Handballclub SC Magdeburg Aushängeschild des Ostens

Der einstige Meister und Champions-League-Sieger stand vor dem Aus. Doch der SC Magdeburg hat seine schwere Krise überstanden. Das "Handball-Magazin" erklärt, wie dem Club das Überleben gelang und wieso die Perspektiven glänzend sind.

SC-Profi Grafenhorst: Raus aus der Krise
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SC-Profi Grafenhorst: Raus aus der Krise

Von Stefan Boysen


In den Katakomben der Bördelandhalle bekommt Frank Carstens vor Augen geführt, was es bedeutet, Trainer des SC Magdeburg zu sein. In der Pressekonferenz vor den Heimspielen sitzt ihm ein gutes Dutzend Journalisten gegenüber, das O-Töne zum Fitnessstand der Spieler und zur Stärke des Gegners einsammelt - ein Medienaufkommen, das manchem Fußball-Bundesligisten gut zu Gesicht stünde.

Als Carstens vor eineinhalb Jahren seinen Dienst in Magdeburg antrat, führte ihn einer seiner ersten Termine zum Treffen mit den Fanclubvorsitzenden. Beim Betreten des Raumes war er erst einmal geschockt. Der Neue blickte in zwanzig gespannte Gesichter. Sein erster Gedanke war: Wie? Das sind einzig und allein die Fanclubvorsitzenden? "Die Öffentlichkeitsarbeit in Magdeburg stellt ganz andere Anforderungen an mich", sagt Carstens.

Alle anderen Ostvereine sind in der Bedeutungslosigkeit verschwunden, nur der Sportclub Magdeburg ist übrig geblieben. Weswegen die Öffentlichkeit ihn ganz besonders aufmerksam verfolgt. Der SCM ist ein Unikum in der Riege der Teams, die in den höchsten deutschen Spielklassen der wichtigen Mannschaftssportarten auflaufen. Im Fußball spielt kein Verein aus den neuen Bundesländern in der Bundesliga, auch beim Basketball nicht. Der Berliner Eishockeyclub - früher SC Dynamo, heute Eisbären - hat in den Händen der Anschutz Entertainment Group und unter dem Dach der Arena am Ostbahnhof nur noch wenig mit seinen Anfängen gemein.

Der SC Magdeburg ist wieder ein ernstzunehmender Konkurrent

Bleibt der SCM, die Ausnahmeerscheinung im deutschen Sport. Der zehnmalige DDR-Meister ist der einzige Club aus dem Osten, der sich im wiedervereinigten Deutschland durchgesetzt hat. Gut möglich, dass dieser Wille den ein oder anderen Sympathisanten geformt hat. Der Fernsehsender Sport1 überträgt häufig die Magdeburger Spiele. "Die Leute vom Sender sagen uns: Wenn ihr spielt, gucken nicht nur Magdeburg oder Sachsen-Anhalt zu, sondern der ganze Osten", sagt Marc-Henrik Schmedt. Dieses Privileg sei "das Pfund, das wir haben".

Schmedt ist Magdeburgs Geschäftsführer. Blickt man auf sein Einstellungsdatum, den 1. Juli 2010, dann markiert dieser Tag auch das Ende einer langen Leidenszeit, in der der Club hinter den Erwartungen der Fans zurückblieb. Gemeinsam mit Carstens, der gleich in seiner ersten Saison als SCM-Trainer mit Platz sieben die Qualifikation für den Europapokal schaffte, und Steffen Stiebler, Geschäftsstellenleiter und Vereinsikone, gibt er dem Neuanfang ein Gesicht.

Vorbei scheint die Zeit, als Magdeburg sportlich bestenfalls Mittelmaß darstellte und Machtkämpfe sowie persönliche Eitelkeiten in der Führungsriege über dem Wohl des Vereins standen. Auch wirtschaftlich wird die Stimmung besser, Nachrichten über eine drohende Insolvenz gehören der Vergangenheit an. "Vor einem Jahr waren wir der bedauernswerte Ostverein, dem alle wünschten: Seht zu, dass ihr auf die Beine kommt", sagt Schmedt. Jetzt sei man wieder "ein ernstzunehmender Mitbewerber".

Nicht Superstars prägen das Team, sondern die Spielweise

Am Ende der Saison 2009/2010 stand ein Negativkapital von 1,1 Millionen Euro. Heute drücken die Schulden mit 650.000 Euro nicht mehr ganz so schwer. Nach Schmedts Darstellung entlastet die aufgelöste Marketinggesellschaft die Kostenseite und stärken frische Sponsoren die Ertragsseite. Das Ende der Schuldenbereinigung ist in Sicht. "Ziel ist es, in zwei, drei Jahren bei null zu sein", sagt Schmedt, der 18 Jahre Banker war. Nicht nur die Gläubiger, auch Trainer und Fans profitieren von der neuen wirtschaftlichen Stabilität, weil wieder in die sportliche Substanz investiert wird. "Ein Drittel des Mehrerlöses geht in die Tilgung, zwei Drittel gehen in die Mannschaft."

Auf dem Transfermarkt konnte der letzte DDR-Meister, der mit einem Etat von knapp über vier Millionen Euro in die Saison ging, seine zurückgewonnene Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen. Der isländische Nationaltorwart Björgvin Gustavsson und der Slowene Ales Pajovic, der mit dem spanischen Top-Club Ciudad Real zweimal die Champions League gewann, erweisen sich als echte Verstärkungen, sie heben das Team auf ein höheres Niveau. Linksaußen Yves Grafenhorst hat sich an das Zusammenspiel mit seinem Nebenmann schnell gewöhnt. "Pajovic ist ein Weltklassemann", sagt er über den linken Rückraumspieler und Ex-Kieler, "er hat ein Auge für den Außen und setzt seinen Körper gut ein, um Platz für mich zu schaffen."

Grafenhorst gebührt eine Sonderrolle in der Mannschaft. Der 27-Jährige verkörpert das alte Magdeburg. Das der Superstars Stefan Kretzschmar, Joel Abati, Olafur Stefansson und Oleg Kuleschow, die im Jahr 2002 den Verein zum ersten deutschen Champions-League-Sieg führten. Grafenhorst und Andreas Rojewski sind die einzigen im aktuellen Kader, die noch mit ihnen zusammengespielt haben. Und er steht für das neue Magdeburg, eine Mannschaft, deren Identität nicht von großen Spielernamen geprägt wird, sondern von der Philosophie ihres Trainers.

Der Erfolg der vergangenen Monate beruht darauf, dass Carstens ein kompakt verteidigendes, auf Verbund ausgerichtetes Team entwickelt hat. "Verteidigung ist die Grundlage für das Spiel, für Siege", sagt der Coach. Damit reiht er sich in die Vereinstradition ein. Auf die Defensive wurde schon von seinen Vorgängern zu DDR-Zeiten großer Wert gelegt.



insgesamt 3 Beiträge
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herrmannisthinüber 03.11.2011
1. MD als Aushängeschild des Ostens?
Tja, wenn dort nun Fußballspieler nicht verfolgt würden und keine rechtsradikalen Jugendlichen vor den Wohnblöcken in MD-Reform gelangweilt mit ihrem Bier in der Hand herum säßen, könnte diese Stadt vielleicht mal mehr sein als nur ein Aushängeschild im Handball... aber bis dahin sieht 's düster aus in 'Dunkeldeutschland' (...bin gebürtiger Ossi!).
mauerfall 03.11.2011
2. Aha!?
@ herrmannisthinüber: Pauschalisierungen und Simplifizierungen machen das Leben leichter ;) Herr Boysen scheint noch nicht mitbekommen zu haben, dass auch Frauen Sport treiben? Oder wie erklärt sich seine ignorante Behauptung über Ostclubs sonst? Er darf gerne mal einen Blick riskieren zum Handball und Volleyball...
future-trunks 03.11.2011
3. nana
Zitat von mauerfall@ herrmannisthinüber: Pauschalisierungen und Simplifizierungen machen das Leben leichter ;) Herr Boysen scheint noch nicht mitbekommen zu haben, dass auch Frauen Sport treiben? Oder wie erklärt sich seine ignorante Behauptung über Ostclubs sonst? Er darf gerne mal einen Blick riskieren zum Handball und Volleyball...
es gibt auch ostdeutsche herrenvereine beim wasserball etc. in der ersten liga. aber die mit abstand zuschauerträchtigsten ersten ligen sind die erste liga fussball, herrenhandball, herren-eishockey und herrenbasketball. dann kommt lange nichts. dass außerhalb dieser 4 ligen es auch noch andere ligen gibt, stimmt zwar, aber es identifiziert sich nunmal nicht der großteil ostdeutschlands mit den frauen-volleyballerinen vom dresdner sc
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