wäre die Hauptstadt ein so guter Ort, um das Spielen in der Abwehr zu lernen? Immerhin stünde auch dort mit Stian Vatne ein kompetenter Wechselpartner bereit.



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