Handball-Thriller gegen Serbien Gestrauchelt, gekämpft, gefeiert

Es war eine dramatische Aufholjagd - dann gelang den deutschen Handballern gegen Gastgeber Serbien noch der Ausgleich. Ihren Coach kosteten die turbulenten Vorgänge den Schlaf. Vom EM-Halbfinale will das Team aber noch nicht sprechen. Dafür wird der Abwehrchef persönlich sorgen.

dapd

Aus Belgrad berichtet


Es war schon spät, fast Mitternacht, aber Martin Heuberger schwante, dass ihn die Ereignisse in der Belgrader Arena um den Schlaf bringen würden. "Das hat mich schon sehr mitgenommen", räumte der Bundestrainer ein, "ich glaube, heute wird es etwas länger dauern, bis ich runterkomme". Der Thriller gegen Serbien hatte Spuren hinterlassen bei dem 47-Jährigen, der als Nachfolger Heiner Brands sein erstes großes Turnier als verantwortlicher Trainer bestreitet. Ein 21:21 (7:12)-Remis gegen den Gastgeber hatte die deutsche Nationalmannschaft nach einer atemberaubenden, mitreißenden Aufholjagd vor 19.500 Fans erkämpft.

Gut sechs Minuten vor Schluss war Heuberger völlig aus der Fassung geraten, als die Serben aus seiner Sicht eine falsche Sperre stellten, die norwegischen Schiedsrichter dieses vermeintliche Offensivfoul aber nicht ahndeten und Rastko Stojkovic zum 21:19 einwarf. Eine Vorentscheidung in dieser Abwehrschlacht, so schien es. Heuberger rastete aus, fühlte sich benachteiligt, brüllte die Schiedsrichter an, ruderte wild mit seinen Armen und kassierte eine Gelbe Karte.

Er protestierte weiter - bis ihn die Spieler stoppten. Heuberger sank auf die Bank, vergrub das Gesicht in die Hände. Bis Physiotherapeut Reinhold Roth kam und ihm zur Beruhigung die Schultern massierte. Als Heuberger aufstand, riefen ihm die Spieler von der Bank "sei ruhig" und "riskiere keine Zeitstrafe" zu. Heuberger folgte den Anweisungen und sagte später: "Wir sind ja in einer Demokratie. Das war richtig, dass die Spieler in dieser Situation auf mich eingewirkt haben." Es war eine denkwürdige Szene in diesem denkwürdigen Turnier, das die deutsche Nationalmannschaft aktuell in Serbien bestreitet.

Kurz nach der Pause schien die Partie schon entschieden

Ein katastrophaler Start gegen Tschechien, ein glücklicher Sieg gegen Mazedonien, ein glorreicher Triumph gegen die Schweden, und nun diese Aufholjagd, die Sven-Sören Christophersen zwei Sekunden vor Schluss mit einem Sprungwurf krönte. 25 Minuten vor Schluss hatten sie noch mit sieben Toren zurückgelegen. "Diese Erfahrung hat uns wohl noch gefehlt in diesem Turnier", sagte Spielmacher Michael Haaß.

Uwe Gensheimer berichtete hinterher, in der Pause trotz der schlechten Angriffsleistung noch eine Chance gesehen zu haben. "Wir waren so schlecht in der Offensive, schlechter konnte es ja nicht werden" , so der Linksaußen, der fünf Tore warf.

Und die Polen hatten kurz vorher schließlich vorgemacht, wie es geht, als sie beim 29:29-Remis gegen Schweden elf Tore aufgeholt hatten. Als die Serben aber unmittelbar nach Wiederanpfiff zwei Treffer drauflegten, setzten sich die deutschen Handballer bescheidenere Ziele. "Wir haben gesagt, hier kann es auch um das Torverhältnis gehen, wir kämpfen um jedes Tor", sagte Oliver Roggisch. Er selbst traf dann zweimal aus erweiterten Tempogegenstößen heraus. Ausgerechnet der Abwehrspezialist, der sonst ein Tor pro fünf Länderspiele erzielt, traf innerhalb von vier Minuten zweimal. Das war ein Fanal.

"Wir haben nicht gut gespielt, aber wie verrückt gekämpft"

Die Abwehr hatte das serbische Positionsspiel nun im Griff, und Torwart Silvio Heinevetter steigerte sich auf Weltklasseniveau, brachte die Serben zur Verzweiflung. Nachdem ihn der serbische Linksaußen Ivan Nikcevic beinahe mit ins Tor geworfen hatte, kochte der Keeper der Berliner Füchse vor Wut - und nahm den Serben danach reihenweise Großchancen weg. "Er ist der beste Torwart dieses Turniers", lobte ihn Heuberger überschwänglich.

Heinevetter kam nach der Partie schneller runter als sein Trainer. Das Privatduell gegen Nikcevic, erklärte er, sei mit dem Abpfiff beendet gewesen. "Wir haben uns die Hand gegeben. Alles war fair, es war, wie es sich im Handball gehört", sagte der 27-Jährige danach. "Wir haben nicht gut gespielt, aber wie verrückt gekämpft", bilanzierte Roggisch, der trotz Nasenbeinbruch spielte.

Die 5:1-Punkte, die Deutschland nun genau wie die Serben hat, sind aber noch nichts wert. Bei Niederlagen in den kommenden beiden Partien gegen Dänemark am Montag (18.20 Uhr) und gegen Polen am Mittwoch (16.15 Uhr, jeweils Liveticker SPIEGEL ONLINE), würde die DHB-Auswahl das Halbfinale wohl verpassen. Aber von der Vorschlussrunde wollte Roggisch sowieso nicht sprechen und warnte seine Mitspieler: "Unser Ziel bleiben die Olympischen Spiele. Wenn jetzt wer vom Halbfinale spricht, dann bringe ich den persönlich wieder auf die Bahn."

Serbien - Deutschland 21:21 (12:7)
Serbien:
Stanic, Marjanac - Ilic (6/1), Nikcevic (4), Stankovic (3), Prodanovic (2), Cutura (2), Stojkovic (2), Manojlovic (1), Toskic (1)
Deutschland: Heinevetter, Lichtlein - Gensheimer (5/3), Glandorf (4), Groetzki (4), Roggisch (2), Christophersen (2), Kaufmann (2), Pfahl (1), Theuerkauf (1), Haaß, Hens, Sprenger, Klein, Wiencek
Schiedsrichter: Abrahamsen/Kristiansen (Norwegen)
Zeitstrafen: 4:4
Siebenmeter: 1/1:4/3
Zuschauer: 19.500

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keyjay 22.01.2012
1. Halbfinale - aber nur wenn's gut läuft
Zitat von sysopEs war eine dramatische Aufholjagd - dann gelang den deutschen Handballern gegen Gastgeber Serbien noch der Ausgleich. Ihrem Coach kosteten die turbulenten Vorgänge den Schlaf. Vom EM-Halbfinale*will das Team aber noch nicht sprechen. Dafür*wird der Abwehrchef persönlich sorgen. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,810618,00.html
Nicht vom Halbfinale zu träumen ist auch gut so! Ich freue mich zwar, dass unsere Handballer nach der Niederlage gegen die Tschechen einigermaßen die Kurve gekriegt und es einigen Pessimisten und sogenannten "Handballkennern" gezeigt haben. Es ist eben doch besser weiterzukommen, als ein Turnier von vorne herein abzuhaken. Dennoch hat Heinevetter mit seiner Einschätzung recht, das Spiel gegen die Serben wäre beschissen gewesen wäre. Trotz mancher berechtigter Kritik ist es aber schön zu sehen, dass die Mannschaft "lebt", trotz einiger Unzulänglichkeiten im Aufbauspiel und im Torabschluss.
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