WM-Aus für deutsche Handballer "Vielleicht haben wir zu weit gedacht"

Deutschlands Handballer haben bei der WM gezeigt, dass sie sportlich schon zur Weltklasse gehören - sich mit der Favoritenrolle aber noch schwer tun. Für das nächste große Ziel muss sich das ändern.

Sigurdsson mit Nationalspielern
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Sigurdsson mit Nationalspielern

Aus Paris berichtet Michael Wilkening


Ein paar Bier an der Hotelbar am Sonntagabend sollten helfen bei der Frustbewältigung, doch am Montag saß der Ärger über das Achtelfinal-Aus bei der WM noch immer tief. So tief, dass die Handball-Nationalspieler weder vor dem Abflug in Paris noch nach der Ankunft in Berlin reden wollten.

Dagur Sigurdsson verweigerte sich der Öffentlichkeit, die Zeit des Isländers als Bundestrainer ging mit Schweigen zu Ende und mit einem brutalen Rückschlag für ihn und seine Mannschaft. Unmittelbar nach dem 20:21 gegen Katar hatte mehrheitlich Fassungslosigkeit geherrscht. In der großen Enttäuschung zeigten sich zudem kleine Risse innerhalb der Nationalmannschaft.

Der extrem ehrgeizige Torwart Andreas Wolff übte Kritik an seinen Kollegen im Angriff. "Da müssen Sie die Spieler vorne fragen, in der Abwehr hat es ja funktioniert", antwortete der Spieler des THW Kiel auf Fragen nach den Gründen für das Ausscheiden. Der 25-Jährige hatte, wie schon bei der EM im Vorjahr, auf Weltklasse-Niveau gehalten - auch, als es beim Turnier in Frankreich erstmals richtig darauf ankam. Aber Wolff hatte erkennen müssen, dass viele seiner Mitspieler nicht bereit oder in der Lage waren, es ihm gleichzutun. "Die Katarer waren fokussierter als wir", sagte Wolff.

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Handball-WM: So bitter war das deutsche Aus

Tatsächlich ist das deutsche Aus vor allem einer mentalen Fehlleistung entsprungen. Die bittere Erkenntnis, fahrlässig gewesen und deshalb gescheitert zu sein, schien am Tag danach in den Köpfen zu kreisen.

Zweieinhalb Jahre lang hatte Sigurdsson meist mit verschränkten Armen am Spielfeldrand gestanden. Das wirkte souverän bis lässig, doch in den entscheidenden Phasen der Niederlage gegen eine ziemlich biedere Mannschaft aus Katar war er nicht in der Lage einzugreifen. In seinem letzten Match scheiterte der Trainer genau so wie seine Spieler.

Vor dem Auftakt der WM war spekuliert worden, welche Auswirkung sein feststehender Abgang nach dem Turnier haben würde. Würde er die Mannschaft noch erreichen, würde seine Art der Teamführung noch greifen?

Die Spiele in Frankreich zeigten, dass es keinen Autoritätsverlust gegeben hat, die Spieler und ihr Chef im entscheidenden Moment aber an der eigenen Überheblichkeit scheiterten. Zum ersten Mal war das Team in einem K.o.-Spiel bei einem Turnier hoher Favorit und kam mit dieser Rolle nicht klar. "Vielleicht haben wir, auch ich, zu weit gedacht", äußerte sich Sigurdsson schließlich doch noch.

Ein mögliches Halbfinale gegen Gastgeber Frankreich hällte neue Erkenntnisse über die Vormachtstellung im Welthandball liefern sollen. Darauf war der Fokus ausgerichtet, so dass den Deutschen, die als Weltklasse-Team wenig Erfahrung besitzen, einen Fehler begingen, die den Franzosen als Dominatoren des zurückliegenden Jahrzehnts nie passiert war: Sie nahmen den nächsten Gegner nicht ernst.

Das große Ziel ist die Heim-WM in zwei Jahren

Das soll nicht über die Erfolge der vergangenen Jahre hinwegtäuschen: den EM-Sieg vor einem Jahr, den Gewinn der Olympischen Bronzemedaille ein halbes Jahr später und die Souveränität, mit der Deutschland in Frankreich durch die Vorrunde spazierte. Dies sind Belege für die Qualität des Kaders. Uwe Gensheimer und Wolff sind bereits Weltklasse-Spieler, einige andere auf dem Weg dorthin.

Sigurdsson hat die deutschen Handballer nachhaltig auf ein höheres Level gehoben. Sein Nachfolger - vieles spricht dafür, dass der Leipziger Christian Prokop bald offiziell präsentiert wird - kann darauf aufbauen. Seine Aufgabe wird es sein, den Spielern die offensichtlich noch fehlende Stabilität eines Topteams zu verleihen.

Die Heim-WM in zwei Jahren und Olympiagold 2020 in Tokio sind die großen Ziele der kommenden Jahre. Vor allem bei der Weltmeisterschaft werden die Deutschen Favorit sein. Die sportlichen Qualitäten besitzen sie, mental müssen sie dazulernen. Die erste, schmerzlichen Lehrstunde hatten sie am Sonntagabend.



insgesamt 18 Beiträge
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kloppskalli 23.01.2017
1. nich schon wieder
der trainer hat zB vor dem ersten spiel gegen Ungarn staendig gewarnt dass es nix geschenkt gibt. Das wird der Mannschaft auch vor dem Spiel gegen Katar klar gewesen sein. Ein mittelmaessiges Andriffsspiel muss nicht unbedingt damit zu tun haben, dass die Jungs nicht bereit waren oder dachten es wuerde von selbst klappen. Die Defensive der Weltauswahl aus Qatar war eben auch nicht von schlechten Eltern.
noalk 23.01.2017
2. Es geht schon wieder los
Zitat, letzter Absaz: "Vor allem bei der Weltmeisterschaft [2019] werden die Deutschen Favorit sein." --- Da höre ich schon wieder Überheblichkeit. In den kommenden 2 Jahren kann so viel passieren. Vielleicht geht's unter Prokop ja sogar bergab. Wieviel die Psyche ausmacht, konnte man gerade sehen.
Sal.Paradies 23.01.2017
3. Mal ein bißchen Geduld
Vielleicht ging das auch alles viel zu schnell. Wenn ich sehe, wie viele Jahre es dauerte, bis die Fussball-Nationalmannschaft das wurde was sie heute ist und dieses kurze Zeitfenster der Handballer betrachte, ist es gar nicht mehr so verwunderlich, dass es jetzt eine Art "Rückschlag" gab, was aber auch immer mit überhöhten Erwartungen einher geht. Das Gesamtrahmen (Spieler/System+Potenzial) sind doch stimmig, was ja auch die bisherigen Ergebnisse im Turnier zeigten. Manchmal hat man solche Tage, wo das vorhanden Potenzial nicht genutzt wird und der Gegner an diesem Tag besonders stark spielt. Schon gegen Dänemark hatte Katar gezeigt, dass sie nicht leicht zu spielen sind und 2-3 unglückliche Schiedsrichter-Entscheidungen in den letzten Minuten taten dann das übrige. Insgesamt ist die HNM auf einem guten Weg und solche Erlebnisse wie gestern können für die Zukunft durchaus hiflreich sein.....
pefete 23.01.2017
4. Wie Fair
ist es denn, die besten Spieler der Welt einzukaufen, sie einzubürgern und dann die WM zu bestreiten?
erst nachdenken 23.01.2017
5.
Vielleicht sollten diese Milchbubis sich nicht als 'Bad Boys' bezeichnen. Das ist an Lächerlichkeit nicht zu überbieten und spricht für sich - völlige realitätsblinde Selbstüberschätzung.
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