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Deutschlands Halbfinal-Pleite: Zwei gute Torhüter reichen nicht

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Deutschlands WM-Aus gegen Norwegen Unterlegen, enttäuscht - und stolz

Sowohl die Defensive als auch die Offensive schwächelte - aber das allein erklärt Deutschlands Aus im WM-Halbfinale nicht. Norwegen war auch raffinierter. Trotzdem schreibt das Turnier Erfolgsgeschichten.

Fabian Böhm stürmte auf den Kreis zu, setzte zum Wurf an und vergab unter Bedrängnis die Chance zum Ausgleich. Sofort schaltete Norwegen um: Schneller Konter über Sander Sagosen, Patrick Wiencek versuchte noch, den norwegischen Superstar mit einem wuchtigen Klammergriff zu Boden zu drücken. Doch im Fallen und mit letzter Kraft spielte Sagosen einen traumhaften Pass auf Magnus Rød - und dieser traf freistehend zum 10:12 aus deutscher Sicht. Zwei Tore Rückstand statt Ausgleichstreffer.

Diese Szene in der 25. Minute dauerte gerade einmal zehn Sekunden. Sie steht symbolisch für diesen schnellen Sport, und sie erklärt sehr gut, warum die deutschen Handballer an diesem Abend im WM-Halbfinale gegen Norwegen verloren haben. Warum sie ihren Traum vom Titel beim Turnier im eigenen Land begraben und am Sonntag (14.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF) im Spiel um Platz drei gegen Frankreich antreten müssen. (Hier geht es zum Spielplan und zu allen Ergebnissen)

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Deutschlands Halbfinal-Pleite: Zwei gute Torhüter reichen nicht

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Die Abschlussschwäche war ein Grund. Böhm, der in der 25. Minute verworfen hatte, war sogar noch einer der stärkeren deutscher Werfer, sechs Tore erzielte er bei sieben Versuchen. Das Problem in der Offensive waren eher die Spieler für die einfachen Tore aus dem Rückraum. Steffen Fäth und Kai Häfner erwischten einen schwachen Abend - ihnen gelang kein Treffer, obwohl sie siebenmal aufs Tor warfen.

"Wir machen die klaren Dinger nicht", sagte Jannik Kohlbacher, ohne Fäth und Häfner zu nennen. Die beiden trugen am WM-Aus schließlich nicht die alleinige Schuld, wie Wiencek, einer der beiden Spieler im deutschen Mittelblock, richtig ergänzte: "Unsere Abwehr war heute nicht so stabil, wie wir sie kennen."

Man kennt sie als eine der stärksten Defensivreihen der Welt. Eigentlich. Und das ist schon der zweite Teil der Antwort, warum die DHB-Auswahl 25:31 (12:14) verlor und nun Norwegen im dänischen Herning am Sonntag (17.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Eurosport) gegen Co-Gastgeber Dänemark um den Titel spielt: 31 Gegentreffer sind in einem WM-Halbfinale zu viele.

Ausgerechnet im Halbfinale schwächeln Wiencek und Pekeler

Da wäre Wiencek als ein Faktor zu nennen. Er ging mit 13 abgefangenen Bällen und 14 erfolgreichen Blocks in dieses Halbfinale, das sind Traumwerte, er ist einer der besten Verteidiger der Welt. Das Problem: Gegen Norwegen kam nur ein einziger Block hinzu. Sein Nebenmann Hendrik Pekeler kassierte drei Zeitstrafen und sah damit in der zweiten Hälfte die Rote Karte. Hinzu kamen vier weitere Zeitstrafen anderer deutscher Spieler, zu oft musste Deutschland in Unterzahl verteidigen.

"Wir haben dadurch unsere Kompaktheit verloren", sagte Bundestrainer Christian Prokop, und er gestand ein, dass man sich trotz Vorbereitung auf die Linie des tschechischen Schiedsrichtergespanns nicht habe einstellen können. "Die haben eigenartig und kleinlich gepfiffen. Härte gehört zum Handball. Aber sie haben auf beiden Seiten so gepfiffen", sagte Wiencek, der die Schiedsrichter nicht als spielentscheidend ansah.

Patrick Wiencek

Patrick Wiencek

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Seine Mitspieler teilten diese Meinung. Gleichzeitig war es aber nicht nur so, dass Deutschland in Offensive und Defensive patzte. Die norwegischen Handballer waren in den entscheidenden Szenen einfach entschlossener, wie in der anfangs beschriebenen 25. Minute. Sie waren taktisch raffinierter und am Ende der "verdiente Sieger" (Böhm) und "der verdiente Finalist" (Wiencek).

Allen voran überzeugte Norwegens Spielmacher Sagosen, wie schon so oft bei dieser WM. Nun prägte er auch dieses Halbfinale. Der 23-Jährige von Paris Saint-Germain setzte sich oft in wichtigen Eins-gegen-Eins-Situationen durch und ihm gelangen viele traumhafte Zuspiele an den Kreis - das machte den Unterschied. Allein Bjarte Myrhol erzielte sechs Treffer aus sechs Metern, insgesamt kam Norwegen auf 17 Treffer aus der Nahdistanz. "Das war unser Plan, darauf haben wir uns vorbereitet", sagte Cheftrainer Christian Berge. Und die vielen Unterzahlsituationen der Deutschen ermöglichten die nötigen Räume. (Sehen Sie hier eine Videoanalyse zum Spiel)

"Jetzt wollen wir Bronze"

Deutschland wird bei dieser WM also keine Wiederholung des Heimerfolgs von 2007 feiern, das steht nun fest; und wenig überraschend zeigten sich später viele enttäuschte Gesichter. Wiencek sagte, er sei "sehr traurig", Patrick Groetzki sprach von einer "großen Leere, die sehr wehtut". Nachvollziehbare und erwartbare Aussagen. Aber es war auch Zufriedenheit zu sehen. So herrschte ein wenig Erleichterung darüber, wie das Turnier zuvor gelaufen war. "Bei uns stellt sich ein Mix aus Enttäuschung und Stolz ein", sagte Trainer Prokop.

Christian Prokop

Christian Prokop

Foto: Soeren Stache/ dpa

Denn diese WM schreibt auch Erfolgsgeschichten. Wie zum Beispiel beim dramatischen Erfolg gegen Kroatien, als das deutsche Team beeindruckend auf den Kreuzbandriss von Martin Strobel reagierte. Fabian Wiede hat gezeigt, dass er eines Tages den deutschen Rückraum prägen kann, auch in einigen Situationen gegen Norwegen trumpfte er mit mutigen Distanzwürfen und Pässen auf. Bundestrainer Prokop und seine Mannschaft scheinen nach der verkorksten EM vor einem Jahr besser zusammengefunden zu haben. Das alles ist viel wert.

Und noch ist das Turnier nicht vorbei. "Wir hatten alle einen Traum. Wir wollten Weltmeister werden. Der Traum ist vorbei", sagte Böhm mit kräftiger Stimme und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: "Jetzt wollen wir Bronze."

Videoanalyse: Knackpunkt Defensive

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