Handball-WM Ein bisschen bleibt

Die deutschen Handballer haben bei der WM große Begeisterung ausgelöst. Einen Boom wird es danach nicht geben. Aber das ist auch ganz normal.

Handballer nach ihrem letzten WM-Spiel
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Handballer nach ihrem letzten WM-Spiel

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Vor ungefähr einem Jahr war Deutschland eine Eishockey-Nation. Bei den Winterspielen in Pyeongchang im Februar spielte sich das deutsche Team ins olympische Endspiel, wildfremde Menschen in Deutschland trafen sich frühmorgens in Kneipen zum Public Viewing, warfen mit Namen wie Dominik Kahun, Danny aus den Birken und Patrick Reimer um sich, als wären es alte Bekannte. Der Kapitän Christian Ehrhoff war medial allgegenwärtig, die Eishockeyspieler so nahbar, sympathisch, ehrliche Arbeiter. Der Kontrapunkt zum Fußball.

Der Christian Ehrhoff 2019 heißt Uwe Gensheimer, die Eishockeyspieler sind jetzt Handballer, ansonsten wiederholt sich alles. Dieselben Attribute, dieselbe Hoffnung, dass so ein Erfolg einen Boom in der Sportart auslöst, dieselben albernen Vergleiche mit dem Fußball.

Und wieder stellt sich die Frage: Inwiefern kann der Handball von der öffentlichen Anteilnahme profitieren, wie nachhaltig ist so ein Turnier? Was bleibt von der WM? Man muss jetzt keine großen Illusionen rauben, wenn man sagt: nicht viel. Es wäre übertrieben, zu behaupten, dass in Deutschland ein Jahr nach dem euphorischen Auftritt der DEB-Auswahl in Pyeonchang nun 80 Millionen Menschen mit dem Eishockeyschläger in der Hand durch die Gegend laufen.

Handball-WM lag günstig

Ein Turnier ist ein Turnier ist ein Turnier. Eine zeitlich auf zwei oder drei Wochen beschränkte Veranstaltung, in diesem Fall sogar noch äußerst günstig gelegen zum Jahresbeginn, wenn der Fußball erst langsam aus dem Winter zurückkehrt. Das Fußball-Transferfenster der Winterpause ist noch nicht einmal geschlossen, es gibt keine Fußball-Champions-League, noch keinen DFB-Pokal. Die Handballer mussten im Fernsehen höchstens mit Biathlon und der Streif konkurrieren.

Das hat der Sportart Aufmerksamkeit verschafft, mit dem sportlichen Erfolg haben die Spieler diese genutzt. Den braucht es auch zwingend, dann lässt sich das deutsche Publikum auch gerne begeistern - nicht nur von Handballern, sondern auch von Beachvolleyballern ebenso wie von Zehnkämpfern. Oder Eishockeyspielern. ARD und ZDF zumindest werden die Handballturniere in Zukunft nicht mehr so schnöde ignorieren, wie sie es in der Vergangenheit getan hatten. Damit lässt sich Quote machen. Bis einschließlich 2025 werden alle Welt- und Europameisterschaften im Öffentlich-Rechtlichen TV übertragen.

Die Präsenz im Fernsehen - das ist das, was den Handballern wohl am besten tut. Das hieße aber auch, dass die Bundesliga, das Final Four, die Champions League auf großer TV-Bühne stattzufinden hätte. Den überbordenden Boom sollte man auch davon nicht erwarten, schließlich kommen ja auch nicht die Jugendlichen scharenweise zum Biathlon, nur weil es dauernd im Fernsehen läuft. Aber die Sportart bliebe im öffentlichen Gedächtnis, wenn Uwe Gensheimer, Fabian Wiede und Andreas Wolff auch in anderen Monaten als dem Januar in Erscheinung träten.

Sportarten nachhaltig auf dem öffentlichen Radar zu halten, das ist ungemein schwierig. Die Leichtathleten schlagen sich seit vielen Jahren mit diesem Thema herum, die Schwimmer, die Turner. Für zwei, drei Wochen im Jahr richten sich die Schweinwerfer auf sie, dann fällt den Deutschen unvermittelt auf, welch sympathisches Potenzial im Leistungssport doch steckt, die Fernsehgemeinde holt sich ein gutes Gewissen ab, wenn sie den fleißig Autogramm schreibenden Handballern zujubeln. Danach wartet aber dann auch schon wieder die nächste große Geschichte über Franck Ribéry.

Der "Münchner Merkur" hat ein bisschen gehässig geschrieben, von der WM blieben vermutlich nur die schreienden Pullover von DHB-Vizepräsident Bob Hanning im Gedächtnis. Das ist doch schon mal ein Anfang.



insgesamt 34 Beiträge
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max.fi 28.01.2019
1. Inflationäres usw
Bekanntlich wir ein Produkt umso wertvoller und begehrter je seltener es ist. Wenn also ein Handballspiel 25:26 endet, bedeutet das dass in 60 Spielminuten 51! Tore gefallen sind. Davon ist also keines "selten", im Gegenteil, es ist ein praktisch wertloses Massenprodukt. Ein Fußballspiel endet dagegen nur selten 4:0, oder 3:5, jedoch häufig 2:1. Und das nach 90 Spielminuten! Ein Tor im Fußball ist also das deutlich seltenere, und damit auch wertvollere Produkt. Außerdem sind in der Regel wesentlich größere Distanzen zu überwinden und viel weitere Pässe präzise zu spielen. Der Zuschauer kann sowohl spielerische Höhepunkte, aber auch Unsportlichkeiten, besser erkennen und beurteilen. Die (Turnier)Regeln sind vergleichsweise einfach und übersichtlich, die Luft am Spielort frisch statt muffig und verschwitzt. Ich habe wirklich gegen Handball, aber ein Fan werde ich sicher nie!
Göhli 28.01.2019
2. Wenn...
"das aktuelle 'sportstudio' " im ZDF sich an seinem Namen orientieren würde und nicht nur ein aktuelles fußballstudio wäre, könnte man vielleicht einen sinnvollen Beitrag leisten, damit solch faszinierender Sport nicht nur 1x/Jahr auf dem Schirm der Nation ist.
Mister Stone 28.01.2019
3. Zu viel Ramelow
Einsatzwille, Kraft und Entschlossenheit waren da. Damit wurde Platz 4 redlich erkämpft und verdient. Bravo! Aber das reicht nicht, um Weltmeister zu werden. Was gefehlt hat waren Phantasie, Überraschungsmomente, Spontaneität, Genialität. Wir hatten zuviel Schema F. Wir hatten zuviele Ramelows im Team (das war der hellblonde Mittelfeldspieler, der unter Völler einen Stammplatz in der Nationalmannschaft hatte, brav, gehorsam, nett...) aber keine brillianten Kreativspieler. Ein Gensheimer reicht nicht.
globaluser 28.01.2019
4. @1 max.fi - wi erklären Sie sich dann, die Beliebtheit, des
Basketballs, in den USA? Da gehen Spiele schon einmal 125-116 aus - mit einer kürzeren Spielzeit, als im Handball. Also vollkommen wertlos? Haben Sie jemals Sport betrieben (also neben den Bundesjugendspielen)?
mundi 28.01.2019
5. Beschämend
Nationalismus wird angeprangert. Aber wie soll man es verstehen, wenn ARD und ZDF das Finale nicht übertragen, nur weil die Deutsche Mannschft nicht dabei ist. Ist S Chauvinismus pur oder Nationalismus? Bestimmt hätten Millionen in Deutschland gerne das Finale angeschaut. beschämend
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