Heike Drechsler "Der Muff muss raus", Teil 2

In einem SPIEGEL-Interview äußert sich Olympiasiegerin Heike Drechsler über die Zweiklassengesellschaft ihres Sports, den Dopingfall Mensah, die Freizügigkeit der neuen Athleten-Generation und die Aufarbeitung ihrer DDR-Geschichte. Teil 2.


Heike Drechsler: "Warum gibt es kein Sportschulsystem?"
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Heike Drechsler: "Warum gibt es kein Sportschulsystem?"

SPIEGEL:

Können Sie sich vorstellen, dass unter dem neuen IOC-Präsidenten Jacques Rogge das Thema Dopingbekämpfung ernsthafter betrieben wird als unter Juan Antonio Samaranch?

Drechsler: Rogge hat ja schon angekündigt, dass er den Nachweis gentechnisch produzierter Dopingsubstanzen vorantreiben will. Ich hoffe, er macht nicht nur Sprüche. Es gibt eine Menge aufzuholen. Vor allem in Amerika. Dort gibt es kein Doping, weil sie dort keine ernst zu nehmenden Kontrollen machen. Das ist absurd.

SPIEGEL: Was schlagen Sie vor?

Drechsler: Man muss eine harte Linie fahren: Wer nicht nachweisen kann, dass er mindestens einmal pro Monat getestet wurde, darf nicht starten.

SPIEGEL: Der Deutsche Meister über 100 Meter, Tim Goebel, glaubt, er könne wegen der Doper niemals bis in die Weltspitze vordringen. Folgt der Generation der Pillenschlucker nun die Generation der Verzagten?

Drechsler: Es gibt Talente, die auch ohne Doping auskommen. Ich verschließe ja nicht die Augen: Natürlich sehen manche Sprinter sehr kräftig aus. Aber schon vorher zu spekulieren, der Gegner könne gedopt sein, ist die falsche Einstellung.

SPIEGEL: Goebels Konsequenz ist, dass er sich nicht nur auf den Sport verlässt, sondern nebenher studiert.

Drechsler: Das ist ein Riesenproblem. Athleten wie Tim fehlt die finanzielle Absicherung. Ich frage mich, ob man in Deutschland überhaupt noch Leistungssport will. Unter den heutigen Umständen wäre mein Talent auch in die Binsen ge-

gangen.

SPIEGEL: Wie ließe sich der Nachwuchs wieder auf Weltniveau bringen?

Drechsler: Alle Begabungen werden gefördert. Für Musiker gibt es Konservatorien, für Maler Akademien. Warum gibt es kein Sportschulsystem? Wenn wir wieder an die Spitze wollen, müssen wir bereit sein, Geld dafür auszugeben.

SPIEGEL: Sie vermissen das politische Bekenntnis zum Leistungssport?

Drechsler: Wir Athleten haben ja noch nicht mal einen politischen Vertreter. Ich bewundere die Arbeit der französischen Sportministerin Marie-George Buffet. Eine

solche Instanz brauchen wir auch. Bei uns kommen die Politiker nur aus ihren Kellern heraus, um einem auf die Schultern zu klopfen, wenn man Erfolg hatte.

SPIEGEL: Mittlerweile beschreiten junge Athleten eigene Wege, um aus der Bedeutungslosigkeit herauszutreten. Die Sprinterin Sina Schielke geht tätowiert und gepierct an den Start, Ihre Kollegin Susen Tiedtke hat sich jüngst für den "Playboy" ausgezogen.

Drechsler: Susen verkauft sich eben, so gut es geht. So denkt die neue Generation. Aber: Schön sein allein reicht nicht.

SPIEGEL: Sie hingegen galten noch lange nach der Wende als Inbegriff des spröden DDR-Mädels ...

Drechsler: ... was erwarten Sie von jemandem, der immer mit biederen Frotteehosen ausstaffiert wurde? Nur einmal habe ich mich was getraut: Bei einem Trainingslager in St. Moritz gab ich mein Tagesgeld für einen Friseurbesuch aus. Ich wollte einfach mal West-Shampoo auf dem Kopf haben.

SPIEGEL: Spätestens seit Ihrem Olympiasieg in Sydney werden Sie als "Grande Dame" der deutschen Leichtathletik verehrt. Woher rührt der Charakterwandel?

Drechsler: Ich bin viel lockerer geworden. Nach der Wiedervereinigung war ich zunächst mit meiner Vergangenheit konfrontiert: Man warf mir meine Zeit in der Volkskammer vor und bezichtigte mich des Dopings. Damit war ich überfordert. Abstand hatte ich erst, nachdem ich meinen heutigen Lebensgefährten Alain Blondel traf, einen französischen Zehnkämpfer. Mit ihm bin ich nach Baden gezogen. Ich musste den Osten hinter mir lassen.

SPIEGEL: Vor der Frankfurter Buchmesse sollen Ihre Erinnerungen erscheinen. Was hat Sie dazu bewogen?

"Ich bin lockerer geworden"
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"Ich bin lockerer geworden"

Drechsler: Die Schauspielerin Esther Zschieschow, eine Freundin aus Jugendtagen, hat mich darauf gebracht. Sie hilft mir auch beim Aufschreiben. Als Kinder gingen wir auf dieselbe Sportschule. Sie ist in den Westen geflüchtet, der Kontakt riss nie ab, und Jahre später haben wir uns wieder getroffen. Schon zu DDR-Zeiten hat Esther immer widersprochen. Ich als Sportlerin wurde unter eine Käseglocke gesetzt.

SPIEGEL: Kannten Sie keine Zweifel?

Drechsler: Es hat mich damals stolz gemacht, im Zentralrat der FDJ zu sitzen. Wie wir als Sportler instrumentalisiert worden sind, hatte ich noch nicht begriffen. Die DDR war für mich das politische System, von dem ich überzeugt war.

Das Interview führten: Gerhard Pfeil, Michael Wulzinger



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