Handball-WM 2017 Der Geist von Krakau

In beeindruckender Manier sind Deutschlands Handballer ins Achtelfinale der WM eingezogen. Die starke Leistung gegen Kroatien erinnerte an einen großen Moment aus dem Vorjahr - und lässt das Team vom Titel träumen.

AFP

Aus Rouen berichtet Michael Wilkening


Es sah auf den ersten Blick aus wie eine kleine Zeitreise. Ziemlich genau zwölf Monate führte sie zurück - von Rouen in Nordfrankreich in Richtung Krakau in Polen. Andreas Wolff stand zwischen den Torpfosten und brüllte bei jeder Parade, als müsse er seinen Gegenspielern damit noch deutlicher machen, dass sie chancenlos sein würden. Finn Lemke stand im Abwehrzentrum und begleitete jede gelungene Aktion mit nach oben gereckten Armen, garniert mit einem Blick des Triumphes in Richtung der eigenen Bank.

Die Körpersprache von Wolff, Lemke und der gesamten deutschen Mannschaft war identisch mit der im Finale der Europameisterschaft vor einem Jahr, wie die Leistung auch. Hätte die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) weiße Trikots getragen, und die kroatische rote, wäre die Duplizität perfekt gewesen. Die Beobachter wurden aber nicht Zeuge einer Wiederholung, sondern einer Wiedergeburt. Beim deutlichen 28:21 im finalen Gruppenspiel der Weltmeisterschaft gegen Kroatien spielten die Deutschen so groß auf wie im EM-Finale gegen Spanien. Die Gegner blieben beide Male chancenlos.

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Deutschland holt den Gruppensieg: Die Reifeprüfung

"Man hat sich mal wieder zurückversetzt gefühlt, in der Tat", sagte Bob Hanning. Der Vizepräsident des DHB war vor dem Anwurf neugierig gewesen, wie die Mannschaft im ersten wichtigen Turnierspiel nach Partien gegen Chile, Saudi-Arabien und Weißrussland reagieren würde, in denen sie gefordert wird. "Das hat heute viel Freude gemacht", lautete das Fazit von Hanning. Er hatte gesehen, was er sehen wollte.

Finn Lemke war in der ersten Turnierwoche trotz einer Körpergröße von 2,10 Metern fast übersehen worden. Lemke wirkte unsichtbar, weil er schlicht nicht gebraucht worden war. Seine Leistung gegen die Kroaten wirkte deshalb umso eindrucksvoller. Auch wenn der beste kroatische Spieler der Gegenwart, Domagaj Duvnjak vom THW Kiel, wegen Knieproblemen nur wenig Spielzeit erhielt, konnte der Weltmeister von 2003 auf eine Reihe internationaler Topspieler zurückgreifen. Doch niemand von ihnen war in der Lage, die deutsche Defensive um Lemke ins Wanken zu bringen. Genauso wie auf dem Weg zum EM-Titel war es beim ersten Ernstfall während der WM gelungen, den Gegner über eine richtig starke Abwehrleistung zu beherrschen. Lohn sind der Gruppensieg und die Aussicht auf einen einfacheren Weg bis ins Halbfinale.

Im Achtelfinale am Sonntag (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gegen Katar sowie in einem möglichen Viertelfinale gegen Russland oder Slowenien zwei Tage später werden sich der deutschen Mannschaft Gegner in den Weg stellen, die weniger Qualität besitzen als die Kroaten.

"Das war heute ein Statement"

Bis zu einem von vielen herbeigesehnten Halbfinalduell gegen Turnierfavorit Frankreich waren die Kroaten der schwerste Gegner. DHB-Vize-Hanning sah das naturgemäß anders. "Das werden jetzt Spiele auf Augenhöhe, aber wenn wir so aktiv Abwehr spielen wie heute, brauchen wir uns vor keinem zu verstecken", sagte er. Etwas Understatement von offizieller Seite musste sein.

"Das Turnier kann anfangen, wir sind gerüstet", sagte Lemke. Seine Aussage war beinahe identisch mit denen seiner Teamkollegen in den ersten Tagen dieser WM, nur der letzte Teil des Satzes war neu: "Wir sind gerüstet." Ohne größere Probleme waren die Deutschen bislang durch das Turnier spaziert. Das Achtelfinale war längst erreicht, doch noch fehlte ein richtiger Prüfstein, um sichtbar zu machen, dass die Auswahl des Deutschen-Handballbundes (DHB) bei diesem Turnier wieder zu den Medaillenkandidaten zählt. Nicht in erster Linie die Öffentlichkeit hatte auf diese Bestätigung gewartet, es war die Mannschaft selbst, die danach getrachtet hatte.

"Das war heute ein Statement", erklärte Andreas Wolff. Der Held beim Gewinn der Europameisterschaft vor einem Jahr in Polen sagte diese Worte mit der gleichen Selbstverständlichkeit, wie er sich 60 Minuten lang den Würfen der Kroaten in den Weg gestellt hatte. Der 25-Jährige hatte am Ende 16 Würfe abgewehrt - er war zur Stelle, als es darauf ankam. Genauso wie seine Teamkollegen.



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noalk 21.01.2017
1. nur jetzt nicht abheben
10 min vor Schluss stand es "nur" 21:19. Auch wenn die Kroaten eine Weltklasse-Mannschaft haben, Teams wie die von Dänemark, Frankreich oder vielleicht sogar noch Russland können eine Schwächephase wie die der Deutschen in der 2. Hälfte so ausnutzen, dass es am Ende vielleicht doch nicht reicht.
hjanko 21.01.2017
2.
wenn man gegen eine klasse Mannschaft wie die Kroaten nie in Schwierigkeiten kommt, ist das definitiv eine Standortbestimmung. DK, Spanien und Frankreich mögen noch auf dem Niveau sein, der Rest eher nicht.
EmKay 21.01.2017
3. Norwegen
nicht vergessen! Da wächst eine super Truppe heran. Slowenien sehe ich auch einen Tick vor Russland. Aber wenn die Deutschen den EM-Modus, wie gegen Kroatien, aktivieren, sollte weder Slowenien noch Russland zum Stolperstein werden. Meine Befürchtung ist einfach, dass es in einem möglichen Halbfinale gegen Frankreich nicht reichen würde nur 1-2 Tore besser zu sein. Die Schiedsrichter, beeinflusst durch die Athmospähre, fällen dann doch häufig die 50:50 Entscheidungen zu Gunsten der Heimmannschaft. Und Deutschland hat eher im Angriff Probleme um dann 4 oder mehr Tore besser zu sein als die Franzosen.
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