Heike Drechsler "Der Muff muss raus"

In einem SPIEGEL-Interview äußert sich Olympiasiegerin Heike Drechsler über die Zweiklassengesellschaft ihres Sports, den Dopingfall Mensah, die Freizügigkeit der neuen Athleten-Generation und die Aufarbeitung ihrer DDR-Geschichte. Teil 1.


Heike Drechsler: "In den kleinen Stadien liegt die Zukunft"
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Heike Drechsler: "In den kleinen Stadien liegt die Zukunft"

SPIEGEL:

Frau Drechsler, nicht mal ein Jahr nach Ihrem Olympiasieg steht in Edmonton der nächste Höhepunkt an: die Weltmeisterschaft. Wie können Sie sich noch motivieren?

Drechsler: Für mich ist diese Veranstaltung nicht so wichtig.

SPIEGEL: Im vorigen Jahr wurden Sie zur "Leichtathletin des Jahrhunderts" gekürt. Sind Sie satt nach all den Ehrungen?

Drechsler: Ein Ereignis jagt das andere. Wir haben die Golden League. Wir haben den Grand Prix. Und jetzt gibt es die WM alle zwei Jahre und nicht wie früher alle vier. Das ist Reizüberflutung.

SPIEGEL: Das Interesse an der Leichtathletik hat sich dramatisch verringert. In Kanada will der Weltverband IAAF deshalb weit reichende Regeländerungen beschließen, um die olympische Kernsportart fernsehgerechter zu präsentieren.

Drechsler: Was soll das? Wenn wir permanent Zugeständnisse an die TV-Sender machen, geht unsere Sportart kaputt. Das Fernsehen hat bereits für eine Zweiklassengesellschaft gesorgt. Während die quotenträchtigen Sprinter verdoppelte Gagen kassieren, wollten die Veranstalter beim Istaf in Berlin den Weitsprung der Frauen aus dem Programm kippen. Das ist Wahnsinn.

SPIEGEL: Eines der Ziele ist, Weitspringern nur noch vier statt bisher sechs Versuche zu lassen.

Drechsler: Im Europacup und beim Grand Prix sind wir schon auf vier Versuche beschränkt. Dagegen wehren wir uns in einer Unterschriftenaktion. Ich hoffe, dass die IAAF unsere Haltung ernst nimmt.

SPIEGEL: Und wenn nicht?

Drechsler: Dann müssen wir Konsequenzen ziehen.

SPIEGEL: Welche?

Drechsler: Wir Athleten können uns ganz gut bemerkbar machen. Plakataktionen in den Stadien gab es schon.

SPIEGEL: Droht ein Ausstand der Athleten?

Drechsler: Wenn man uns nicht anhört, müssen wir über Streiks reden.

SPIEGEL: Mit Renitenz werden Sie die Leichtathletik in Deutschland aber nicht aus ihrer Krise befördern. Zu den Deutschen Meisterschaften in Stuttgart kamen am Samstag gerade mal 17 000 Zuschauer, selbst dem Istaf in Berlin, dem größten Stadionsportfest im Land, fehlen Sponsoren.

Drechsler: Wir haben den Anschluss an die moderne Zeit verpasst. Der Muff muss raus. Die Veranstaltungen brauchen Show-Elemente. Beim Meeting in Brüssel gab es nach den Wettkämpfen ein Rockkonzert. So lockt man Zuschauer an.

SPIEGEL: Was werden alteingesessene Funktionäre dazu sagen?

Drechsler: Von denen sind einige in der Epoche stehen geblieben, als sie selber noch aktiv waren. Seit 30 Jahren weigern sich diese Leute, weiterzudenken. Man kann Sportfeste nicht mehr an riesige Stadien wie in Stuttgart oder München vergeben. Vergangenes Jahr waren die Deutschen Meisterschaften in Braunschweig. Dort passen 20 000 Zuschauer in die Arena. Die Ränge waren voll, obwohl Michael Schumacher im Fernsehen übertragen wurde. In kleinen Stadien liegt unsere Zukunft.

SPIEGEL: Dass sich das Publikum abwendet, hängt auch mit der endlosen Serie von Dopingfällen zusammen. Vorige Woche flog die Berliner Hochspringerin Amewu Mensah auf.

Drechsler: Solche Vorfälle sind, auf gut Deutsch gesagt, natürlich große Scheiße. Aber man sollte jetzt nicht wieder die gesamte Leichtathletik in den Schmutz ziehen. Wir sind Individualisten, und unter Individualisten gibt es immer wieder solche Problemfälle.

Drechsler während der letzten WM im August 1999 in Sevilla
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Drechsler während der letzten WM im August 1999 in Sevilla

SPIEGEL: Der Fall Mensah erhält zusätzliche Brisanz, weil die Athletin mit ihrem damaligen Freund, dem Olympiasieger Nils Schumann, für die Kampagne "Keine Macht den Drogen" posierte.

Drechsler: Es ist ein Problem, dass sich viele Sportler nur über Erfolge definieren. Im Extremfall führt diese Haltung offenkundig dazu, selbst derartige Widersprüche für sich zu akzeptieren. Das ist traurig.

SPIEGEL: Frau Mensah nahm offenbar das anabole Steroid Oxandrolon kurz vor einem Wettkampf. Sie musste wissen, dass sie bei einer Kontrolle erwischt würde.

Drechsler: Es ist müßig, darüber zu spekulieren. Wenn sie unschuldig ist, dann muss sie jetzt recherchieren und versuchen, die Sache aufzuklären. Das wird sehr schwer.

SPIEGEL: Wie soll die Leichtathletik jemals wieder glaubwürdig werden?

Drechsler: Wir dürfen uns von solchen Themen nicht den Sport kaputtmachen lassen. Wenn die Verbände nicht mehr unternehmen, dann ist der Staat gefordert. Wir brauchen abschreckende Strafen.

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews weiter, was Heike Drechsler zur künftigen Drogenbekämpfung in der Leichtathletik vorschlägt



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