Handball-WM Frankreichs Frauen stürzen die Weltstars aus Norwegen

Frankreich hat Norwegen im Finale der Handball-Weltmeisterschaft besiegt und gezeigt, dass auch eine Supermacht geschlagen werden kann. Zurück bleibt ein fassungsloser Top-Favorit.

Französische Handball-Weltmeisterinnen
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Französische Handball-Weltmeisterinnen

Von Anna Paarmann


"Heute Party in Hamburg, morgen in Paris, Dienstag überall in Frankreich." Grace Zaadi hat sich die blau-weiß-rote Flagge ihres Landes über die Schultern gehängt, an ihrem Hals baumelt die Goldmedaille. Das Gesicht der französischen Mittelspielerin strahlt.

Es ist eine Sensation: Frankreich hat Norwegen geschlagen, dem Team von Trainer Thorir Hergeirsson den Titel entrissen. Zaadi steht in der "Mixed Zone", dort wo die Mannschaften nach dem Spiel auf die Journalisten treffen. Olivier Krumbholz, er hat Frankreich bereits 2003 zum ersten WM-Titel geführt, wird gerade interviewt. Seine Spielerin schleicht sich von hinten an ihn heran, hüpft durch das Bild, wedelt die Fahne in der Luft umher. "Weltmeister", schreit sie.

"Das ist unser Tag"

Zaadi selbst hat in dem Endspiel vor 11.200 Zuschauern in Hamburg kein Tor werfen können, dafür hat sie etliche Bälle verteilt, eine Grundlage für ein Endergebnis von 23:21 geschaffen. "Wir haben sehr hart gearbeitet", sagt sie und küsst ihre Medaille. "Das ist unser Tag." Ihrem Team sei es dank einer "sehr starken Abwehr" gelungen, die vielen Waffen, über die die Norwegerinnen verfügen, abzuwehren.

Norwegen ging als Favorit ins Spiel: Das Team hatte Freitag noch die Niederlande 32:23 aus der Hamburger Arena gefegt und wieder mal die eigene Klasse bewiesen. Ähnlich waren die Erwartungen beim Endspiel. Manch einer hatte für das Aufeinandertreffen Norwegen Frankreich gar eine "Klatsche" prognostiziert.

Doch es kam anders: Die Französinnen setzten gleich zu Beginn ein Zeichen, führten nach zwei Minuten bereits mit zwei Toren. Die Norwegerinnen, bekannt für ihr Tempospiel und ihren Kampfgeist, ließen nicht locker. Eine starke Nora Mørk hielt ihr Team mit sieben Treffern im Spiel. Zur Pause führte Frankreich 11:10.

Frankreichs Manon Houette (rechts) auf dem Weg zum Tor
AFP

Frankreichs Manon Houette (rechts) auf dem Weg zum Tor

Hergeirsson stellte um, er wechselte zu einer offensiveren Abwehr, tauschte im Tor durch. Es half nichts: Auch die zweiten 30 Minuten begannen miserabel für Norwegen: Vom Sieben-Meter-Punkt versenkte Mørk den Ball im Netz, sie traf aber nicht das Tor, sondern das Netz dahinter. Ein bezeichnender Moment.

Der einzige Lichtblick war die norwegische Rückraumspielerin Veronica Kristiansen: Allein in der zweiten Hälfte erzielte sie fünf Treffer. Ihr Team lag in der 36. Minute mit drei Toren hinten, sie zimmerte den Ball mit einem perfekten Unterhandwurf ins Tor. In der 44. Minute sorgte sie für den Ausgleich - wieder segelte der Ball auf Hüfthöhe durch die Abwehr.

Gewissheit bereits eineinhalb Minuten vor Abpfiff

Heidi Løke brachte Norwegen sieben Minuten vor Schluss sogar noch mal in Führung. Das war jedoch nur ein kurzes Aufbäumen. Alison Pineau traf zwei Mal hintereinander - 22:20 für Frankreich. Als dann noch Alexandra Lacrabère den Ball im Tor der Norwegerinnen versenkte, den Endstand von 23:21 zementierte, gab es nichts als lautes Brüllen.

Nachdem sich alle Spielerinnen auf einen Haufen geworfen, sich gegenseitig mehrfach umarmt hatten, strömten sie in verschiedene Richtungen aus. An der Tribüne warteten bereits ihre Familien. Auch ihnen stand die Überraschung ins Gesicht geschrieben: Frankreich ist Weltmeister.

Olivier Krumbholz ist sich sicher, dass es die Rolle der Underdogs war, die sein Team zur Goldmedaille geführt hat. "Den Druck hatte Norwegen, wir waren hier nicht die Favoriten", sagte er nach Abpfiff und schob hinterher: "Und das haben wir genutzt."

Enttäuschte Spielerinnen aus Norwegen
AFP

Enttäuschte Spielerinnen aus Norwegen

Die Handballerinnen aus Norwegen müssen nun erst mal einen Schock überwinden, etliche Spielerinnen fühlten sich nach Abpfiff nicht in der Lage, zu sagen, was passiert war. Sie wollten zum vierten Mal Weltmeister werden, eine weitere Goldmedaille in eine beachtliche Statistik einfügen. Allein bei der Europameisterschaft haben die Norwegerinnen bereits siebenmal Gold gewonnen.

Løke, mit 35 Jahren eine der erfahrensten Spielerinnen im norwegischen Team, startete später einen Versuch, die Niederlage zu analysieren. "Wir haben zu viele Würfe vergeben", sagte die Kreisläuferin, "unsere Abwehr war gut, aber wir sind nicht genug gelaufen." Dass sich ihr Team nun mit der Silbermedaille zufriedengeben müsse, sei eigenes Verschulden. "Wir können einer starken und mutigen Mannschaft wie Frankreich nur gratulieren."



insgesamt 2 Beiträge
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weisserb 18.12.2017
1. Ein Titelverteidiger gewinnt, nicht wie Sie schreiben
wie können Sie vom Norwegischen schreiben?
hjanko 18.12.2017
2. Tolles Spiel
Hallo, ein wirklich hochklassiges Spiel, das wir da sehen konnten. Frankreich hat Norwegen im Laufe des Spiels immer besser in den Griff bekommen und hat den Norwegerinnen eine Stärke nach der anderen genommen. Hat mich, vom Ablauf her, ein bisschen an Deutschland vs Spanien bei der letzten (Herren) EM erinnert. Noch was zum Niveau in den Ballspielarten. Im Frauen Handball, wie auch im Frauen Volleyball ist das Niveau extrem hoch, vom Tempo, der Artistik, Taktik usw. sind diese beiden Sportarten absolut sehenswert. Im Gegensatz zum Frauenfußball. Der hat aber (min.) 2 Jahrzehnte Rückstand und ist definitiv am aufholen. D.h. auch dort wird das Niveau immer besser.
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