Deutschlands Aus bei der Handball-WM Knock-out aus dem Nichts

Als Titelkandidat waren die deutschen Handballer zur WM nach Frankreich gereist. Dort war nun schon im Achtelfinale Schluss. Das Aus war überraschend - aber auch leichtfertig selbst verschuldet.

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Aus Paris berichtet Michael Wilkening


Dagur Sigurdsson saß auf dem Podium in den Katakomben der großen Handballarena in Paris und man spürte förmlich, dass er noch nicht verstanden hatte, was in den zwei Stunden zuvor auf dem Feld passiert war. Der Trainer der deutschen Handballer fand bei seiner Analyse Gründe für den unerwarteten Knock-out im Achtelfinale der Weltmeisterschaft gegen Außenseiter Katar, das 20:21 hatte Ursachen. Sigurdsson wusste aber, dass es trotz aller Versuche der Begründung dabei bleiben würde - die Niederlage war nicht erklärbar.

"Das ist ein sehr großer Schock für uns", sagte der Isländer. Sigurdssons Blick war leer, ebenso wie seine Spieler wusste er um die Niederlage, sie war schließlich Realität geworden. Aber greifbar war sie nach dem plötzlichen Ende noch nicht. "Wir haben zu viele Fehler gemacht, damit müssen wir jetzt leben", sagte der Bundestrainer. Neben ihm auf dem Podium saß Julius Kühn, der nicht in der Lage war, die vorangegangenen 60 Minuten zu beschreiben: "Entschuldigung, aber ich habe zu diesem Spiel nichts zu sagen."

"Trauer und Leere"

Innerhalb von zwei Jahren hatte Sigurdsson aus einem Team, dem das Niveau der internationalen Spitze fehlte, eine Top-Mannschaft geformt. Mit ihm waren die Deutschen vor einem Jahr überraschend Europameister geworden. Mit ihm hatten sie ein halbes Jahr später den Gewinn der Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro nachgelegt. Sigurdsson hinterlässt ein Erbe, das ist unbestritten. Aber für den Moment verlässt er eine Mannschaft, die im Achtelfinale eines großen Turniers nicht in der Lage war, einen mittelmäßigen Gegner aus Katar zu schlagen.

"Ich hatte das ganze Turnier über das Gefühl, dass es uns mal treffen kann. Wenn wir ganz, ganz ehrlich sind, haben wir den absoluten Rhythmus nicht auf die Platte gekriegt", sagte Bob Hanning. Der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB) wirkte aufgeräumt, seine Enttäuschung wollte er aber nicht verbergen: "Wie alle anderen Spieler auch spüre ich Trauer und Leere." Die Trauer um die Niederlage vermischte sich mit der Trauer über die Leistung einer Mannschaft, die der große Rivale der gastgebenden Franzosen beim Kampf um die Goldmedaille sein sollte und wollte. Doch im ersten K.-o.-Spiel dieser WM ereilte die Deutschen ein Niederschlag, der aus dem Nichts kam.

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Handball-WM: So bitter war das deutsche Aus

Dabei standen die Sigurdsson-Schützlinge in der Deckung gut, Andreas Wolff befand sich von der ersten Minute an in Gala-Form, so dass lange nicht auf der Anzeigetafel deutlich wurde, wie schlecht das Spiel der Deutschen im Angriff war. Offenbar hatte die DHB-Auswahl das Gefühl, es würde schon laufen. Dieser Irrtum sollte fatale Folgen haben. Weil einer Mannschaft, die noch vor zwei Tagen beim 28:21-Sieg gegen Kroatien voller Selbstvertrauen agierte, mehr und mehr die Stabilität abhanden kam, konnten die Katarer ihren Gegner auf ihr Niveau herunterziehen. Nicht Katar hatte die Begegnung gewonnen, die Deutschen hatten sie verloren.

Vier-Tore-Führung verspielt

Ganz zum Schluss bekamen die Außenseiter zudem Unterstützung der lettischen Schiedsrichter, die einige schwer nachvollziehbare Entscheidungen gegen die Deutschen trafen. "In der Schlussphase, das muss man sagen, sind wir von den Schiedsrichtern klar benachteiligt worden. Dazu hätte es aber nicht kommen müssen, das ist auch Teil der Wahrheit", sagte Hanning. Es wäre eine billige Ausrede gewesen, die Unparteiischen verantwortlich zu machen, nachdem die Deutschen trotz schwacher Vorstellung Mitte der zweiten Halbzeit 17:13 vorne gelegen und mehrfach die Chance hatten, noch weiter davonzuziehen.

Im Nachgang glichen sich die Aussagen der Protagonisten: "Wir haben zu viele Fehler und es Katar damit leicht gemacht", sagte Patrick Wiencek. Genauso erklärten sich Paul Drux und Kai Häfner. Niemand fand einen neuen Erklärungsansatz. So war es auch auf dem Feld gewesen. Am Ende fand sich niemand, der den Absturz verhindern konnte. Einer Gruppe, die lange davon lebte, dass es keinen Anführer gibt, sondern wechselnde Matchwinner, fehlte plötzlich ein Chef.

"Das sollte eigentlich kein Kurzeinsatz werden, ich hatte schon was anderes vor", sagte Holger Glandorf. Der Linkshänder von der SG Flensburg-Handewitt war erst am vergangenen Donnerstag ins WM-Team gerutscht und sollte auf dem Weg zur Medaille zum "Joker" werden. In der zweiten Halbzeit war der Halbrechte der beste Offensivspieler, aber die vier Tore des 33-Jährigen reichten nicht mehr. Es war das passende Abbild des deutschen Spiels, dass Steffen Fäth im letzten Angriff unvorbereitet aufs Tor warf und am Block der katarischen Abwehr scheiterte.



insgesamt 43 Beiträge
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golkashti 22.01.2017
1. Gegen wen?
Gegen wen ist Deutschland ausgeschieden?
benzhubert 22.01.2017
2. Herunter vom Thron
Na, da hat der Trainer genauso wie die Mannschaft jede Menge Fehler gemacht und beide sind für ihre Überheblichkeit bestraft worden. Eventuell war der Trianer ja gar nicht so gut, sondern hat nur die Früchte seines Vorgängers geerntet???? Bin mal gespannt, wer jetzt auf den Thron gehoben wird.
osolei 22.01.2017
3.
selber schuld -aber trotzdem sch,,,,
conrath 23.01.2017
4. Kommt, das stecken wir weg.
Es ist ok. Die deutsche Mannschaft verlor. Aber sie hat gut gespielt. Vielen Dank für euren Einsatz und Dank an Trainer Sigursson für ein faires, kämpferisch vorgetragenes Mannschaftsspiel. Es trägt auch seine Handschrift. Ihr alle habt es gut gemacht.
qlcasa 23.01.2017
5. Trauer?
Bitte liebe Journalisten, es ist immer das gleiche, immer die gleichen Phrasen vor allem der Satz "...noch gar nicht realiziert...". Nun sogar Trauer, Enttäuschung reicht nicht mehr. Was machen den Leute wenn ein naher Familienangehöriger stirbt? Sich umbringen? Warum geht es heute nicht ohne Pathos, ohne Trauer, ohne Helden, etc. Ja, es ist schade, aber es wird weiter gehen, den das nächste Turnier kommt bestimmt, nach dem Turnier, ist vor dem Turnier.
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