Deutsche Handballer verpassen WM Vom Himmel in die Hölle

Auf Vereinsebene feiern die deutschen Klubs große Erfolge, doch die Nationalmannschaft ist an einem Tiefpunkt angelangt. Zum zweiten Mal nach 1997 hat das Team die Weltmeisterschaft verpasst. Ein Umbruch steht bevor.

Handballer Holger Glandorf nach der Pleite gegen Polen: "Nicht clever genug"
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Handballer Holger Glandorf nach der Pleite gegen Polen: "Nicht clever genug"

Aus Magdeburg berichtet


Nur 13 Tage lagen zwischen Himmel und Hölle für Holger Glandorf. In Köln gewann der Linkshänder mit der SG Flensburg-Handewitt jüngst die Champions League, euphorisch diese Handballsensation feiernd. In Magdeburg nun schlich er deprimiert aus der Kabine, obwohl er, weiterhin in Superform agierend, mit sieben Toren bester Schütze der deutschen Nationalmannschaft gegen Polen war.

"Wir waren nicht clever genug", sagte der 30-Jährige lakonisch, als die 28:29-Niederlage feststand. Damit hat die Auswahl des Deutschen Handballbunds (DHB) die 24. WM in Katar (15. bis 31.1.2015) verpasst, sie sieht zum dritten Mal in drei Jahren bei einem großen Event nur zu.

Und für Glandorf scheint die Zeit des Abschieds gekommen, obwohl DHB-Vizepräsident Bob Hanning einige Minuten vorher erklärt hatte, dass er nicht mit Rücktritten rechne. "Ich weiß noch nicht, dazu kann ich jetzt gar nichts sagen", sagte Glandorf auf die Frage, ob er weitermache. "Ich mache das ja jetzt schon seit zehn Jahren."

"Es wird weitergehen, aber es macht unsere Arbeit nicht leichter"

Zum zweiten Mal nach 1997 also wird der deutsche Handball, das international wichtigste Zugpferd, nicht bei einer WM vertreten sein. Das ist, ökonomisch betrachtet, ein Schaden für den Weltverband IHF. Und auch für die Führung des DHB, die seit September 2013 im Amt ist, ist dieses Scheitern ein Bremsklotz auf dem Weg, den Verband zu reformieren. "Es wird weitergehen, aber es macht unsere Arbeit nicht leichter", sagte DHB-Präsident Bernhard Bauer. "Wir brauchen uns nichts vorzumachen: Die größte Werbekampagne ist nichts im Vergleich zur Nationalmannschaft", sagte Hanning. "Das ist schon ein Schaden."

Beide Spitzenfunktionäre werden sich zunächst nach einem neuen Coach umsehen müssen. Man werde am Dienstag im Präsidium und am Mittwoch im Sechs-Augen-Gespräch mit Bundestrainer Martin Heuberger die Lage analysieren, erklärte Hanning. Aber mit der Bilanz von drei verpassten Turnieren seit 2011 - wobei er das verpasste Olympiaturnier 2012 nur zum Teil zu verantworten hat - sind Heubergers Argumente dünn. "Man wird sehen", sagte er mit düsterer Miene.

Erneut hatte der Coach in der Partie wenig taktische Antworten gefunden auf das sehr physische Spiel der Polen. Er beließ Silvio Heinevetter, der im ersten Abschnitt grandios gehalten hatte, trotz stark fallender Leistungskurve im Tor - und jedermann fragte sich, warum Johannes Bitter, der Weltmeister von 2007, überhaupt reaktiviert worden war.

Gesucht wird nun ein Trainer mit Händchen für Talente

Vor allem aber verzichtete der bei den Spielern beliebte Coach im Moment der Entscheidung auf eine Manndeckung gegen Karol Bielecki, der den Raum auch gegen einen deutsche Überzahl gern nutzte. Schon beim Hinspiel in Danzig war die Mannschaft perplex, als die Polen den Shooter Glandorf mit einer 5:1-Deckung aus dem Spiel nahmen.

Gesucht wird nun ein Trainer, der vor allem geeignet ist, junge Rückraumspieler wie Paul Drux und Fabian Wiede, Finn Lemke und Steffen Fäth an die Weltspitze zu führen. Auf der Kreisläuferposition ist der DHB mit Patrick Wiencek und dem erst 22-Jährigen Hendrik Pekeler, der in beiden Playoff-Spielen vor allem in der Abwehr überzeugte, sehr gut bestückt, auch auf Außen mit der Flügelzange aus Mannheim, Patrick Groetzki und Uwe Gensheimer.

Recht unwahrscheinlich, dass Martin Schwalb vom HSV Handball, der um seine Lizenz ringt, Nachfolger des unglücklichen Heuberger wird - Hanning und Schwalb verbindet seit Langem eine herzliche Abneigung. Da sich ein weiterer deutscher Trainer nicht anbietet, deutet mehr auf jemanden wie den Isländer Dagur Sigurdsson von den Füchsen Berlin hin, der seine Fähigkeiten in der Heranführung junger Talente bewiesen hat. Auch Alfred Gislason, Erfolgstrainer beim THW Kiel, wäre ein Kandidat.

Ein ausländischer Coach in einer Krisensituation - das war schon mal die perfekte Lösung. 1974, als die DHB-Auswahl bei der WM nur Platz 10 erreichte, wurde der Jugoslawe Vlado Stenzel verpflichtet. Vier Jahre später war das Team Weltmeister.

insgesamt 9 Beiträge
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cmann 15.06.2014
1. Tiefpunkt ist wohl noch untertrieben,
Zitat von sysopDPAAuf Vereinsebene feiern die deutschen Clubs große Erfolge, doch die Nationalmannschaft ist an einem Tiefpunkt angelangt. Zum zweiten Mal nach 1997 hat das Team die Weltmeisterschaft verpasst. Ein Umbruch steht bevor. http://www.spiegel.de/sport/sonst/handballer-verpassen-wm-bremsklotz-fuer-die-reform-a-975264.html
die NM hat in den letzten Jahren auf der ganzen Linie versagt. Woran das wohl liegen könnte;-)????? Offensichtlich sind die Spitzen Klubs der deutschen HBL wenn es um die Unterstützung der NM geht alles andere als kooperativ. Egoismus wohin man sieht! Hinzu kommt noch ein hoher Ausländeranteil in Schlüsselpositionen der HBL Mannschaften. Die Vereine stehen daher international gesehen gut da. Der NM fehlt einfach die Qualität hier auf gleich hohem Niveau zu spielen. Ich bin sehr gespannt wie und mit welchen Spielern der notwendige "Umbruch" erfolgen soll!
hexenbanner64 15.06.2014
2. Logische Folge
Man muss doch nur die Bundesligaklubs anschauen.Da sucht man teilweise vergeblich nach deutschen Spielern.Solange sich da nichts tut wird es mit der Nationamannschaft nicht mehr aufwärts gehen!
Creedo! 15.06.2014
3. hm ...
Zitat von sysopDPAAuf Vereinsebene feiern die deutschen Clubs große Erfolge, doch die Nationalmannschaft ist an einem Tiefpunkt angelangt. Zum zweiten Mal nach 1997 hat das Team die Weltmeisterschaft verpasst. Ein Umbruch steht bevor. http://www.spiegel.de/sport/sonst/handballer-verpassen-wm-bremsklotz-fuer-die-reform-a-975264.html
Wen wundert's? Die Vereinsmannschaften glänzen und die Nationalmannschaft ist mau. In der SG Flensburg und beim THW Kiel spielen weit über 50% Ausländer. Und wie viele deutsche Tophandballer spielen im Ausland? Das sieht dann wohl nach einer gescheiterten Jugendförderung aus. Die Vereine bedienen sich an den Topspielern aus dem Ausland und der deutsche Nachwuchs liegt brach. Wenn die Nationalmannschaft dann nur als Resterampe daherkommt, braucht das keinen zu überraschen.
Wupperflipper 15.06.2014
4. Albert Einstein
sagte einmal: Wahnsinn ist, immer wieder das gleich zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. Traurig wie wenig Heuberger aus den Möglichkeiten gemacht hat die ihm zur Verfügung standen. Man konnte nach 40 Min. vorraussagen wie das Spiel endet. Er hat nichts aus dem Hinspiel gelernt. Wirklich schade, denn die Niederlage war unnötig.
Sennenwirt 15.06.2014
5. Heuberger
Herr Heuberger muss sich Fragen gefallen lassen. Warum durfte Heinevetter bis zum Ende im Spiel bleiben, obwohl er in der zweiten Hälfte kaum noch einen Ball hielt. Warum wurde Johannes Bitter eigentlich wieder für die Nationalelf berufen, wenn Herr Heuberger ihm dann doch keine Chance gibt. Nein, Martin Heuberger ist nicht in der Lage, auf veränderte Spielsituationen zu reagieren, ihm fehlt die Kompetenz. Die Nationalelf benötigt einen neuen Trainer.
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