Handball-Star Stephan "Wie im Rausch"

Er war Deutscher Meister, Pokalsieger und Europameister: Jetzt wechselt Daniel Stephan ins Management des TBV Lemgo. Im Magazin "HM" spricht er über Löcher in der Leiste, die Trennung von "Blacky" und Siebenmeterwerfen wie in Trance.


Frage: Herr Stephan, Oliver Kahn ist der Meinung, dass er den Zuschauern in seiner Laufbahn "keinen großen Spaß" vermitteln konnte. Haben Sie das geschafft?

Handball-Profi Stephan (r.): "Hoffe, dass ich mir die Zeit besser einteilen kann"
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Handball-Profi Stephan (r.): "Hoffe, dass ich mir die Zeit besser einteilen kann"

Stephan: Mein Anliegen war es immer, ehrliche Arbeit abzuliefern und bis zum Ende alles zu geben. Besondere Momente waren immer jene Aktionen, in denen der Druck enorm hoch war. Die Siebenmeter in letzter Sekunde sind solche Glücksgefühle. In den vergangenen Jahren habe ich die fast alle verwandelt.

Frage: Wie haben Sie diese besondere Nervenstärke trainiert?

Stephan: Ich bin nicht so vermessen zu sagen: Ich kann es. Dazu gehört einfach viel Glück. Man muss sich konzentrieren, Vertrauen haben und einfach sein Ding machen.

Frage: War es bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen im am Ende siegreichen Viertelfinale gegen Spanien auch so einfach?

Stephan: Das war wohl mein heftigstes Erlebnis überhaupt. Die erste Verlängerung, letzte Sekunde, wir liegen mit einem Tor zurück. Bis zur Ausführung des Siebenmeters vergehen fast zwei Minuten. Eine Unendlichkeit. Da schießen dir so viele Gedanken durch den Kopf. Doch äußerlich musst du cool wirken – obwohl du gar nicht cool bist. Das war ein Zustand wie in Trance. Ich war mir danach ganz sicher, dass ich nach oben rechts geworfen habe. Als ich mir dann später das Video anschaute, war ich überrascht: In Wirklichkeit ging der Ball oben links rein. Das zeigt, wie sehr ich in diesem Moment auf mich fokussiert war.

Frage: Und beim späteren Siebenmeterwerfen?

Stephan: Das war wie im Rausch. Henning Fritz hielt einen nach dem anderen. Da war ich mir ganz sicher, dass ich den letzten auch noch reinmache. Als ich mich dann umdrehe, rennen alle auf mich zu. Wenn ich daran denke, bekomme ich noch heute eine Gänsehaut. Und da fällt mir noch eine schöne Anekdote ein: Vor Olympia hatten wir es mit einem Motivationstrainer zu tun. Der hatte uns eingeimpft, dass wir in solchen Situationen positive Energien auf unsere Mitspieler übertragen sollten. Als Stefan Kretzschmar beim Siebenmeterwerfen als Erster antrat, standen wir Arm in Arm auf der Mitte und haben ganz fest an ihn gedacht – doch "Kretzsche" hat verworfen. Danach war dann alles Gelernte egal.

Frage: Welcher Trainer hat Sie am meisten geprägt?

Stephan: In Lemgo Jouri Tschewtschow und Volker Mudrow. Tschewtschow gebührt dabei ein etwas größerer Anteil, weil ich mich noch stärker in der eigenen Entwicklung befand. Von ihm konnte ich mir viel in Sachen Cleverness und Taktik abgucken. Auch Mudrow war taktisch ganz weit vorn. Viel zu verdanken habe ich aber auch Heiner Brand. Der Bundestrainer hat mir immer großes Vertrauen entgegengebracht.

Frage: Ihre größten Krisen?

Stephan: Die Verletzungsmiseren. Doch die haben mich auch stolz gemacht. Es ist wahnsinnig schwer, immer wieder bei Null anzufangen. Wenn ich an die Zeiten in der Rehabilitation bei Peter Gräschus in Reutlingen zurückdenke. Sechs bis acht Stunden Training täglich, nur sonntags frei. Das hat wahnsinnig viel Kraft gekostet. Oft war ich schon abgeschrieben. Doch die Fans und all das, was ich in 14 Jahren beim TBV mit aufgebaut habe, waren mein Antrieb, immer wieder zurückzukehren.

Frage: Überwog angesichts immer neuer Verletzungen Wut oder Demut?

Stephan: Am schwierigsten war die Situation nach dem Achillessehnenriss 2003. Ich hatte mit der Sehne schon ein halbes Jahr vorher Theater gehabt. Irgendwann musste sie reißen. Die Reha war sehr kompliziert, und dann kam die Schultergeschichte. Da hatte ich Schmerzen wie noch nie. Danach habe ich mir gesagt: Das ist jetzt meine letzte OP. Irgendwann hat man halt keine Lust mehr.

Frage: Ihr schönster Erfolg?

Stephan: Es gab wahnsinnig schöne Erfolge. Der erste DHB-Pokalsieg mit dem TBV, die erste Meisterschaft – alles klasse Momente. Doch für mich gibt es da keine Wertigkeit. Ich habe alles Punkt für Punkt genossen.

Frage: Die Niederlage mit der größten Anerkennung?

Stephan: Das EM-Finale 2002 in Schweden. Eine hochklassige Partie, in der wir gegen den hohen Favoriten Schweden mitgehalten habe. Alle wissen, dass Florian Kehrmanns schnelle Mitte unser Sieg gewesen wäre. Doch die Schiedsrichter haben das anders gesehen. In der Verlängerung haben wir dann verloren – doch das Spiel hat uns sehr viel Respekt eingebracht.

Frage: Welchen Kameraden werden Sie am meisten vermissen?

Stephan: Schwer zu sagen. Die Trennung von Blacky (Kreisläufer Christian Schwarzer, Anm. die Red.) habe ich ja schon hinter mir. Ich werde zum Spaß auch weiter mit den Jungs schwitzen und zum Fußballspielen kommen. Am schwersten geht mir das Gemeinschaftsgefühl ab.

Frage: Stimmt es, dass Sie längst operiert sein müssten?

Stephan: Mitte Dezember habe ich erstmals Schmerzen in der Leistengegend verspürt. Als das Ziehen nach meinem Urlaub im Januar immer noch nicht aufhörte, stellte der Doc beim Ultraschall ein riesiges Loch in der Leiste fest. Irgendwann muss das operiert werden. Doch auf den letzen Metern meiner Karriere wollte ich unbedingt auf die Zähne beißen. Ich muss aufpassen, dass der Darm nicht in das Loch reinschießt. Doch sonst lassen sich die Schmerzen aushalten.

Frage: Mal bereut, keine Saison woanders gespielt zu haben?

Stephan: Ein klares Nein. Vor meinem letzten Vertrag beim TBV gab es mal die Überlegung, nach Spanien zu gehen. Innerhalb der Bundesliga konnte ich mir keinen Wechsel vorstellen. Ich habe mich dann für den TBV entschieden, weil ich hier etwas mitgestalten konnte. Daran hängt viel Herzblut. Ich bereue keine Minute in Lemgo.

Frage: Was haben Sie sich oder anderen nach dem Ende Ihrer Karriere versprochen?

Stephan: Von den 30 bis 40 Familienfeiern in den vergangenen 15 Jahren habe ich nur zwei erlebt. Ich hoffe, dass ich mir die Zeit demnächst etwas besser einteilen kann. Drei Wochen Urlaub in Australien möchte ich irgendwann auch noch mal nachholen. Doch in diesem Sommer geht es erstmal nach Peking.

Frage: Stephan nimmt an den Olympischen Spielen teil?

Stephan: Ja. Als Sportlicher Leiter beobachte ich für den TBV interessante Spieler. Außerdem betreue ich, wie bei der EM, für ein deutsches Reiseunternehmen Besuchergruppen.

Frage: Und haben Sie für den Fall der Fälle auch Ihre Sporttasche dabei?

Stephan: Ohne die geht ein anständiger Handballer doch nie aus dem Haus.

Die Fragen stellte Jörg Hagemann

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