Zum Abstieg des VfL Gummersbach Tradition in Trümmern

Der VfL Gummersbach ist nach einem dramatischen Finale abgestiegen. Der Niedergang des Handball-Dinos hat sich seit Jahren angekündigt.

"Man sieht weinende Männer": Gummersbachs Marvin Sommer (rechts) und Yonatan Dayan
Christoph Schmidt

"Man sieht weinende Männer": Gummersbachs Marvin Sommer (rechts) und Yonatan Dayan

Aus Bietigheim-Bissingen berichtet


Der Blick war leer, die Augen voll Tränen. Gummersbachs Stanislav Zhukov sackte vor der Fankurve zusammen und vergrub sein Gesicht im schweißnassen Trikot.

Dieses Abstiegsendspiel zwischen den Handballern des VfL Gummersbach und der SG Bietigheim hätte dramatischer kaum sein können: Nach Abpfiff beim Spielstand von 25:25 wusste der VfL in der Arena in Bietigheim-Bissingen noch nicht, wo er in der kommenden Saison spielen würde. Würde das Unentschieden reichen, um den ersten Bundesliga-Abstieg der Vereinsgeschichte abzuwenden?

Mit einem Sieg wäre der Gewinner der Partie gerettet gewesen. Doch nun waren da diese bangen Sekunden. Denn: Parallel lief das Duell der Eulen Ludwigshafen gegen Minden. Noch eine Minute war zu diesem Zeitpunkt beim direkten Konkurrenten zu spielen, der das Schicksal des VfL in den Händen hielt.

Spieler, Trainerstab und Fans konnten die Anspannung nicht verbergen. Dann die Gewissheit: Die Eulen hatten durch einen Treffer in letzter Minute nicht nur die Partie 31:30 gewonnen, sondern auch den Kampf um den Klassenerhalt. Nach 26 Niederlagen, zwei Unentschieden und nur sechs Siegen muss auch das letzte verbliebene Gründungsmitglied der Bundesliga, das bereits in den zwei Spielzeiten zuvor gegen den Abstieg gekämpft hatte, den Gang in die Zweitklassigkeit antreten.

Die Minuten nach dem Abstieg
Christoph Schmidt/dpa

Die Minuten nach dem Abstieg

"Es ist schwer, Worte zu finden. Man hat gemerkt, dass beide Teams hier alles gegeben haben. Jetzt schauen wir beide in die Röhre", sagte VfL-Trainer Torge Greve beim TV-Sender Sky: "Die Bilder sprechen für sich, man sieht weinende Männer."

"Wir haben den Abstieg nicht in Bietigheim verspielt, das haben wir in den Spielen davor schon getan", sagte Kapitän Drago Vukovic. Für den Rückraumspieler war es das letzte Spiel seiner Laufbahn. "Meine Karriere mit einem Abstieg zu beenden, fühlt sich einfach total schlecht an."

"Es ist das eingetreten, was zu befürchten war", sagte Vereinsikone Heiner Brand und sprach von einem "großen Verlust für die Handballbundesliga". Doch Brand, der seine gesamte Spielerkarriere sowie insgesamt sechs Jahre als Trainer beim VfL verbracht hatte, mahnte auch: "In der Handballwelt wird immer noch über den VfL Gummersbach geredet. Aber davon muss man sich lösen für einen Neuanfang."

Tatsächlich verblassen die Triumphe aus der Vergangenheit durch den Absturz in den vergangenen Jahren mehr und mehr. Die 1923 gegründete Handballabteilung entwickelte sich in Gummersbach schnell zum Aushängeschild. Erfolge, Weltklassespieler, Spitzentrainer - der VfL hat alles vorzuweisen, was einen großen Klub ausmacht.

Heiner Brand jubelt nach dem Gewinn des IHF-Pokals 1982
DPA

Heiner Brand jubelt nach dem Gewinn des IHF-Pokals 1982

Vor allem in den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren wurde der Handball von den Gummersbachern geprägt. Insgesamt stehen zwölf deutsche Meisterschaften, fünf Pokalsiege und elf Europapokalerfolge zu Buche. Kaum eine Mannschaft konnte dem VfL in diesen goldenen Jahren das Wasser reichen. Spieler wie der ehemalige Bundestrainer Brand, die Handball-Legende Joachim Deckarm oder Topwerfer Hansi Schmidt gaben dem Verein ein Gesicht. Gummersbach begeisterte.

Ende der Neunzigerjahre wurden erstmals finanzielle Probleme bekannt, mit denen der Verein bereits länger zu kämpfen hatte. Spielergehälter wurden nicht mehr gezahlt, viele Akteure verließen Gummersbach. Durch ausbleibenden sportlichen Erfolg fiel es dem VfL schwer, namhafte Spieler für sich zu gewinnen, Toptalente wie Paul Drux oder Julius Kühn verließen den Klub.

2011 wurde Gummersbach gar zwischenzeitlich die Lizenz für die Bundesliga entzogen. Damals rettete sich der Verein durch die Unterstützung von Fans und Förderern noch rechtzeitig. In der aktuellen Saison stand aufgrund einer Liquiditätslücke im fünfstelligen Bereich selbst die Spielberechtigung für die zweite Liga auf der Kippe.

Gummersbachs Ivan Martinovic
Christoph Schmidt/dpa

Gummersbachs Ivan Martinovic

Dieser Totalabsturz des ruhmreichen VfL konnte abgewendet werden. Die Nachricht über den Erhalt der Lizenz kam wenige Tage vor dem Endspiel in Bietigheim-Bissingen. Es sollte die einzige gute Nachricht bleiben.

Mit Material von sid und dpa



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
spoon123 09.06.2019
1. Traurig...
... für Freunde des VfL, die die Glanzzeiten noch erleben durften.
hualorn 09.06.2019
2. schade
dass der TV Grosswallstadt nach einem Jahr Zweite wieder in die Dritte Liga muss, sonst hätte es wenigstens den einzig wahren Handball "Classico" in der 2. Bundesliga gegeben ;)
swandue 10.06.2019
3.
Zitat von hualorndass der TV Grosswallstadt nach einem Jahr Zweite wieder in die Dritte Liga muss, sonst hätte es wenigstens den einzig wahren Handball "Classico" in der 2. Bundesliga gegeben ;)
Gummersbach folgt Großwallstadt wie die CDU der SPD.
kpb47 10.06.2019
4. Doch ein Classico
Gummersbach gegen TuSEM Essen! Wie in den 90er Jahren...
snowcat 10.06.2019
5. Verstehe ich nicht
Zitat von hualorndass der TV Grosswallstadt nach einem Jahr Zweite wieder in die Dritte Liga muss, sonst hätte es wenigstens den einzig wahren Handball "Classico" in der 2. Bundesliga gegeben ;)
Warum soll Gummersbach gegen Großwallstadt der einzig wahre Classico sein? Gummersbach war so lange an der Spitze im Handball, wie sie die höchsten Gehälter zahlen konnten. Als Großwallstadt viel Geld hatte, konnten die dann Meisterschaften feiern. Später war dann mal Essen der reichste Verein und holte ein paar Titel. Und raten Sie mal, wer im Moment die Meisterschaften gewinnt? Wohl die mit dem höchsten Etat. Und wenn Flensburg mal in 20 Jahren absteigt, wird das dann auch wegen Tradition als Schade empfunden?
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