Haye-Triumph gegen Walujew Hetzjagd auf den Hünen

Er ist 45 Kilo leichter, 20 Zentimeter kleiner und ungleich schneller. David Haye spielte mit Nikolai Walujew Katz und Maus - und zwang den Box-Giganten in die Knie. Der neue laute Weltmeister wirkt wie ein Gegenentwurf zu den braven Klitschko-Brüdern, mit denen er sich jetzt bald messen will.

Neuer WBA-Weltmeister Haye: Hase und Igel im Ring
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Neuer WBA-Weltmeister Haye: Hase und Igel im Ring

Aus Nürnberg berichtet Susanne Rohlfing


Nun ist also tatsächlich ein David gekommen, um Goliath in die Knie zu zwingen. David Haye allerdings nimmt es mit Legenden und Märchen wohl nicht so genau. Denn die Taktik des Briten im Duell mit Nikolai Walujew, dem größten und schwersten Weltmeister der Boxgeschichte, scheint in dieser Nacht eher aus "Der Hase und der Igel" entlehnt. Wo Walujew auch hinkommt, Haye ist schon wieder weg.

Der 29-Jährige macht in der Arena Nürnberg aus zwölf Runden Boxkampf eine gnadenlose Hetzjagd. Es wird mehr gerannt als geschlagen.

Das mag langweilig für die Zuschauer sein, ist aber taktisch brillant. So viel Chuzpe wird von den Punktrichtern belohnt. Sie werten 114:114/112:116/112:116 für Haye und nehmen dem 2,13-Meter-Hünen Walujew seinen Schwergewichtsgürtel des Weltverbandes WBA ab. Damit ist passiert, was viele sich gewünscht haben: frischer Wind in der Schwergewichts-Szene. Haye ist unverbraucht, ein polarisierender Kämpfer, ein Großmaul nach dem Vorbild eines Muhammad Ali.

David Haye ist der perfekte Gegenentwurf zu den ukrainischen Klitschko-Brüdern, den Haltern der übrigen drei großen Titel in der Königsklasse des Boxens. Wo die Klitschkos sich als Gentlemen der Szene geben, geht Haye in der Rolle des Proleten auf. Er mag das große Getöse, verteilt rund um seine Kämpfe verbale Tiefschläge in Serie, platzt fast vor zur Schau gestelltem Selbstbewusstsein.

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Walujew vs Haye: Leichtfüßigkeit schlägt Größenvorteil
In der Nacht zum Sonntag, als Haye nach einer gelungenen Demonstration seiner Schnelligkeit und Ausdauer jedes Getränk in sich hineinschüttet, das er finden kann - Apfelsaft, Orangensaft, Wasser, ganz egal -, wird das Großmaul immerhin für einen Moment sentimental. Er erinnert an den einfachen Jungen aus dem Londoner Stadtteil Bermondsey, der davon geträumt habe, Schwergewichtsweltmeister zu werden. Der dafür belächelt wurde, weil er keiner der großen Jungs gewesen sei.

"Und jetzt bin ich Schwergewichtsweltmeister", sagt Haye, "das klingt verrückt". Bevor jedoch Tränen der Rührseligkeit aufkommen können, zeigt der Brite wieder seine krawallige Seite: "Was machst du, wenn du dir den Traum deines Lebens erfüllt hast? Feiern natürlich, schlafen werde ich heute Nacht nicht."

"So hart wie eine Backsteinwand"

Ganz ohne Blessuren ist der Kampf gegen Goliath für David allerdings nicht ausgegangen. Hayes rechte Hand ist verformt, wohl ein Bruch, schon in einer der ersten Runden zerschellt am harten Kopf von Nikolai Walujew. "Sein Kopf war so hart, es war, als schlüge ich gegen eine Backsteinwand", sagt Haye.

Aber auch Walujew ist am Ende nicht glücklich mit dem, was er da gerade hat durchmachen müssen. "Das war wie ein Leichtathletik-Wettkampf, wie ein Marathon, ich war nicht bereit, so viel zu laufen." Also ist Walujew nicht gelaufen. Stattdessen hat er sich fortwährend im Kreis gedreht, während Haye um ihn herum rannte. Wenn Walujews Fäuste sich auf den Weg in Richtung Haye machten, sah es aus, als würden sie von einer mächtigen Kraft in Zeitlupentempo versetzt.

Der Herausforderer hatte alle Zeit der Welt, sich zu ducken, wegzupendeln oder einfach weiterzulaufen. Wenn er selbst zum Angriff überging, traf er präzise und hart - zog sich aber auch ebenso schnell wieder zurück. Den Respekt, den er seinem Gegner während der verbalen Schlammschlacht vor dem Kampf verwehrte, brachte er dem 20 Zentimeter größeren und 45 Kilo schwereren Mann Auge in Auge im Ring stehend dann doch entgegen.

Erst in der letzten Runde, als das Gerücht durch die Halle ging, es stehe Unentschieden, gab Haye noch einmal Gas. Da zeigte er, dass mehr als eine taktische Demontage Walujews möglich gewesen wäre, er brachte den Koloss mit einer hart geschlagenen Serie ins Wanken. Doch dann war es vorbei und Walujew hatte zwar seinen Titel verloren, nicht aber den Ruf, K.o.-resistent zu sein.

Gezielte Provokationen gegen die Klitschkos

Ein unüberlegter Draufgänger ist Haye jedoch bei allem Getöse nicht. Was er tut, ist perfekt geplant, außerhalb des Rings genauso wie innerhalb. Er hat seine drei Titel im Cruisergewicht niedergelegt und mit ihnen die Option auf einfach verdientes Geld. Er wollte bei den großen Jungs mitmischen.

Im Schwergewicht der Neuzeit wirkt David Haye wie eine Erscheinung aus der Vergangenheit. Die Klasse wird heute von XXL-Kämpfern à la Klitschko oder Walujew dominiert. Kleinere, schnelle Muskelpakete wie Ali, Mike Tyson oder Evander Holyfield scheinen Relikte aus einer anderen Zeit.

Doch nun kommt Haye. Obwohl er nach seinem Wechsel der Gewichtsklassen erst einen einzigen Schwergewichtskampf angetreten hat, hat er sich schon in diesem Jahr in den Fokus der Öffentlichkeit geredet, die Klitschkos beleidigt, ein T-Shirt mit einer Fotomontage gezeigt, auf der er ihre abgetrennten Köpfe wie Trophäen hochhält.

Ein mit Wladimir Klitschko geplantes Duell im Juni auf Schalke hat er wegen einer Rückenverletzung platzen lassen, anschließende Verhandlungen mit Vitali Klitschko brach er wegen angeblich unzumutbarer Vertragsbedingungen ab. Ohne zu kämpfen ist Haye so zu einer Größe im Schwergewicht avanciert. Kräfteschonender geht es nicht.

Nun wird Walujew-Promoter Wilfried Sauerland an drei Kämpfen des Briten mitverdienen - aber das war es Haye wohl wert, zunächst gegen den vermeintlich am einfachsten zu schlagenden Weltmeister antreten zu können. Als nächstes wird er gegen John Ruiz aus den USA kämpfen müssen, den aktuellen Pflichtherausforderer der WBA. Dann steht einem Duell mit einem der Klitschkos nichts mehr im Weg.

Außer vielleicht der Umstand, dass beide Parteien nicht nur im Ring mit harten Bandagen kämpfen.



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saul7 08.11.2009
1. Ein
Zitat von sysopEr ist 45 Kilo leichter, 20 Zentimeter kleiner und ungleich schneller. David Haye spielte mit Nikolai Walujew Katz und Maus - und zwang den Box-Giganten in die Knie. Der neue laute Weltmeister wirkt wie ein Gegenentwurf zu den braven Klitschko-Brüdern, mit denen er sich jetzt bald messen will. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,660024,00.html
eher hölzern wirkender Valuev, der hilflos durch den Ring stakste und verzweifelt versuchte, seinem Kontrahenten entscheidende Treffer beizubringen, offenbart das ganze Drama um einen Boxer, der technisch mit dieser Aufgabe absolut überfordert war. Die Attraktivität des Russen im Boxring liegt einzig und allein in seinen überdimensionalen Körpermaßen, die ihn zu einer Art "menschlichem Monster" machen. Das Ganze hat Jahrmarktsbuden-Charakter. Boxerisch hat Valuev noch in keinem Kampf wirklich überzeugen können. Er sollte das Boxen unter diesen Bedingungen aufgeben.
Robert Hut, 08.11.2009
2. Im Ernst
Walujev zu schlagen ist kein Deal, das kann jeder, der die nötigen Muskeln und etwas Hirn besitzt. An den Klitschkos wird sich Hayes dann die Zähne ausbeissen: die können nämlich boxen!
Tobur 08.11.2009
3. Valuev hat nicht ganz unrecht...
Haye wurde in erser Linie durch weglaufen Weltmeister. Dies als "taktisches Boxen" zu bezeichnen ist schon grenzwertig, von "brilliant" zu sprechen einfach albern. Das klingt dann in etwa so objektiv wie der ARD Kommentar Gestern Abend. Allen war klar, dass Haye schneller und beweglicher ist. Aber wohl niemand hat gedacht, dass gegen den Weltmeister Valuev 2-3 Aktionen pro Runde (und nicht mal jede von denen traf wirklich) reichen würde, wenn man die Valuev Punkturteile der Vergangenheit in Erinnerung ruft. Obwohl, durch den Kommentar - der im Boxen in Deutschland schon sehr gut auf die kommenden Punkturteile einstimmt - wurde man schon darauf vorbereitet, dass Valuev heute kein Punkturteil bekommt. Haye hat den Kampf nicht dominiert, er ist einem Kampf ausgewichen, aber das reichte 2 von 3 Punktrichtern. Das Tragische: Der Kampf war grausam und wird womöglich nichts bringen. Haye hat - bis auf eine Phase in der 12. Runde - nicht gezeigt, ob er gegen die Klitschkos bestehen könnte. 12 Runden vor einem Kitschko weglaufen wird er wohl nicht schaffen. Mit derart offener Deckung schon gar nicht. Ich denke, das weiß auch Haye. Und daher wird er ganz froh sein, dass er sich erst mal einem Ruiz widmen kann. Und wenn er Glück hat, dann hören die Klitschkos auf, bevor er gegen sie in den Ring steigen will.
Meerkönig 08.11.2009
4. "Unentschieden-Punktrichter" hatte nicht Unrecht !
Zitat von sysopEr ist 45 Kilo leichter, 20 Zentimeter kleiner und ungleich schneller. David Haye spielte mit Nikolai Walujew Katz und Maus - und zwang den Box-Giganten in die Knie. Der neue laute Weltmeister wirkt wie ein Gegenentwurf zu den braven Klitschko-Brüdern, mit denen er sich jetzt bald messen will. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,660024,00.html
Ich glaube der Spanische Punktrichter hatte unentschieden gewertet. Das war nicht ganz verkehrt. Es gab nur einen Angreifer, das war Walujew. Hätte er nicht angegriffen, denn wäre 12 Runden lang wirklich nichts passiert. Hätte Haye angegriffen, wie es sich für einen Herausforderer gehört, hätte Walujew besser ausgesehen. Ohne Berücksichtigung dieser Umstände, geht das Urteil in Ordnung. Ich glaube dass Haye gegen Vitali nicht gewinnen kann.
achim68 08.11.2009
5. .
Zitat von sysopEr ist 45 Kilo leichter, 20 Zentimeter kleiner und ungleich schneller. David Haye spielte mit Nikolai Walujew Katz und Maus - und zwang den Box-Giganten in die Knie. Der neue laute Weltmeister wirkt wie ein Gegenentwurf zu den braven Klitschko-Brüdern, mit denen er sich jetzt bald messen will. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,660024,00.html
Besonders sympathisch ist er sicher nicht der Haye, aber Boxen ist auch kein Sympathiewettbewerb. Das Walujev irgendwann ausgekontert und "totgelaufen" wird war zu erwarten. Auch dass dies eher einem aus dem Cruisergewicht stammenden Boxer gelingt als einem reinrassigen Schwergewichtler. Was jenseits der dicken Lippe noch in ihm steckt kann er jetzt beweisen. Ihn zu unterschätzen... so dumm ist keiner der beiden Klitschkos. Und da wird laufen ihm dann nicht mehr wirklich helfen...
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