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Finalort Herning: Handball-Hauptstadt im Nirgendwo

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WM-Final-Ort Herning Handball's coming home

Handball-WM in Deutschland und Dänemark, da denkt man an Finalstädte wie Berlin oder Kopenhagen. Doch der Höhepunkt der Endrunde findet mitten im dänischen Nirgendwo statt - in Herning. Ein Besuch.
Aus Herning berichtet Jan Göbel

An diesem Samstagnachmittag braucht es etwas Fantasie, um sich den kleinen Ort im mittleren Jütland als Finalstadt der Handball-WM vorzustellen. Das hängt nicht damit zusammen, dass das dänische Herning so kleinstädtisch wirkt; wo die kleine Einkaufspassage in der Innenstadt an diesem ungemütlichen Tag wie ausgestorben daherkommt und Girlanden, Luftballons und T-Shirts in Schaufenstern von Schuhgeschäften und Restaurants auf die WM aufmerksam machen.

Das Problem ist der dichte Nebel: Die schneebedeckten Wiesen links und rechts der Autobahn erkennt das Auge noch, auch die Strommasten oder die neonfarbene Uniform eines Parkwächters. Aber obwohl das Navigationsgerät sagt: "Sie haben Ihr Ziel erreicht", ist von dem eigentlichen Ziel, der Arena, erstmal nichts zu sehen.

Die Finalhalle im Nebel

Die Finalhalle im Nebel

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Die Weltmeisterschaft in Dänemark und Deutschland steht vor dem Abschluss: Am frühen Nachmittag spielen die DHB-Auswahl und Frankreich um den dritten Platz (14.30 Uhr, TV: ZDF), es folgt das Finale zwischen Dänemark und Norwegen (17.30 Uhr, TV: Eurosport; beides im Liveticker bei SPIEGEL ONLINE). (Lesen Sie hier eine Analyse der deutschen Halbfinal-Niederlage gegen Norwegen)

Schon jetzt steht fest: Das Turnier wird in die Geschichtsbücher eingehen, es hat einen neuen Zuschauerrekord gegeben - am Ende werden knapp 900.000 Fans die 96 Spiele besucht haben. Das lag an großen Arenen in Berlin und Köln, in Kopenhagen und München, aber auch an Herning, dem Finalort der WM. Oder wie Dänemarks Rechtsaußen Lasse Svan sagen würde: dem dänischen "Handball-Zuhause".

Arena und Fanmeile unter einem Dach

Wenn man erstmal vor der Halle mit dem Namen Jyske Bank Boxen steht, kurz "Boxen", bekommt man schon eine Vorstellung, warum das hier die dänische Handball-Hochburg sein soll. Hinter dem Nebel taucht plötzlich ein großer dunkler Klotz auf, die schrägen Außenwände erinnern an ein Raumschiff, am Hallendach strahlen vier Lichtinstallationen in den Himmel.

In Wahrheit ist es eine Mehrzweckhalle: für Handball, Eishockey und andere Sportarten. Knapp 15.000 Zuschauer finden hier Platz, also jeder dritte Einwohner Hernings, die Tribünen sind steil, es ist die größte überdachte Arena Dänemarks.

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Finalort Herning: Handball-Hauptstadt im Nirgendwo

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An die "Boxen" angeschlossen befindet sich eine Messehalle, die - Achtung, nächster Superlativ! - größte in ganz Skandinavien. Allein auf dieser Fläche könnte man sechs bis sieben weitere Handballfelder aufzeichnen. Wenn man so will: Hier hätten alle WM-Partien eines Vorrundenspieltags gleichzeitig ausgetragen werden können.

Aktuell wird die Halle jedoch als Fanmeile genutzt: Foodtrucks stehen dort, mit einem Pappaufsteller von Superstar Mikkel Hansen kann man sich fotografieren lassen, Trikots und Handbälle werden verkauft, es gibt 0,4 Liter Bier für sechs Euro. Sogar Fußballtore sind aufgebaut, und sie werden eifrig genutzt.

Stadt der Meister

Großeltern mit ihren Enkelkindern oder Fans mit Wikingerhüten schlendern an diesem Nachmittag über die Ausstellung, während drüben in der Arena einige Tausend Spaniens Kampf gegen Ägypten um den siebten WM-Platz verfolgen. Es wirkt familiär. Wie ein Handballdorf.

Nur, wie ist dieses Dorf entstanden?

Herning ist eigentlich für zwei andere Sportarten bekannt: Der Fußballklub FC Midtjylland wurde im vergangenen Sommer dänischer Meister; er trägt seine Heimspiele direkt neben der "Boxen" und der Messehalle in der MCH-Arena aus - zusammen ist es ein riesiger Sportkomplex. Dann gibt es noch die Herning Blue Fox, 16 Meisterschaften hat der Eishockeyverein bislang gefeiert. Doch mittlerweile sind es nicht mehr nur diese beiden Klubs, die Hernings Einwohner begeistern sollen.

Von Wrestling-WM bis Helene Fischer

"Sport ist für unsere Gemeinde als Erholung und als Erlebnis sehr wichtig", sagt Allan Secher Thulstrup, ein Sprecher des Bürgermeisters Lars Krarup dem SPIEGEL: "Mit Sport entwickeln wir unsere Stadt." Das klingt nicht sonderlich überraschend, aber es funktioniert. Vor 170 Jahren haben hier noch 21 Menschen gelebt, nun sind es knapp 45.000 - und es sollen mehr werden. Auch deswegen habe man vor zehn Jahren beschlossen, aus Herning eine Eventstadt zu machen. Für Sport, Kultur und Messen.

Ein wichtiger Schritt sei der Bau der Jykse Bank Boxen 2010 gewesen. Seither richtet Herning fast jährlich wichtige Sportveranstaltungen aus: 2012 war hier die Tischtennis-EM zu Gast und 2013 die Europameisterschaft im Volleyball, auch Wrestling-Weltmeisterschaften (2009) und zwei Auftaktetappen des Giro d'Italia (2012) fanden bereits in Herning statt, genauso wie die Handball-WM der Frauen 2015. Die Liste ist noch länger.

Dann gab es hier Großkonzerte: Rammstein, Helene Fischer, Britney Spears und Justin Bieber - das volle Programm. Die "gute Organisation und Erfahrung mit Events" habe dazu geführt, dass Herning immer wieder als Gastgeber angefragt wird, sagt Bürgermeistersprecher Thulstrup.

Und diese Anfragen dürften auch in Zukunft kommen: Bis 2025 will man den Komplex weiter ausbauen, ein Kino und eine Seilbahn sollen entstehen, die Autobahn wird erweitert. Aber das ist noch Zukunftsmusik. Erstmal ist noch Handball-WM: Dänemark und Norwegen hatten in der "Boxen" bereits ihre Hauptrundenspiele ausgetragen. Skandinavische Festtage. Die Fortsetzung gibt es im Finale.

Im Video: Das deutsche WM-Aus gegen Norwegen in der Analyse

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