Handball-Nationaltrainer Jensen Der dänische Diplomat

Er ist Nachfolger von Rainer Osmann als Nationaltrainer der deutschen Handball-Frauen: Heine Jensen. Der junge Coach genießt ein hohes Ansehen, für ihn haben Respekt und Mannschaftsgeist einen hohen Stellenwert. Das "Handball Magazin" stellt den Dänen vor. 

DHB-Coach Jensen: Respekt als Erfolgsrezept
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DHB-Coach Jensen: Respekt als Erfolgsrezept

Von Bernd Müller


"Da müsst ihr Mette fragen." Drei Jahre lang die Standardantwort auf Fragen, ob die Handballerin nun aufhören oder weitermachen wird, warum sie eine gute Saison gespielt hat und so weiter. Das Thema Mette Ommundsen war nie eines für Heine Jensen, nicht in der Öffentlichkeit. Mit seinem Dienstbeginn als Coach beim HC Leipzig 2008 wurde er auch Trainer seiner Lebenspartnerin.

Eine Konstellation, die heikle Momente mit sich bringen kann. Nicht so bei Jensen/Ommundsen. Wer von der Beziehung nichts wusste, hat weder beim Training noch bei Spielen etwas davon mitbekommen. Zuhause würden sie grundsätzlich nicht über Handball reden, versichern beide. Jensens Begründung: "Mette spielt Handball, weil sie das kann, und nicht, weil sie das interessiert."

Doch hat es viel mit Mette Ommundsen zu tun, warum Heine Jensen 2007 nach Deutschland gegangen ist. Der damalige Leipziger Coach Morten Arvidsson hatte ihn gefragt, ob er den Trainerjob in Halle annehmen und in Leipzig als Techniktrainer helfen möchte. "Mette wohnte in Bergen, ich in Stavanger. Unsere Beziehung war frisch, wir wollten zusammenziehen. Gemeinsam ins Ausland zu gehen, schien uns die beste Möglichkeit, uns schneller kennenzulernen und herauszufinden, ob die Beziehung eine Perspektive hat", erinnert er sich. Positiver Nebeneffekt des Umzugs: "Wir lernten die deutsche Sprache, ganz ohne Studium."

Erfolgreiches Abenteuer in Deutschland

Wie erfolgreich das Abenteuer Deutschland für ihn verlaufen sollte, konnte der damals 30-Jährige nicht ahnen. Die Bilanz könnte besser kaum sein. Die deutsche Sprache beherrscht er, die Beziehung zu Mette ist stabil ("gefühlt sind wir 20 Jahre zusammen"), auch sportlich läuft es.

Er fühlt sich in Leipzig wohl und schwärmt von seinem Gastland. "Ich kann über Deutschland nur Positives sagen. Ich bin sehr froh, hier zu leben", sagte er in einem Interview und ergänzte: "Natürlich gibt es Dinge, die ich nicht ganz verstehe. Aber es gibt auch Sachen, die uns Skandinaviern wichtig sind und bei denen Deutsche dann nach dem Warum fragen. Manches muss man einfach akzeptieren, wenn man nicht in seiner Heimat lebt. Ich werde die deutsche Mentalität nicht ändern, und das will ich auch nicht. Im Gegenteil: Als ausländischer Trainer muss ich versuchen, mich anzupassen."

Das klingt nach hoher Diplomatie, die tatsächlich ein Markenzeichen des Dänen ist. Nach einem Jahr als Zweitliga-Coach in Halle kam das Angebot aus Leipzig. Jensen betonte immer wieder, dass er das als "Herausforderung und große Chance" sehe. 2008, nach seinen ersten Tagen als HCL-Coach, wurde Jensen zum schwachen Abschneiden der DHB-Frauen in Peking befragt. Seine Antwort: "Ich bin erst ein Jahr in Deutschland, da stehen mir tiefgründige Analysen über die deutsche Nationalmannschaft noch nicht zu."

"Er ist nicht immer nur der gute Onkel"

Dieser Stil kommt an. "Respekt" ist eine von Jensens Lieblingsvokabeln, Respekt vor dem Gegner, den Spielerinnen, den Kollegen, dem Publikum. Seine größte Stärke aber, versichert sein Leipziger Co-Trainer Jochen Holz, sei seine Teamfähigkeit. "Er ist ein Mannschaftsspieler, ich habe gern mit ihm zusammengearbeitet." Für Jensen ist Teamwork selbstverständlich. "Ich bin in meinem Job doch abhängig von meinen Nebenleuten, dem Co-Trainer, den Physiotherapeuten, dem Manager und was es alles noch gibt."

Auch Axel Ehrhardt, Präsident des HC Leipzig, schwärmt von Jensen: "Er ist einer, der zuhört und auch andere Meinungen gelten lässt." Es sei eine angenehme Zusammenarbeit gewesen.

Kann ein so gelobter Mann auch mal ausrasten? Klares ja, einer von Jensens Grundsätzen lautet: "Ich versuche, die Spielerinnen auf gleicher Augenhöhe zu erreichen. Aber es gibt eine Grenze, die setze ich, und die Spielerinnen müssen sie respektieren. Wenn nicht, muss und werde ich hart sein." Holz kann das bestätigen: "Wenn es notwendig war, ist er in der Kabine oder beim Training schon laut geworden. Er ist nicht immer nur der gute Onkel."

Während eines Spiels aber habe er seine Emotionen jedoch stets unter Kontrolle. "Er ist innerlich schon angespannt, doch er versucht, das nicht zu zeigen. Er will Hektik nicht auf andere übertragen." Ähnliches können Medienvertreter berichten. Auch nach einer bitteren Niederlage nimmt Jensen scheinbar gefasst Stellung, Ausraster kommen nicht vor.

Aber Niederlagen kommen vor. In solchen Fällen gehören auch ungewöhnliche Maßnahmen zu seinem Repertoire. Als seine Schützlinge 2009 in einem Mittwochspiel daheim gegen den Tabellenletzten Dortmund verloren, schickte er sie nach dem Match mit den Worten "Wir sehen uns Samstag" nach Hause. Kein Straftraining, keine Auswertung, nichts. An jenem Samstag feierte Leipzig dann einen Sieg im EHF-Cup-Viertelfinale.

Lesen Sie die ungekürzte Fassung in der aktuellen Ausgabe des "Handball-Magazins".

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jujo 09.05.2011
1. Ich unterschreibe
jedes Wort , was er zum Leben im Ausland gesagt hat. Ich lebe seit 6 Jahren permanent in Schweden und habe ähnliche Erfahrungen gemacht. Die Sprache macht keine Probleme (mehr), es gibt Mehrwürdigkeiten, die man aber locker akzeptiert.
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