Handball-Pokalfinale Wo Fans noch Fans sind

Während es auf Deutschlands Fußballplätzen regelmäßig zu Ausschreitungen kommt, gleichen Handball-Spiele Familienfesten. Die Fans feiern sich selbst, ihr Team und manchmal sogar den Gegner. Ein Ortstermin beim Pokalfinale in Hamburg.

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Wenn es keine Gefahr gibt, hat die Gefahrenabwehr gut lachen. Die beiden Polizisten stehen vor der kleinen Wache unterhalb des Haupteingangs der Hamburger Color Line Arena, sie rauchen entspannt und unterhalten sich. Nicht einmal 50 Meter entfernt sitzen sich gerade die Anhänger von vier Bundesliga-Vereinen in einer Halle gegenüber. Anderswo würde das für helle Aufregung sorgen, im Handball ist es kein Grund zur Unruhe. "Alles friedlich", sagt der Beamte und verschwindet in der Wache.



Es ist das Pokalfinale des Deutschen Handball-Bundes, 26.000 Besucher sind insgesamt an zwei Tagen in die Halle direkt gegenüber der AOL-Arena gekommen. Und schon bei der Fahrt in den Hamburger Stadtteil Stellingen wird klar: Diese Fans sind anders. Keine Hasslieder aus heiseren Kehlen dröhnen durch die Shuttlebusse, es wird gefachsimpelt: "Kronau könnt ihr schlagen, müsst nur körperlich dagegen halten", rät ein THW-Kiel-Fan einem HSV-Anhänger vor dem Endspiel. "Du meinst, wir sollen uns nicht so dumm anstellen wie ihr gestern", entgegnet der Mann mit der Raute auf der Brust. Dann geht es in die Halle, gemeinsam.

Unter dem Dach das gleiche Bild. Obwohl der THW Kiel als Favorit bereits am Samstag nach einer 31:33-Niederlage gegen Außenseiter Kronau/Östringen ausgeschieden war, sind mehr als 2000 Anhänger des Deutschen Meisters in der Halle. Neben ihnen am Bierstand: Die ebenfalls am Vortag ausgeschiedenen Magdeburger, die 30:31 gegen den HSV verloren hatten. Die Atmosphäre ist familiär, Polizisten sind keine zu sehen. "Handball-Fans sind vielleicht nicht besser als Fußballfans, aber wesentlich niveauvoller", sagt Jens Santen. Der Fanclubvorsitzende der Kieler "Zebrasprotten" ist gemeinsam mit 180 seiner Clubkollegen nach Hamburg gereist, um sein Team anzufeuern.

Santen hat eine einfache Erklärung, warum es bei Handball-Großveranstaltungen so gut wie nie zu Zwischenfällen kommt. "Das liegt daran, dass wir alle unter einem Dach sind. Im Garten benimmt man sich eben anders als im Haus", sagt Santen. Das Haus, das will er sagen, ist die Color Line Arena, der Garten die angrenzende AOL-Arena, auf die Santen mit seinem Kopf deutet. Lediglich bei Spielen gegen den Erzfeind aus Flensburg käme es ab und an zu Handgreiflichkeiten. "Das ist aber eine kleine Gruppe, von der lassen wir uns den gemeinsam Spaß nicht vermiesen."

Uwe Kobert, Leiter des Magdeburger Handball-Fanprojekts, berichtet Ähnliches. "Bei Auswärtsspielen wird zwar Joël Abati (SCM-Profi aus Frankreich; Anm. d. Red.) oft ausgepfiffen, was aber nicht an seiner dunklen Hautfarbe liegt, sondern an seiner aggressiven Spielweise", so Kobert. Während bei Spielen des Fußball-Oberligisten 1. FC Magdeburg regelmäßig Dutzende Polizisten für die Sicherheit der 2000 bis 3000 Zuschauer sorgen, gleicht der Bundesliga-Handball in der Magdeburger Bördelandhalle einem Familienfest.

"Hallenverbote kennen wir nicht"

"Bei Heimspielen werden zwei Polizisten vom angrenzenden Revier abgestellt, an Ausschreitungen kann ich mich nicht erinnern", sagt Kobert. Durchschnittlich 6000 Zuschauer besuchen die Heimpartien des SCM. "So etwas wie Hallenverbote kennen wir nicht." Der Unterschied zwischen Hand- und Fußballfans fängt seiner Meinung nach im Kopf an: "Beim Fußball reicht es, wenn ich Abseits erklären kann. Aber die Regeln beim Handball sind komplizierter, das setzt eine höhere Intelligenz als beim Fußball voraus."

Auch während des Finales zwischen dem HSV und Kronau/Östringen bestimmt Fairness den Umgang der Anhänger. Schmähgesänge wie auf Fußballplätzen üblich sind keine zu hören, stattdessen konzentrieren sich die Fans auf die Unterstützung ihrer Teams. Selbst die Tatsache, dass die 14 Akteure eine der schwächsten ersten Halbzeiten der Pokalfinal-Geschichte abliefern, ist kein Anlass für Unfrieden. Am Ende des ersten Durchganges steht es 9:9. Hätten die Torhüter auf beiden Seiten wenigstens einige mittelschwere Bälle gehalten, hätte das Ergebnis auch 5:5 lauten können. 50 Minuten dauerte die erste Hälfe, bei dem die Spieler mehr auf dem Boden liegen als gelungene Spielzüge zeigen. Trotzdem: Zur Halbzeit gibt es Beifall statt Pfiffe.

Das positive Auftreten der Handball-Fans freut auch Markus Pütz. Der Objektleiter der "Pütz Security" ist gemeinsam mit 130 Ordnern für die Sicherheit in der 13.000 Besucher fassenden Halle verantwortlich. An diesem Wochenende ein angenehmer Job: "Wir haben zwar ein paar angetrunkene Besucher ermahnt, mussten aber keine Person der Halle verweisen", sagt Pütz. Der 38-Jährige betreut mit seinem Team sonst auch Boxkämpfe und Konzerte. "Die Handballspiele gehören ganz klar zu den unkomplizierten Veranstaltungen."

Trotz einer nervenaufreibenden zweiten Halbzeit, in der die Besucher für die ersten 30 Minuten entschädigt werden, bleibt alles ruhig. Am Ende schlägt der Gastgeber Kronau/Östringen 26:25. Bei der Siegerehrung applaudieren die Gästefans artig dem HSV, ehe sie aus der Halle strömen. Draußen fahren dann doch noch Einsatzfahrzeuge der Polizei vor, Beamte laufen in Gruppen über den Vorplatz und beobachten angespannt die Lage. In weniger als einer Stunde wird das Fußball-Bundesliga-Spiel zwischen dem HSV und Borussia Mönchengladbach angepfiffen.



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