Hawaii-Sieger Al-Sultan Weltbester Schön-Wetter-Sportler

Er schaffte, was erst zwei Deutschen vor ihm gelang: Der Bayer Faris Al-Sultan gewann den legendären Ironman auf Hawaii. Der Mann vereint seine Heimat mit der arabischen Welt - und entspricht auch sonst nicht dem Bild eines gewöhnlichen Leistungssportlers.

Von Steffen Gerth


Es sind viele Eigenheiten, die Faris Al-Sultan als einen besonderen Triathleten auszeichnen: Er verzichtet auf den Körperkult der Szene, er rasiert sich nicht manisch Beine und Körper, er mag nicht auf sein geliebtes Fast Food verzichten. Und auf einen waschechten Münchner lässt sich bei dem Namen Al-Sultan nicht schließen, spätestens, wenn er im bayerischen Dialekt redet, wird die Verwirrung richtig groß. Sein Vater ist Iraker, er selbst hat einen deutschen Pass und sagt, "dass meine Person für die Integration von Ausländern in Deutschland steht".

Sieger Al-Sultan: "Die letzten Kilometer waren die Hölle"
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Sieger Al-Sultan: "Die letzten Kilometer waren die Hölle"

Dieser Al-Sultan hat nun die Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii gewonnen, als dritter Deutscher in der 27-jährigen Renngeschichte - und als erster Moslem, wie die amerikanischen Medien sofort feststellten. Es war ein atemberaubender Wettkampf durch die Lavawüste auf Big Island, der mit der schnellsten Endzeit seit 1996 endete. Nach 8:14:17 überquerte Al Sultan die Ziellinie auf dem Alii Drive am Hafen des Touristenörtchens Kailua Kona, über fünf Minuten vor Cameron Brown aus Neuseeland (8:19:36).

Als Drittschnellster (49:54 Minuten) schoss er nach dem 3,8 Kilometer langen Schwimmen aus dem Pazifischen Ozean, fuhr auf der 180 Kilometer langen Radstrecke flugs an die Spitze und sicherte sich nebenbei 5000 Dollar Bonus für die schnellste Zwischenzeit. Gerade der Radteil wird in die Hawaii-Historie eingehen, denn so windstill wie am 15. Oktober war es wohl noch nie in der Geschichte dieses Rennens, wo heiße Stürme schon mal Sportler in den Straßengraben gepustet hatten.

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Ironman: Lachen und Leiden

Es ließ sich also gut Kräfte sparen auf der Hatz über den schattenlosen Queen Ka'Ahumanu Highway. Al-Sultan hatte nach 160 Kilometern Torbjörn Sindballe vorbei ziehen lassen, stieg nach 4:25:24 Stunden vom Rad und war schon nach wenigen Kilometern des finalen Marathons über 42,195 Kilometer am Dänen vorbeigezogen. Danach wurde es die One-Man-Show des Deutschen, auf seinem Weg zum Ziel hätten ihn die Gedanken beflügelt, dass daheim Tausende auf ihren Schlaf verzichten, um das Rennen im Internet zu verfolgen.

Im Ziel schwenkt er eine bayerische Fahne, sagt, dass er jetzt alles erst einmal begreifen muss. "Die letzten Kilometer waren die Hölle, ich war zwar weit voraus. Ich dachte aber jeden Moment, dass mir die Beine zugehen und Peter Reid (der spätere Drittplatzierte in 8:20:04, d. Red) mich doch noch wie im Jahr 2004 zuvor einholt. Ich bin überwältig bereits jetzt ganz oben zu stehen und Normann Stadler 2005 beerben zu dürfen. Schade, dass er so ein Pech hatte." Dann verschwindet er schnell zum Abendbrot - in ein Fast-Food-Restaurant.

Dass Al-Sultan das Talent hat für den mit 100.000 Dollar dotierten Titel, hatte sich schon im vorigen Jahr angedeutet. Damals wurde er Dritter, und die Triathlonbranche hatte ihn bereits als den neuen Dave Scott bezeichnet, die amerikanische Dreikampflegende, die sechsmal auf Hawaii gewinnen konnte. Doch der 27 Jahre alte Student der Geschichte des Nahen Orients möchte niemand anderes sein als er selbst.

Zum Trainingslager fährt er deswegen nicht in die szeneüblichen Zentren Mallorca oder Lanzarote - Al-Sultan reist nach Al-Ain in die Vereinigten Arabischen Emirate. Dort radelt er durch die Wüste, rennt durch ausgetrocknete Flusstäler und ernährt sich wochenlang von Spaghetti mit Tunfischsauce. Er mag die arabische Welt - und das bayerische Leben: Einer seiner Hauptsponsoren ist eine Bierbrauerei.

Al-Sultan auf dem Rad: Windstille in der Lavawüste
DPA

Al-Sultan auf dem Rad: Windstille in der Lavawüste

Al-Sultan ist ein Segen für den deutschen Triathlon, weil er als Antistar der neue Star der Szene werden wird. Normann Stadler, der allzu glatte Vorjahressieger von Hawaii, musste in diesem Jahr wegen Raddefekten unter Tränen aufgeben, und diese x-te Panne wird man branchenintern wieder etwas belächeln. Die drei anderen großen Deutschen Thomas Hellriegel (Sieger 1997), Lothar Leder und Jürgen Zäck sind in die Jahre gekommen - Al-Sultan hat sie abgelöst. Hinter Al-Sultan verblasst sogar der überraschende zehnte Platz des Hawaii-Neulings Stephan Vuckovic (8:29:35), der bei den Olympischen Spielen von Sydney 2000 Silber im Kurzstreckentriathlon holte.

Es wird jedoch schwierig sein, den 27-Jährigen als neuen Sporthelden aufzubauen, der Münchner verzichtet auf einen Manager, hat schon angekündigt, dass er Medienquatsch wie die Wok-WM bei Stefan Raab niemals mitmachen würde - aber er ist einer der leidenschaftlichsten Anti-Dopingkämpfer im Triathlon.

Vielleicht ist Al-Sultan so etwas wie der geistige Sohn der Gründerväter des Triathlonsports, der zu Anfangszeiten ein schräges Abenteuerspektakel für Außenseiter war. Auch heute sieht sich der Münchner im großen Sportkosmos eher als kleines Licht, für den Hawaii einfach die größte Prüfung im Ausdauerdreikampf ist. Harte Bedingungen? Wer Champion werden wolle, müsse da durch. Glücklich sagt er: Am Pazifik scheint ja immer die Sonne, "und in meinem Herzen bin ich ein Schön-Wetter-Sportler".



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