Handball-Profi Herth Hauptdarsteller auf kleiner Bühne

Im beschaulichen Balingen bereitet sich Mittelmann Benjamin Herth auf eine große Karriere vor. Mit den "Galliern von der Alb" hat sich der 25-Jährige in den Kreis der Nationalmannschaft gespielt. Das "Handball-Magazin" erklärt, warum er sich trotz harter Konkurrenz durchsetzen könnte.

Rückraumspieler Herth: Hoffnungsträger in Balingen
Paul Bossenmaier / HBW

Rückraumspieler Herth: Hoffnungsträger in Balingen

Von Tim Oliver Kalle


Groß, schrecklich, behelmt: So stellt man sich einen Gallier vor. Dieser ist wahlweise sehr kräftig bis dick (Obelix) oder abgefüllt mit Zaubertrank (Asterix). Die Spieler des HBW Balingen-Weilstetten werden in der Liga die "Gallier von der Alb" genannt; ihr Bester heißt Benjamin Herth. Der 25-Jährige steuert das Spiel, wirft viele Tore - hat aber ebenso wie seine Kameraden wenig mit den Zeichentrickhelden gemein. Eigentlich.

Trotzdem fühlen sich die Gegner des HBW und damit Herths Widersacher bisweilen wie von Obelix vermöbelte römische Legionäre. Eine Nachfrage beim VfL Gummersbach bestätigt das. 29. Dezember 2010, Porsche-Arena in Stuttgart, 6200 Zuschauer: Die Schwaben sind im letzten Spiel vor der WM-Pause in die Landeshauptstadt umgezogen, sie liefern sich einen ausgeglichenen Kampf mit dem Europapokalsieger. 28:28, noch zwei Sekunden, Herth trägt als zusätzlicher Feldspieler ein gelbes Leibchen, es gibt einen direkten Freiwurf - der schwäbische Gallier trifft und versetzt den Gästen einen mächtigen Schlag, der Obelix anerkennend hätte nicken lassen.

Herth ist in dieser Saison nicht nur wegen seines Siegtreffers gegen Gummersbach eine der Attraktionen der Bundesliga. Er wird bald mehr als 200 Tore geworfen haben. Sein Können durfte er auch Mitte April in Rostock und Schwerin im Kreis der Nationalmannschaft bei den Länderspielen gegen Norwegen zeigen. Um die Sache einzuordnen: Herth steht als Mittelmann in Konkurrenz mit den etablierten Kräften Michael Kraus und Michael Haaß - Mitbewerber Martin Strobel (2008 von Balingen nach Lemgo gewechselt) hat er offenbar abgehängt.

Karriere durch Konzept und Zufälle

Sein Masterplan für die weitere Karriere steht. "In naher Zukunft", sagt er, "will ich ein richtiger Top-Spieler werden." Herth ist bereits der Hauptdarsteller auf der Balinger Kleinkunstbühne - er könnte der Kulisse bald entwachsen. Dass er seinen im Sommer auslaufenden Vertrag bereits im Februar um zwei Jahre verlängerte, bezeichnete HBW-Geschäftsführer Benjamin Chatton auch deshalb als wertvoll.

In der Zeit nach der missratenen WM in Schweden und der allgemeinen Sorge um den deutschen Nachwuchs dient Herth als Paradebeispiel für den gelungenen Sprung aus der Jugend in die Welt der Vollprofis. Bereits 2003 kam er von der TG Biberach zum HBW Balingen-Weilstetten. "Kontinuierliches Bleiben bei einem Ausbildungsverein führt zu sensationellen Leistungsentwicklungen", sagt Rolf Brack und spricht von einem "idealtypischen, langfristigen Trainingsaufbau", der ein Leichtgewicht zu einem gestandenen Athleten formte. Brack begleitet Herths Weg als HBW-Trainer bereits im siebten Jahr. Trotzdem ist Herths Karriere nicht nur die Folge eines konsequent umgesetzten Konzepts, sondern auch das Ergebnis einiger Zufälle.

Im Sommer 2009 plante Brack mit den neuen Mittelmännern Sandro Catak und Mare Hojc - beide verletzten sich jedoch langfristig. Herth hatte bis dahin in Bracks Formation vor allem als einer der Linksaußen eine Rolle gespielt, den Part des Spielmachers kannte der 1,88 Meter große Rechtshänder jedoch aus der zweiten Mannschaft. Das erzwungene Experiment mit Herth als Steuermann des HBW in der Bundesliga glückte. Brack sagt: "Benjamin hat die Rolle ausgefüllt, wie sich das kaum einer vorstellen konnte." Der neue Chef auf dem Spielfeld beendete die Saison 2009/10 mit 179 Toren (davon 101 Siebenmeter).

Nur geringe Nachfrage aus der Liga

Vorerst hat sich Herth in Balingen eingerichtet. In Tübingen studiert er Englisch und Sport auf Lehramt. Auch das bestärkte ihn, beim HBW zu bleiben. Herth sagt: "Es hätte sich richtig lohnen müssen, wenn ich den Schritt von Balingen weg gegangen wäre." Erstaunlicherweise gab es aus der Liga nur eine geringe Nachfrage, obwohl er einer der seltenen jungen, deutschen, aufstrebenden Spieler ist. "Enttäuscht bin ich darüber nicht", sagt er, "denn dann hätte ich es ja anders erwartet haben müssen."

Erst seit zwei Jahren ist er auf höchstem Niveau angekommen. Aber reicht Balingen, um ein Spieler mit internationalem Format zu werden? "Wenn man in der Bundesliga einer der besten Werfer ist, erübrigt sich die Frage", sagt Brack. "Und in unserem System kann Benjamin all seine Stärken ausspielen. Das ist ihm klar." Dabei bekommt er Zeit: Herth steht in der Regel mindestens 50 Minuten auf der Packett - eine Rolle als Teilzeitkraft, wie sie Michael Kraus in Hamburg inzwischen innehat, kann er sich mit Blick auf sein Fortkommen noch nicht leisten. "Ich hoffe, dass mir die Zeit hier noch gut tut und ich auch Balingen weiterhelfen kann", sagt Herth.

Bald muss er sich jedoch auf einen internen Wechsel einstellen: Angesichts der vielen jungen Zugänge des HBW wird Herth beim Fußballspiel Alt gegen Jung zur alten Formation zählen. "Das ist mir gar nicht so recht", sagt er. "Die Alten machen sich die Regeln so einfach wie möglich. Und mir gefällt es besser, sie dann trotzdem zu schlagen." Als Kleiner die Großen ärgern - Herth ist bestens in der Balinger Welt aufgehoben. Noch.

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