Handball-Klub SC Magdeburg Im Baumarkt träumen sie schon vom Titel

Offensive Spielweise, ein Publikumsliebling als Trainer, starker Saisonstart: Magdeburg ist im Handballfieber. Ist der Klub bereit für den Meisterkampf? Die Schwächen und Stärken des Teams.
Magdeburger Abwehr im Spiel bei den Füchsen Berlin

Magdeburger Abwehr im Spiel bei den Füchsen Berlin

Foto: Annegret Hilse/ dpa

Solche Szenen erlebt Marc-Henrik Schmedt in letzter Zeit öfter. "Ich war gerade im Baumarkt, als mir wildfremde Leute zuriefen, haut sie weg, die Füchse", erzählt der Geschäftsführer der Handballer vom SC Magdeburg. Geklappt hat das mit dem Weghauen allerdings dann nicht so wirklich. Stattdessen haben die Magdeburger am Wochenende in Berlin ihre erste Saisonniederlage (24:27) kassiert.

Der guten Stimmung tut das aber keinen Abbruch. Magdeburg, ohnehin eine Hochburg dieses Sports, ist im Handballfieber. 14:2 Punkte nach acht Spielen, Platz zwei in der Tabelle - der Verein ist "extrem gut aus den Startlöchern gekommen", sagt Schmedt. "Die Leute hier brauchen etwas, auf das sie stolz sind", und so trauen die Magdeburger ihrem Klub einiges zu, der in der Vergangenheit zu den ganz Großen gehörte.

Es ist jetzt 16 Jahre her, da war der SC Magdeburg das beste Team Europas. Als erster Handball-Bundesligist gewann der SCM die Champions League. Nach einem 21:23 beim ungarischen Meister Fotex Veszprem setzten sich die Magdeburger im Finalrückspiel 30:25 durch. Trainer war damals Alfred Gislason, der seither Kultstatus in der Hauptstadt von Sachsen-Anhalt genießt. "Die Euphorie in Magdeburg war unbeschreiblich", sagt Weltmeister Henning Fritz, der von 1988 bis 2001 im SCM-Tor stand.

Jahrelang war der SCM Mittelmaß

In den Jahren nach dem größten Vereinstitel 2002 stellte der SC Magdeburg bestenfalls Mittelmaß dar. Machtkämpfe sowie persönliche Eitelkeiten in der Führungsriege standen über den Wohl des Vereins. Schmedt, ein gelernter Bankkaufmann aus Bonn, übernahm 2010 die Führung des SCM, den ein Negativkapital von 1,1 Millionen Euro drückte.

Nach und nach schaffte er es, die Schuldenlast zu verringern. Dass es mit dem SC Magdeburg in den vergangenen 16 Jahren auch ganz anders hätte kommen können, dass unter dem ehemaligen Manager Bernd-Uwe Hildebrand, in seiner Funktion wegen Steuerhinterziehung zu einer Bewährungsstrafe von eineinhalb Jahren verurteilt, sogar das Aus des zehnmaligen DDR-Meisters drohte, merkt man dem Klub heute nicht mehr an. Auch wegen Schmedt, der stolz ist auf die 400 Geldgeber, die den Verein mittlerweile unterstützen.

Magdeburgs Cheftrainer Bennet Wiegert

Magdeburgs Cheftrainer Bennet Wiegert

Foto: Annegret Hilse/ dpa

Auch sportlich ist der SCM gerade in den vergangenen vier Jahren noch einmal gewachsen. Die Verpflichtung des ehemaligen Spielers und Publikumslieblings Bennet Wiegert 2015 als Cheftrainer wurde zum Glücksgriff. In nur drei Jahren formte Wiegert ein starkes Team. Er setzte dabei aber nicht auf teure Spieler, sondern auf harte Arbeit, schnellen schnörkellosen Handball und Emotionen.

In dieser Saison scheint nun vieles möglich. "Zusammenhalt, Abwehrarbeit, ein starker Torhüter und Tempospiel", so fasst Wiegert seine Spielphilosophie zusammen. Sein Team ist eine eingespielte Truppe, "da haben wir anderen Bundesligisten etwas voraus", sagt Schmedt. Abgesehen von einem Abgang (Nemanja Zelenovic) und zwei Zugängen (Rückraumstar Albin Lagergren und Ignazio Plaza) hat sich die Mannschaft kaum verändert.

Anfällig für schnelle Konter

Mit Matthias Musche stellt Magdeburg auch den Toptorjäger. Und: Der Klub hält den Ligaspitzenwert, wenn es um Treffer nach Tempogegenstößen geht. Doch in dem hohen Tempo liegt auch die Schwäche von Wiegerts Erfolgsphilosophie. "Je mehr schnelle Angriffe wir fahren, desto mehr Angriffe bekommen wir auch gegen uns", sagt der Coach. Daher überrascht es wenig, dass der SCM mit 204 die fünftmeisten Gegentore kassiert hat. Es könnte auf Dauer ein Schwachpunkt sein, wenn die Balance fehlt.

Auch die Konkurrenz im Meisterkampf ist stark. Titelverteidiger Flensburg hat bisher noch keinen Punkt abgegeben, die Rhein-Neckar Löwen werden erneut zur Spitze gehören und auch der THW Kiel hat sich stabilisiert. SCM-Chef Schmedt sagt wohl auch deswegen, der zweite Platz sei eine "Momentaufnahme".

Im Hintergrund wird an der weiteren Entwicklung gearbeitet. Für Robert Weber, den zuverlässigen Torschützen aus Österreich, wird zur nächsten Saison Nationalspieler Tim Hornke aus Lemgo zurückkommen. Torwart Dario Quenstedt, der zum THW Kiel wechseln wird, bekommt Tobias Thulin aus Göteborg als Nachfolger.

Schmedt und Wiegert haben ein langfristiges Konzept, wollen weiter langfristig arbeiten. Wobei immer mal Rückschläge einkalkuliert sind. Die Menschen in Magdeburg honorieren das. "Beim Bäcker haben mir heute alle auf die Schulter geklopft, keiner, der über die Niederlage in Berlin schimpfte", sagt Schmedt, "das macht Mut".

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