Handball-WM-Duell gegen Kroatien So kann Deutschland den Halbfinaleinzug perfekt machen

Geniale Pässe, gewaltige Würfe: Domagoj Duvnjak ist der große Star bei Deutschlands kommendem WM-Gegner Kroatien. Aber man kann ihn stören, Brasilien hat es vorgemacht.

Jubelnde deutsche Handballer (gegen Island)
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Jubelnde deutsche Handballer (gegen Island)

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Die letzten Sekunden liefen, die brasilianische Abwehr stand kompakt und ließ keine Lücken zu. Domagoj Duvnjak blieb nur noch ein letzter Verzweiflungswurf aus über neun Metern, leichte Beute für den gegnerischen Keeper, und im Gegenzug fiel das 29:26 für Brasilien - der zweimalige Olympiasieger war geschlagen. Kroatiens Handballer hatten ihre gute Ausgangslage im Kampf ums Halbfinale verspielt.

Das deutsche Team dürfte sich über Brasiliens Sieg am Sonntag gefreut haben. Wenn die DHB-Auswahl am Abend (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF) auf Kroatien trifft, kann sie ihr sportliches Ziel bei der Weltmeisterschaft bereits perfekt machen: Ein Sieg und Deutschland steht im Halbfinale von Hamburg, das am Freitag stattfindet. Es ist ein Matchball, sollte er vergeben werden, bliebe noch das dritte und letzte Hauptrundenspiel gegen Spanien am Mittwoch, dann wäre Deutschland womöglich aber wieder auf Schützenhilfe angewiesen. Für Kroatien fällt das Duell bereits in die Kategorie "Alles oder nichts".

So sieht die Tabelle derzeit aus:

1. Frankreich, 4 Spiele, 7:1 Punkte, Tore: +14
2. Deutschland, 3 Spiele, 5:1 Punkte, Tore: +18
3. Kroatien, 3 Spiele, 4:2 Punkte, Tore: +5
4. Spanien, 3 Spiele, 2:4 Punkte, Tore: 0
5. Brasilien, 3 Spiele, 2:4 Punkte, Tore: -12
6. Island, 4 Spiele, 0:8 Punkte, Tore: -25

"Wenn uns einer vor dem Turnier gesagt hätte, dass wir es nun sogar vorzeitig schaffen können, hätten wir ihn für verrückt erklärt", sagte Bob Hanning. Brasilien hat nun bereits zum zweiten Mal bei dieser WM Schützenhilfe für die deutsche Mannschaft geleistet. In der Vorrunde wurde dank des Siegs der Südamerikaner gegen Russland das deutsche Remis gegen die Russen zum Streichergebnis.

Entscheidender ist aber, wie Brasilien Kroatien geschlagen hat. Bundestrainer Christian Prokop saß in der Kölner Arena auf der Tribüne und dürfte interessiert verfolgt haben, wie sich die Kroaten von der Spielweise des Gegners aus dem Takt bringen ließen, wie Duvnjak gestört wurde.

Wie schlägt man Kroatien?

Der Welthandballer von 2013 ist die prägende Figur bei den technisch und kämpferisch starken Kroaten. Mal leitet Duvnjak mit einer genialen Aktion einen Treffer ein, dann schließt der wurfgewaltige Rückraumspieler vom THW Kiel selbst ab. Jeder Spielzug geht über den 30-Jährigen, er macht den berühmten Unterschied.

Domagoj Duvnjak
SASCHA STEINBACH/EPA-EFE/REX

Domagoj Duvnjak

Als Duvnjak bei der Heim-EM vor einem Jahr angeschlagen ins Turnier gegangen und später ganz ausgefallen war, endete die Europameisterschaft für Kroatien mit einem enttäuschenden fünften Platz. Die Konzentration auf Duvnjak macht das Offensivspiel der Kroaten auch berechenbar.

Brasilien ging mit einer 5-1-Formation vor, fünf Spieler verteidigten am Kreis, der sechste stand einige Meter vor den Teamkollegen und attackierte Duvnjak bereits kurz über der Mittellinie. Fast die kompletten 60 Minuten ging das so. Die Kroaten setzten trotzdem weiter auf Duvnjak als Passgeber und Spielgestalter, versuchten ihm Lücken für Durchbrüche zu verschaffen, meist waren aber technische Fehler oder überhastete Abschlüsse die Folge. Insgesamt gab es neun Gegentreffer nach Tempogegenstößen.

6-0, 5-1 oder doch 3-2-1?

Ganz aus dem Spiel kann man einen Duvnjak natürlich nicht nehmen, das belegen seine sechs Treffer gegen Brasilien. Kein anderer Kroate erzielte mehr Tore. Auch die starke deutsche Abwehr wird Duvnjak nicht komplett in den Griff bekommen. Aber es spricht viel dafür, dass die DHB-Auswahl ähnlich druckvoll wie Brasilien attackieren kann.

Prokop hat seine Mannschaft gut auf die WM vorbereitet und lässt mit zwei Defensivsystemen spielen. Mit der klassischen 6-0-Formation, bei der alle sechs Feldspieler eng auf einer Linie verteidigen und zusammen verschieben, um so möglichst keine Lücken entstehen zu lassen. Es ist das gängigste Abwehrsystem im Handball, und könnte Duvnjak zu viel Raum für seine genialen Zuspiele und kräftigen Würfe von der Neunmeterlinie geben.

Besser geeignet scheint die 3-2-1-Abwehr. Mit dieser Formation haben der Bundestrainer und seine Mannschaft bereits Frankreich mächtig unter Druck gesetzt, vor allem in der Anfangsphase, als die deutsche Mannschaft fast sieben Minuten ohne Gegentor geblieben war. Auch gegen Island zog Deutschland erst davon, als Prokop auf 3-2-1 umstellte.

Konzentration benötigt

In dieser Variante - ähnlich wie beim 5-1-System der Brasilianer - tritt der vorderste Spieler weiter hinaus und stört den gegnerischen Spielmacher, also Duvnjak. Die Chance: Bei Ballverlusten des Gegners kann die deutsche Mannschaft schnell umschalten und zu einfachen Kontertoren kommen, genau das ist Brasilien gelungen.

Das Risiko: Der Abwehrchef (Hendrik Pekeler oder Patrick Wiencek) muss mehr sprechen und die Nebenleute stärker koordinieren als im 6-0-Verbund, das System erfordert enorme Konzentration, und das ist ja einer der Punkte, die man der deutschen Mannschaft bislang ankreiden kann. Gegen Russland wurde in der Schlussphase ein schon sicher geglaubter Sieg noch leichtfertig verspielt.

Aber die WM hat eben auch gezeigt, dass die deutsche Abwehr um Torwart Andreas Wolff das Prunkstück ist, vielleicht sogar schon so stark wie beim EM-Sieg 2016. Das sind gute Vorzeichen vor dem Duell gegen Kroatien und Superstar Duvnjak, zumal mit Luka Cindric der zweite Spielmacher im Team seinen Einsatz verletzt absagen muss - Kroatien wird also noch stärker auf Duvnjak angewiesen sein.



insgesamt 4 Beiträge
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kub.os 21.01.2019
1. Nach der WM ist nicht vor der EM
Der Hype ist zz. riesig. Sogar unsere Regionalzeitung berichtet täglich fast ganzseitig über die Handball-WM; hat sogar einen Reporter mit auf Reisen geschickt. Egal, wie es nun ausgeht, nach der WM gibt es dann wieder Bundesligaergebnisse im Fließtext; im regionalen Bereich wird die Sportart kaum oder gar nicht erwähnt. Ja, ja, so sind wir. Es muss etwas ganz Großes sein, falls nicht, weg damit. Handball lebt von Emotionen und kann großartige Unterhaltung sein, egal in welcher Liga. Wenn dann aber einer der es wissen müsste, höhnische Kommentare abgibt und fast jede zweite Schirientscheidung bekrittelt, gemeint ist Co-Kommentar Daniel Stephan auf EURO-Sport, tut er sich und vor allem seiner Sportart keinen Gefallen. Und die Basis dieser "Randsportart" bricht langsam weg. Fußball, Fußball über alles....
halverhahn 21.01.2019
2. Gute Analyse!
Jetzt muss die deutsche Mannschaft das alles auch „nur“ noch umsetzen :-)
Sisyphos der Linke 21.01.2019
3. Vertrauen wir dem Bundestrainer.
Zitat von halverhahnJetzt muss die deutsche Mannschaft das alles auch „nur“ noch umsetzen :-)
bin gespannt, wie Herr Prokop spielen lässt. Bundestrainer sind ja die, die von nichts null Ahnung haben. Ich nehme an, dass er die Spieler ein klein wenig besser kennt, näher an der Mannschaft dran ist, als ich auf meinem Fernsehsofa, und er bei den ganzen Handballlehrgängen, Trainerausbildungen, usw. nicht immer eingeschlafen ist.
kloppskalli 22.01.2019
4. Unglaublich
die Kroaten hatten vorm Spiel offensichtlich die falschen Pillen geschluckt. Anders ist es nicht zu erklaeren, dass sich ein Team, das Spanien klar geschlagen hat, gegen Brasilien kein Mittel findet.. Unglaublich. Gegen Spanien war Brasilien wieder das 'normale' Brasilien, wie wir es kennen.
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