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07. Januar 2017, 18:17 Uhr

TV-Vertrag für Handball-WM

Ein Angebot, das sie nicht ablehnen wollten

Eine Analyse von

Die Handball-WM können deutsche Fans auf der Internetseite einer Bank verfolgen, immerhin! Es war das letzte Kapitel in einem Trauerspiel, das schon viel früher begann. In den Hauptrollen: ein Sonnenkönig aus Ägypten und ein schweigender Deutscher Handball-Bund.

Panik, Entgeisterung und Kopfschütteln, so wurde in den vergangenen Wochen in Deutschland auf das Horrorszenario reagiert: Die Handball-WM (11. bis 29. Januar) drohte komplett unter Ausschluss deutscher Fernsehzuschauer stattzufinden. Dass die schlimmsten Befürchtungen nicht wahr wurden, lag an der Deutschen Kreditbank (DKB), Premium-Werbepartner des Deutschen Handball-Bundes (DHB) und Namenssponsor der deutschen Männer-Bundesliga, die sich auf den letzten Drücker noch die Übertragungsrechte für das Internet sicherte.

Der Verband selbst hatte die Diskussion zuvor mit lautstarker Empörung begleitet. "Schön, dass sich unsere Politik so mit dem Doping in Russland beschäftigt. Es wäre aber auch schön, wenn sie sich ebenso intensiv mit den TV-Rechten in Deutschland beschäftigen würde", sagte DHB-Präsident Andreas Michermann der "Bild". Dabei zeigen Protokolle aus dem Jahr 2013, dass der Verband selbst es sträflich versäumte, gegen die Fernsehrechte-Politik des Internationalen Handball-Bundes IHF und dessen Sonnenkönig Hassan Moustafa zu intervenieren. Stattdessen tat der DHB: nichts.

Der Fernsehvertrag wurde auf der Councilsitzung des IHF am 21. Dezember 2013 in Belgrad beschlossen. Die Europäische Rundfunkunion (EBU), der ARD und ZDF angehören, war aus dem undurchsichtigen Bieterprozess beizeiten ausgestiegen, denn die Rechte waren nicht in einem sauberen Wettbewerb ausgeschrieben worden. Stattdessen hatte das IHF-Exekutivkomitee nur ausgewählte Rechtehändler angefragt: Ufa Sports war bereit, 62 Millionen Schweizer Franken Lizenzgebühr und acht Millionen für Produktionskosten zu zahlen. Die Agentur Sportfive bot anfangs 52,7 Millionen, reduzierte später ihr Angebot jedoch auf 41,5 Millionen Franken. Vom Mitbewerber Infront hätte die IHF 46 Millionen Franken für die TV-Rechte erhalten.

Abstimmen, ohne die Details zu kennen

Das vierte Angebot kam von Al Jazeera, Staatssender aus Katar, wo gerade der IHF-Kongress stattgefunden hatte: 88 Millionen Franken Lizenzen und 12 Millionen Produktionskosten - insgesamt 100 Millionen Franken.

Danach klärte IHF-Präsident Hassan Moustafa das Prozedere. Das Council solle sofort über den neuen TV-Partner entscheiden. Details würden später verhandelt, nachdem er gemeinsam mit Schatzmeister Sandi Sola aus Kroatien den Vertrag mit den Katarern unterschrieben habe. Der Franzose Jean Brihault fragte kurz nach, ob es nicht besser wäre, genau zu wissen, worüber man eigentlich abstimme und was das für Auswirkungen auf die TV-Übertragungen der vier Weltmeisterschaften habe. Moustafa ging darauf nicht ein. Es wurde sofort abgestimmt, Moustafa enthielt sich offiziell der Stimme, klassischer Brauch unter Sport-Despoten, denn es war alles vorbereitet: Al Jazeera erhielt mit 16:0 Stimmen den Zuschlag für die TV-Rechte.

Dann war es an Moustafas langjährigem engsten Verbündeten Miguel Roca Mas aus Spanien, dem Präsidenten zu danken: Weil Moustafa diesen grandiosen Vertrag mit Al Jazeera vorbereitet hatte, sollte er eine saftige Gehaltserhöhung bekommen. Bis dahin erhielt Moustafa mindestens 500.000 Franken jährlich, nebst dubioser Geheimverträge als Lobbyist in Höhe von 600.000 Euro wie einst mit Sportfive. Jetzt genehmigten ihm die Kameraden einen Aufschlag in sechsstelliger Höhe. Wie viel genau Moustafa verdient, weiß man nicht. Geschäftsgeheimnis. Das Sitzungsprotokoll hält die Dankesworte des Ägypters fest: "Ich mache es nicht des Geldes wegen", sagte Moustafa, "sondern aus Liebe zum Handball und für unsere Handballfamilie."

"Nein. Definitiv nicht"

Als Vorsitzender der Schiedsrichterkommission war der deutsche Funktionär Manfred Prause bei jenem Council-Meeting im Dezember 2013 zugegen. Der Offenburger Prause, der auch bei der am Mittwoch beginnenden WM als Oberschiedsrichter tätig ist, erinnert sich am Telefon nur vage an die Sitzung in Belgrad. "Der Vertrag wurde in den Grundzügen vorgestellt", sagt Prause, "aber die Details handelt doch der Präsident aus." Auf die Frage, ob damals klar gewesen sei, was dieser Vertrag für die verschiedenen Märkte und Nationen bedeute, antwortete Prause kurz und entschieden: "Nein. Definitiv nicht."

Der Vertrag wurde schließlich mit der damaligen Al-Jazeera-Tochterfirma beIN Sports geschlossen, und der Weltverband zitierte seinen Präsidenten mit den Worten: Die IHF sei in "Ländern wie Pakistan, Indien, den USA, Kanada, China oder Australien noch schwach". Der Fernsehpartner beIN habe dort Kanäle "und kann alle Haushalte erreichen". In einem Kernmarkt wie Deutschland erreichte die IHF bei der WM 2015 in Katar dagegen kaum noch Zuschauer. Das Turnier wurde beim Bezahlsender Sky nur von einigen Hunderttausend Menschen verfolgt - anders als bei der EM 2016, als knapp 13 Millionen in der ARD das Finale Deutschland gegen Spanien sahen.

Inzwischen ist die beIN Media Group aus Katar einer der weltgrößten TV-Sportrechtehändler. Die Erbmonarchie Katar, deren Emir Tamim Bin Hamad al-Thani auch dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) angehört, beherrscht mit ihren Milliarden und Firmen wie beIN weite Teile des Weltsports. Katars Rechtedealer ist, anders als die Konkurrenz, nicht auf den Weiterverkauf der TV-Pakete angewiesen. 100 Millionen mehr oder weniger sind Spielgeld, Peanuts. So erklären sich die erstaunten Reaktionen diverser deutscher TV-Sender, die allesamt über die Arroganz der Katarer und deren monatelanges Schweigen klagen. BeIN lässt sich keine Zugeständnisse abringen. Wenn beIN dekretiert, dass TV-Signale für Satelliten-Kunden verschlüsselt werden müssen, dann wird daran nicht gerüttelt. Für ARD und ZDF war das 2015 und 2017 das Ausstiegskriterium.

Man will es sich mit dem Pharao nicht verscherzen

Inhaltlich hat sich in der TV-Diskussion um die WM 2015 und 2017 kaum etwas geändert. Damals war der DHB-Präsident Bernd Bauer "massiv enttäuscht und geschockt". Sein Nachfolger Andreas Michelmann sagt diesmal: "Das ist wirklich ein Ärgernis." Gelegentlich verlangt der DHB-Lobbyist im Bundestag, Frank Steffel (CDU), auch Präsident des Bundesligisten Füchse Berlin, Handball solle in die sogenannte TV-Schutzliste eingetragen werden. Paragraf 4 des Rundfunkstaatsvertrages hält fest, welche Sport-Großereignisse "von erheblicher gesellschaftlicher Bedeutung" im frei empfangbaren Fernsehen gezeigt werden müssen und nicht im Bezahlfernsehen verschwinden dürfen: Olympische Spiele (Sommer und Winter) sowie bei Fußballwelt- und -europameisterschaften alle Spiele mit deutscher Beteiligung, die Eröffnungsspiele, die Halbfinals und die Finals. Außerdem alle Heim- und Auswärtsspiele der Fußball-Nationalmannschaft, die Endspiele im DFB-Pokal sowie in der Champions League und der Europa League mit deutscher Beteiligung.

Außer "König Fußball" ist also keine Sportart gesondert aufgenommen. Andererseits sind alle derzeit 40 olympischen Sportarten dabei - allerdings immer nur bei Olympischen Spielen. Und DHB und DOSB erklärten schon vor zwei Jahren, sie hielten nichts davon, Handball in die TV-Schutzliste aufzunehmen.

Hassan Moustafa, der wie kaum eine andere Person von dem umstrittenen TV-Deal mit beIN Sports profitiert hat, spielt sogar den großen Politiker. Im vergangenen Jahr behauptete er mehrfach, er habe einen Brief an Angela Merkel geschrieben und um Unterstützung gebeten. Die Bundeskanzlerin habe geantwortet, dass sie sich nicht einmischen werde. Jenseits gelegentlicher verbaler Ausbrüche fährt die DHB-Führung ohnehin einen Schmusekurs zum IHF-Pharao. Weder auf dem Kongress 2015 in Sotschi noch auf späteren Council-Sitzungen wurde die TV-Frage thematisiert.

Man will es sich mit Moustafa nicht verderben. Im Dezember findet in Deutschland die Frauen-WM statt.

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