Deutscher Handballer Patrick Wiencek Bam Bam macht Boom Boom

Er schuftet Handball, wirkt etwas moppelig: Patrick Wiencek will man nicht als Gegenspieler haben, aber als Teamkollegen. Über den Abwehrhünen, der für die DHB-Auswahl entscheidend ist - mal grob, mal sanft.

Patrick Wiencek
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Patrick Wiencek

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Diese Geschichte handelt von Patrick Wiencek, Kreisläufer, einer der Abwehrchefs in der Handballnationalmannschaft und eigentlich immer dabei, wenn es auf dem Platz hitzig wird, wenn es um die Drecksarbeit geht. Aber um ihn und seine Rolle bei der Weltmeisterschaft besser zu verstehen, muss man Wiencek erstmal im Kontext seiner Teamkollegen sehen.

Uwe Gensheimer wischte sich den Schweiß von der Stirn, der Atem schnell, dann sagte er, die "Männer haben heute gut geackert". Ein paar Meter weiter Martin Strobel, die Hände in den Hüften, der Oberkörper gerade: "Es fehlt noch der letzte Feinschliff", sagte er mit kräftiger Stimme. Hätten Strobel und Gensheimer noch Schutzhelme aufgehabt, man hätte sie für Maurer halten können, die gerade von den Fortschritten ihres Bauprojekts berichten.

Aber Gensheimer und Strobel berichteten vom Drama gegen Frankreich (25:25), und wofür sie eigentlich ackern, ist bekannt: Für den WM-Titel beim Turnier im eigenen Land. Ihre Baustelle ist die Handballplatte, nicht der Plattenbau. Island ist am Samstagabend der erste Gegner in der Hauptrunde (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Aber vielleicht ist der Vergleich mit der Baustelle schon ganz passend, man denke nur an den Kraftakt gegen Russland und Frankreich, jeder Treffer Schwerstarbeit. Gensheimer mit seinen flinken Händen wäre in diesem Gebilde der Mann fürs Ästhetische, ein Architekt. Strobel auf der Rückraumposition der Bauleiter. Und dann gäbe es da noch die Jungs fürs Grobe, und jetzt kommt Patrick Wiencek ins Spiel.

Wiencek in seiner Paradedisziplin: Klammern
AFP

Wiencek in seiner Paradedisziplin: Klammern

Wiencek ist zwei Meter groß und zwischen 116 und 109 Kilogramm schwer, die Quellenlage ist dazu ungenau, es heißt, der Kreisläufer habe zuletzt abgespeckt, fest steht: Sein Trikot spannt am Bauch immer noch etwas. Aber für sein Spiel ist die Masse kein Nachteil, im Gegenteil: Wiencek ist der Typ, der zupackt, wenn es drauf ankommt. Der 29-Jährige lässt es klatschen, wo Wiencek hingeht, tut es weh, er zerrt, er klammert, er schuftet Handball, und er macht das alles ziemlich gerne - Hauptberuf: Abwehrungeheuer.

Aber anders als der Fußballverteidiger Sergio Ramos ist Wiencek nicht nur ein böses Ungeheuer, sondern auch ein sanftes, eins, von dem man gerne mal kräftig gedrückt werden will, so nett wirkt er, zumindest wenn das Spiel ruht. In der Schlussphase im Vorrundenspiel gegen Russland gab es so eine Szene; ein Moment, der auch verdeutlichte, warum die Teamkollegen ihn liebevoll Bam Bam nennen, in Anlehnung an den kräftigen und liebenswerten Jungen aus der Zeichentrickserie Familie Feuerstein.

Wiencek einen Schritt zu spät
DPA

Wiencek einen Schritt zu spät

Das Spiel war noch einmal eng geworden, die Russen hatten aufgeholt und befanden sich im Angriff. Wiencek schob und schubste am Kreis, Routinearbeit, diesmal aber zu doll. Er bekam eine Zeitstrafe und verursachte auch noch einen Siebenmeter. Co-Trainer Oliver Roggisch, früher selbst Abwehrchef der Nationalmannschaft, tobte auf der Bank, wegen der Schiedsrichterentscheidung, so aufbrausend wie man ihn aus seinen aktiven Handballerzeiten eben kennt. Wiencek ist in der Beziehung anders, er wirkte nur enttäuscht und schüttelte den Zeigefinger, als würde er kurz noch sagen wollen: "Lieber Herr Schiedsrichter, die Entscheidung ist ungerecht, und ich glaube, sie könnte falsch gewesen sein."

Wiencek ist keiner, der poltert. Wenn er derzeit in die vielen Mikrofone rund um die WM spricht, dann meist leise, er wackelt dabei immer etwas mit den Hüften und Schultern, vielleicht aus Nervosität oder weil er die Abwehrbewegungen vom Kreis mittlerweile so sehr verinnerlicht hat, er hat schon 130 Länderspiele auf dem Buckel. Wiencek macht keine großen Ansagen in Interviews, er erzählt eher mal eine Geschichte aus dem echten Leben. Nach dem Spiel gegen Frankreich konnte er nicht einschlafen, sagte Wiencek der ARD, "da habe ich dann die Wiederholung des Dschungelcamps gesehen". Seine Augen strahlten, als er das erzählte und in diesem Moment konnte man sich gut vorstellen, wie er irgendwann friedlich vor dem Fernseher eingeschlummert war.

Zu Hause vor dem Fernseher fiebern gerade Ehefrau Fabiane und die zwei Kinder Lotta und Paul mit ihm und den deutschen Handballern. Zu Hause, das ist in Kiel, der gebürtige Duisburger Wiencek spielt seit 2012 für den THW und wurde bereits drei Mal Deutscher Meister. Und wenn er gerade nicht auf dem Handballfeld schuftet, dann im heimischen Hobbykeller. Der "Bild am Sonntag" sagte Wiencek kürzlich, dass er sich eine Sauna gebaut hat. Die Leidenschaft fürs Handwerk habe er schon immer gehabt, nach der Schulzeit machte er eine Ausbildung zum Anlagemechaniker, er fertigte Bauteile an, Schuften ist genau sein Ding.

Wiencek im Zweikampf
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Wiencek im Zweikampf

Und damit wären wir auch schon wieder bei den deutschen Handballern und dem Bild der Baustelle. Wiencek wäre auf dieser übrigens nicht nur der Mann fürs Grobe. Ist der Kreisläufer erstmal in Bewegung, kann man ihn kaum stoppen: Wer bei Youtube nach Wienceks Karrierehighlights sucht, wird keine spektakulären Attacken finden, sondern schöne Treffer - viele davon nach einem Tempogegenstoß. Stichwort: Dampfwalze.

Manchmal wirkt Wiencek aber etwas aus der Zeit gefallen, dann, wenn er an der Seite seines Abwehrpartners Hendrik Pekeler, 27 Jahre, verteidigt, der noch größer als Wiencek ist, aber viel austrainierter und etwas flinker. Was das aussagt? Wahrscheinlich, dass Handball immer athletischer wird, wie auch am Beispiel des französischen Rückraumspielers Dika Mem deutlich wird, der viel wendiger und trainierter wirkt als die Schränke auf seiner Position aus den Zeiten von Christian Schwarzer.

Aber eben auch, dass die richtige Mischung im Handball entscheidend ist, denn die deutsche Mannschaft erlebt aktuell wieder eine ihrer stärkeren Phasen, die Abwehr ist dabei der Schlüssel - und in der nun beginnenden Hauptrunde werden die Packer- und Nehmerqualitäten des Patrick Wiencek besonders gefragt sein.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben eine Bildunterschrift aktualisiert.



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
neue_mitte 19.01.2019
1.
Er wirkt etwas moppelig und das Trikot spannt am Bauch noch etwas? Allein daran sieht man, wie weit wir von echter Gleichberechtigung noch weg sind. Sowas würdet Ihr NIE, NIE, NIE, niemals über eine Handballerin oder überhaupt Sportlerin schreiben - auch wenn es der Wahrheit entsprechen würde, wie bei Patrick Wiencek. Es hat sich keiner getraut, sowas über Serena Williams' Bodysuit zu schreiben. Aus diesem Grund sollte man in sich gehen, um sich klar zu werden, was man über jemanden schreibt, wenn man es über jemand anderen eben nicht schreiben würde. Soweit sollten wir 2019 doch schon sein.
senfdazugeber2013 19.01.2019
2. Welcher Praktikant...
...hat denn bitte die Bildunterschriften verfasst? Auch wenn es den Anschein haben mag, aber im Handball gibt es keine Grätsche...klassischer Fall von: Aus dem Zusammenhang gerissen...genau wie der "Schritt zu spät" auf dem Bild davor....
appenzella 19.01.2019
3. Der Patrick will eben immer nur das EINE!
Gib mich die Kirsche, sagte einst Lothar Emmerich, bevor er den Ball, in seinem Fall den Fußball ins Tor drosch. Das ist es, was diese Jungs wollen, immer hart am Ball. Tja, und der Patrick ist nun mal ein schwerer Junge, er ist eben ein Pfundskerl.. Viel Glück und Erfolg wünscht der appenzella
AH HH 19.01.2019
4. Völlig richtig
was neue_mitte zum Zitat 'etwas moppelig' schreibt. Die Formulierung ist für mein Gefühl abschätzig und respektlos, auch wenn der ganze Artikel eigentlich loben und positiv berichten will. Nur ein kleines Wort in der Subline, aber es springt ins Auge. Der Autor sollte vielleicht auch darüber nachdenken, ob er selbst in dieser Form gelobt werden möchte. Und wäre der Sportler eine Frau, er hätte sicher anders formuliert.
citizen01 19.01.2019
5. Schöner Artikel, hier schreibt einer,
der den Sport und die Sportler kennt und mag. Sympathisch.
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