Deutsches Remis gegen Frankreich Verkämpft

Wie gegen Russland hat die DHB-Auswahl auch gegen Frankreich eine Führung kurz vor Schluss verwirkt. Auch wenn das Team begeistert: Um das Halbfinale zu erreichen, braucht es in solchen Situationen mehr Qualität.

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Szene des Spiels: Drei Sekunden vor dem Spielende erkämpften sich die Franzosen beim Stand von 24:25 einen letzten Freiwurf. Die handelsübliche Hektik brach aus: Es wurde geschubst, reklamiert und am Ende geworfen. Timothey N'Guessan hieß der Schütze und sein Gewaltwurf ging in die rechte Ecke des deutschen Tores. Ausgleich in letzter Sekunde! Es war der einzige Treffer des 26-Jährigen vom FC Barcelona in dieser Partie.

Das Ergebnis: Deutschland und Frankreich trennten sich 25:25 (12:10). Hier geht es zur Meldung.

Die Szene vor der Szene des Spiels: Mit Ballbesitz gingen die Deutschen beim Stand von 25:24 in die letzten 30 Sekunden des Spiels. In der Auszeit stellte Bundestrainer Christian Prokop seine Spieler auf das Finale ein. Bloß nicht wieder den Sieg so wegwerfen wie am Vortag gegen Russland, da leistete sich Paul Drux einen kapitalen Fehlpass. Gegen Frankreich hieß der Unglücksspieler Fabian Böhm. Statt zu Uwe Gensheimer spielte er den Ball ins Aus. Der weggeworfene Ball hier, der Ausgleich mit der letzten Aktion da - das kann man mit Pech erklären, mit Nervenbelastung oder aber mit Klasse.

Die erste Hälfte: Mit beeindruckender Konsequenz in der Defensive begann die DHB-Auswahl. Es dauerte fast sieben Minuten, bis die Franzosen zu ihrem ersten Treffer kamen. Eine gefühlte Ewigkeit für den amtierenden Weltmeister. Den Offensivkönnern beim Titelverteidiger stellte das deutsche Team eine kämpferisch überragende Abwehr entgegen. Die Klasse der Franzosen kam kaum zur Geltung und Deutschland setzte trotz erneut etlicher Fehlentscheidungen in der Offensive immer wieder Nadelstiche. Logische Konsequenz: Ein 12:10 nach 30 Minuten.

Die zweite Hälfte: Zu Beginn des zweiten Durchgangs schienen die Franzosen wie gelöst zu sein. Gleich fünfmal kamen sie frei vor Wolff zum Abschluss - fünf einfache Treffer waren die Folge. Prokop reagierte und brachte im Tor Silvio Heinevetter für Andreas Wolff und seine Mannschaft kämpfte sich zurück in die Partie. Fabian Wiede traf in der 57. Minute zum 25:23, Mahé (insgesamt neun Treffer) verkürzte per Siebenmeter. Dann vergab zunächst Böhm, bevor die Franzosen ein Offensivfoul begingen. Der Rest ist bekannt.

Uwe Gensheimer
DPA

Uwe Gensheimer

Die Anführer: Gensheimer wurde häufiger nachgesagt, im Nationaldress nicht das zu bringen, was ihn im Verein auszeichnet.

Bei diesem Turnier ist das anders. Dem Kapitän und Linksaußen ist anzumerken, dass er diese Heim-WM unbedingt prägen möchte und sich auch von Rückschlägen nicht beeindrucken lässt. Beispiel: In der 13. Minute vergab er seinen ersten Siebenmeter des Turniers. Zweieinhalb Minuten später gab es den nächsten Strafwurf für Deutschland. Gensheimer trat an und jagte den Ball überragend unter die Latte. Neben dem deutschen Linksaußen überzeugte vor allem Wiede. Tolle Zuspiele und wuchtige Würfe in den Knick - der Lokalmatador von den Füchsen Berlin vereinte gegen den Weltmeister wie kein anderer Deutscher die Kombination von Kampf und Klasse.

Deutsche Spieler
REUTERS

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Kein neues 2007: Ein bisschen bange wird dem Weltmeister beim Gedanken an die letzte deutsche Heim-WM vor zwölf Jahren gewesen sein.

Damals unterlagen sie Gastgeber Deutschland im Halbfinale und waren erbost über die Leistungen der Schiedsrichter. Eine Wahrnehmung, der wohl niemand außerhalb von Heiner-Brand-Land widersprechen wollte. Die heutigen Schiedsrichter Martin Gjeding und Mads Hansen zeigten wie im ganzen Turnierverlauf eine starke Leistung. Und das bei einer Stimmung, die noch einmal eine Steigerung gegenüber den Partien gegen Brasilien und Russland darstellte. Eine Frage der Klasse, auch bei den Unparteiischen.

Der Ausblick: Am Donnerstag (18 Uhr, Liveticker: SPIEGEL ONLINE) steht die letzte Vorrundenpartie gegen Serbien an. Die DHB-Auswahl ist bereits für die Endrunde qualifiziert. Der Blick geht zur Partie zwischen Brasilien und Korea. Gewinnen die Südamerikaner, begleiten sie Frankreich und Deutschland in die Hauptrunde.

Gut für Gensheimer, Wiede und Prokop: Damit behielten die Deutschen drei Punkte (zwei gegen Brasilien, einen gegen Frankreich), statt nur zwei (einer gegen Russland, einer gegen Frankreich). Möchte man das große Ziel Halbfinale erreichen, muss gegen die anstehenden Gegner ein Vorsprung aber auch einmal über die Zeit gebracht werden. Großer Kampf alleine genügt da nicht, es bedarf auch der Klasse zum rechten Zeitpunkt.



insgesamt 9 Beiträge
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thomas0815-1 16.01.2019
1. Eines verstehe ich nicht
Die Franzosen führen den Freiwurf zu früh aus. Begehen sie damit nicht einen Regelverstoß? Warum werden die Deutschen dafür bestraft, indem die Franzosen noch einmal ausführen dürfen? Ich bin kein Handball(regel)experte, deshalb wäre ich für eine sachliche Aufklärung dankbar.
linksrechtsmitte 16.01.2019
2. Tolles Spiel,
aber manchmal etwas zu nervös. Gegen die Serben müssen sie sich im Kopf frei spielen, dann kann es was werden, aber gegen die Russen waren bereits zu viele leichte Fehler zu sehen, ebenso gegen Franzosen, die ohne ihr Gehirn spielen mussten. Wenn die Jungs sich geistig befreien können, sind sie toll, ansonsten auch sehr gut, aber die Luft wird dünn.
schmitzensrohr 16.01.2019
3. Freiwurf
Dika Mem wirft Patrick Wiencek im ersten Freiwurfversuch mit voller Wucht ins Gesicht. Der Ball ist nicht freigegeben - dafür gab es auch schon mal zwei Minuten oder mehr. Ich denke da haben die Schiris ein wenig die Übersicht verloren... Das muss man auch bei der letzten Blockaktion berücksichtigen. Da steht dann ein Berg, der Sterne sieht.
theisch 16.01.2019
4. Der Kopf entscheidet
Das Ärgerliche ist doch, dass das Team nicht an übermächtigen Gegnern scheitert, sondern an sich selbst. Gegen Russland war es Drux, gegen Frankreich Böhm. Überflüssige Fehlpässe, die die Unentschieden möglich machten. Es fehlt die 100%ige Sicherheit, das Spiel gewinnen zu können. Das macht eben den Unterschied. Der Bauerntrick der Franzosen, den Freiwurf zuerst zu früh auszuführen, um zu sehen, wie die Deutschen reagieren und es dann im zweiten Versuch besser zu machen, ist genau die Abgezocktheit, die dem Team fehlt.
orca20095 16.01.2019
5. Immer was zu meckern,
geht es nicht auch mal eine Nummer kleiner? Noch vor 2 Wochen las man reihenweise Ergüsse, dass diese Mannschaft nichts auf die Reihe bringen wird. Nun liefert sie gegen 2 starke Mannschaften zwei Remis, nach zuvor 2 Siegen. Und nun mosern wieder alle herum. Ein wenig mehr Augenmaß ist angezeigt.
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