Handballstar Balic Pässe wie Michael Jordan

Ivano Balic gilt als bester Handballer der Welt, bei der WM in Deutschland führt er die Scorer-Wertung locker an, obwohl er bislang nie durchgespielt hat. Sein großes Vorbild kommt aus einer anderen Sportart - trotzdem hat Balic dessen Stil kopiert.


Natürlich kann sich Zlatko Feric noch an die erste Begegnung mit dem Jungen erinnern, der einmal der beste Handballer der Welt werden sollte - denn er bekam einen Wutanfall. "Ich war zu Hause im Urlaub", erzählt Feric, damals Co-Trainer des Bundesligisten TuS Nettelstedt, "da rief mich ein guter Freund an und sagte: Ich muss Dir unbedingt jemand zeigen. Einen solchen Handballer hast Du noch nie gesehen."

Handballgenie Balic: "Ich weiß nicht, ob ich der Beste bin"
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Handballgenie Balic: "Ich weiß nicht, ob ich der Beste bin"

Dafür wagte man es, ihn im Urlaub zu stören? Feric gab nicht viel auf die Lobeshymne: In seiner Heimat Kroatien werden schließlich jeden Tag im Sport Jahrhunderttalente geboren, zumindest wird das gern behauptet. Aber dann sah er 1995 in einem Ligaspiel in Split diesen 16-Jährigen, der schon damals ein unglaubliches Gefühl für die Situation zeigte, Intuition und Übersicht, der sensationelle Pässe spielte und ein schier unerschöpfliches Repertoire an Wurfvarianten besaß. Feric war fasziniert von diesem Supertalent, er spürte, dass sich hier ein Genie anschickte, die Handballwelt zu erobern.

"Es war damals bei ihm ein bisschen so, Gott bei der Arbeit zuzusehen, nur dass es nicht wie Arbeit aussah", sagt Feric heute und schmunzelt. Und dennoch hätte er diesen Jungen damals "nach zehn Minuten am liebsten rausgeschmissen aus der Halle". Weil er fand, dass dieser Junge namens Ivano Balic die Gegenspieler mit seiner lässigen und überheblich wirkenden Art provozierte.

Aber rausschmeißen ließ sich dieser junge Mann nicht mehr. Der Aufbauspieler entwickelte sich kontinuierlich weiter, er wechselte bald von RK Split zum kroatischen Spitzenklub RK Metkovic, und seit 2003, als er Kroatien zum ersten Weltmeisterschaftstitel führte, indem er im Finale die zuvor zementierte deutsche Abwehr durch geniale Anspiele auf Kreisläufer Vori förmlich durchbohrte, gilt er Fachleuten als bester Handballer der Welt.

Seither ist er viermal in Folge bei internationalen Turnieren zum wertvollsten Spieler gewählt worden, obwohl seine Mannschaft in den EM-Halbfinals 2004 und 2006 ausschied. Er führte Kroatien 2004 zum gefeierten Olympiasieg, schon wieder gegen die Deutschen. Immer noch ist Balic, der heute beim spanischen Spitzenklub Portland San Antonio sein Geld verdient, der beste Individualist der Handballwelt - das hat er auch bei der Weltmeisterschaft in Deutschland unter Beweis gestellt.

Dass seine Mannschaft schon zwei Spieltage vor Schluss der Hauptrunde das Viertelfinale erreichte, dazu ohne Punktverlust, ist vor allem das Werk von Balic: Obwohl der heute 27-Jährige in drei Spielen fast eine Halbzeit lang von Trainer Lino Cervar geschont wurde, führt er die WM-Scorerliste mit 48 Punkten (je 24 Tore und Vorlagen) an. "Ich weiß nicht, ob ich der Beste bin", bleibt er dennoch bescheiden, "ich will einfach nur immer das Beste für die Mannschaft geben". Heute um 16.15 Uhr spielt er mit Kroatien gegen Tschechien, ein Sieg ist Pflicht auf dem Weg zum Titel. Bereits im Viertelfinale könnte er wieder auf seinen Lieblingsgegner Deutschland treffen.

Bis heute hat Balic jene Lässigkeit behalten, die manche Betrachter mit Arroganz verwechselten - so wie einst der Trainer Feric. Sie ist nur zu verstehen, wenn man Balic’ Begeisterung für den amerikanischen Profi-Basketball kennt. "Wir sind die größten NBA-Fans der Welt", sagt Davor Dominikovic, der beste Freund des Genies, der ebenfalls in Pamplona bei Portland San Antonio Handball spielt. Vor allem die Bewegungen des einstigen Weltstars Michael Jordan, berichtet Dominikovic, hätten es Balic in seiner Jugend angetan: die scheinbare Leichtigkeit, mit der Jordan seine Punkte erzielte und dabei Unberührbarkeit und Unverletzlichkeit ausstrahlte.

Wer diese Geschichte kennt, der versteht auch den ungewöhnlichen Spielstil des kroatischen Aufbauspielers. Nicht nur seine atemberaubenden "No-Look-Pässe", die er zum Kreisläufer spielt, sind eine Anleihe aus dem NBA-Basketball - sondern auch sein unbeteiligt und schläfrig wirkender Auftritt auf dem Feld, der so gar nicht passen will zu jener Geistesgegenwart, mit der er Handball spielt. Nicht zuletzt hat er natürlich auch die supercoolen Klamotten und Schuhe, die er für gewöhnlich trägt, bei den NBA-Stars abgeschaut.

Dabei ist er ein "wirklich netter und höflicher Kerl" (Feric) geblieben, der am liebsten seine Ruhe haben möchte. "Er ist sehr scheu, selbst in der kroatischen Presse ist kaum ein Interview mit ihm zu finden", berichtet Feric. In diesem Punkt unterscheidet sich Balic von den extrovertierten Typen aus seinem Team wie etwa Torhüter Vlado Sola. "Ein Genie wie Balic drückt sich nicht mit Worten, sondern mit seinen unglaublichen Aktionen auf dem Handballfeld aus", erklärt der kroatische Nationaltrainer Lino Cervar, dessen exzellentes Verhältnis zu Balic als Basis aller kroatischen Erfolge gilt.

Seine Höflichkeit gegenüber den Gastgebern der Weltmeisterschaft ist wohl auch ein Grund dafür, dass Balic vor ein paar Tagen erklärte, die Handball-Bundesliga sei sehr attraktiv, und er könne sich sehr wohl vorstellen, auch in Deutschland zu spielen. Aber in Wirklichkeit genießt er die Ruhe und Abgeschiedenheit in Pamplona, da der Handball in der spanischen Öffentlichkeit keine überragende Rolle spielt. Als sein alter Bekannter Feric ihn kürzlich nach seinen Wechselabsichten befragte, gab Balic eine andere Antwort. Er möge zwar die Atmosphäre in den deutschen Hallen und die fachkundigen Zuschauer. Aber in der Bundesliga wolle er dennoch nicht spielen, der Takt der Spiele sei schlicht zu hoch und brutal. „Viel zu anstrengend", sagt Balic, der Mann, bei dem jede Bewegung so leicht und unangestrengt aussieht. Pech für die deutschen Handballfans.



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