Hobby-Läufer und Bahn-Chef Grube "Bei 76 Kilogramm gehen die Alarmglocken los"

Rüdiger Grube trägt keine Pulsuhr, befolgt keinen Trainingsplan, aber rennt fast jeden Tag zehn Kilometer. Im Interview mit Achim Achilles verrät der Bahn-Chef, wie sich das Laufen positiv auf seine Arbeit auswirkt, hübsche Mädchen ihn aufs Gymnasium lockten und er einst Helmut Schmidt traf.

MARCO-URBAN.DE

Achim Achilles: Herr Grube, was entgegnen Sie dem aufgebrachten Steuerzahler, der sagt: "Die Bahn hat jede Menge Probleme, aber der Chef denkt vor allem an seine persönliche Fitness?"

Grube: Erstens halte ich mich damit gesund. Zweitens bin ich viel undisziplinierter, wenn ich nicht laufe. Wenn ich nach dem Laufen nach Hause komme, esse ich nicht dicke Frikadellen, sondern einen Apfel. Das ist mein Frühstück, und ein Kaffee. Und drittens sorgt Laufen für bessere Entscheidungen. Denn gute Entscheidungen brauchen Ruhe und Distanz.

Achilles: Was läuft unterwegs konkret in Ihrem Kopf ab?

Grube: Zuerst die Vergangenheit: Was ist gestern gewesen? Wem hattest du noch was versprochen? Dann kommen aktuelle Sachen, Strategisches, Erklärungen, Konferenzen. Und natürlich große Themen wie letztes Jahr die Arriva-Übernahme. Ein Unternehmen mit 47.000 Mitarbeitern. Da denk ich mir: Mensch, macht das Sinn? Was bedeutet das für unsere Leute? Passt das zu uns, zu unseren Zielen?

Achilles : Ist das von der Qualität her ein anderes Nachdenken als im Büro?

Grube: Ja, weil ich beim Laufen nicht abgelenkt bin. Ich bleibe viel länger bei einem Gedanken, ich komme tiefer. Im Büro bitte ich zwar um Ruhe, aber wenn der Herr Verkehrsminister Peter Ramsauer anruft, dann wird natürlich durchgestellt.

Achilles : Ruft er oft an, der Ramsauer?

Grube: Wir reden recht häufig.

Achilles : Eher laut oder eher gediegen?

Grube: Kollegial. Im ersten Aufwallen bin ich geneigt, sofort einen Kommentar zu allem und jedem abzugeben. Wer läuft, der lernt schweigen. Einfach mal zuhören, ein wenig nachdenken, und nicht immer sofort losquatschen. Wenn ich gelaufen bin, bin ich gelassener. Diese viele Energie, die ich nun mal habe, aber gar nicht immer brauche, die ist weg. Laufen kühlt mich runter auf ein entspannteres Energieniveau.

Achilles : Ihre Mitarbeiter merken, wenn Sie nicht gelaufen sind?

Grube: Das kann gut sein. Deswegen ist es schön, dass bei unseren Vorstandsklausuren manche Kollegen auch einmal mit rennen. Wenn ich meine gute Laune auf mein Team übertrage, dann hat das eine Effizienz, die können wir gar nicht bezahlen.

Achilles : Können Wettbewerbsmenschen wie Sie einfach so laufen, ohne Ziel, ohne Zeitnahme, ohne Pulskontrolle, ohne Bestzeitjagd?

Grube: Ich bin ein meditativer Typ, ein überzeugter Alleine-Läufer. Zweimal im Jahr laufe ich mit Mitarbeitern, auch mal Marathon, aber diese Jagd nach Sekunden ist mir fremd. Wenn ich aber an der Spree einen Läufer vor mir sehe, dann ziehe ich natürlich an. Den will ich überholen, klar.

Achilles : Ein alter Läuferspruch lautet: Wenn beim Aufstehen nichts wehtut, ist man tot. Wo schmerzt es bei Ihnen? Meniskus? Hüfte? Achilles-Sehne?

Grube: Nichts. Gar nichts. Ich gehe alle Vierteljahr zum Osteopathen, aber nur, weil meine Frau sagt, das sei gut.

Achilles : Das sind doch die, die an den Füßen herumdrücken, und dann tut's an den Rippen weh. Glauben Sie an so etwas?

Grube: Ich fühle mich einfach besser danach, dann kann der Besuch beim Osteopathen nicht falsch gewesen sein.

Achilles : Läufer sind oft zahlengetriebene Menschen, die jeden Meter protokollieren. Sie sind auch ein Zahlenmensch. Warum beim Laufen gerade nicht?

Grube: Vielleicht gerade, weil ich im Job so viele Zahlen habe. Diese eine Stunde will ich einfach mal keine Zahlen. Es ist mir schlicht egal, zumal ich immer in anderer Verfassung bin. Ich brauche für die gleiche Strecke mal fünf Minuten mehr, mal fünf weniger. Und manchmal gehe ich drei Minuten, wenn eine Aussicht schön ist oder die Strecke zu steil wird. Da habe ich keinen falschen Ehrgeiz. Ich will ja meine Gesundheit nicht ruinieren.

Achilles : Kennen Sie Ihr aktuelles Gewicht?

Grube: Klar. 71 Kilogramm. Bei 76 Kilogramm gehen die Alarmglocken los. Da muss ich dann ein paar Mal mehr meine 20 Kilometer laufen, dann verliere ich wieder Gewicht.

Achilles : Sie sind ja schlimmer als Heidi Klum.

Grube: Junger Mann, im Alter werden Sie merken, dass jede kleine Sünde sofort anschlägt. Der Körper braucht einfach weniger. Fassen Sie mal an hier (er kneift sich in die Hüfte). Sie werden erschrocken sein, wie viel sich da noch versteckt. Ich verkneife mir vieles nach 17 Uhr.

Achilles : Das klingt nach einsamen Abenden. Sie sind gerade 60 geworden. Sollten Sie nicht langsam das Leben genießen und auf Golf umsteigen?

Grube: Im Gegenteil. Das Laufen gibt mir Kraft. Das ist Genuss pur. Wenn ich vor meinem Arbeitstag bereits was geleistet habe, fühle ich mich wohler, dann esse ich sogar Grünzeug mit etwas mehr Freude, weil ich ein positives Körperbewusstsein habe. Sobald ich merke, das etwas nicht stimmt, reduziere ich die Lauferei umgehend. Meine Frau kommt aus der Medizin und sagt: Eine Stunde Schlaf ist wichtiger als zwei Stunden Laufen.

Achilles : Und Sie gehorchen?

Grube: Klar, so wie jeder Ehemann. Zumindest vorübergehend. Wenn ich freitags abends spät nach Hause komme, dann lechze ich geradezu danach, Samstag früh an der frischen Luft meinen Lauf zu machen, allein zu sein, mich zu sortieren, den Zeitplan für den Tag zu studieren, weil man bei diesem Job selbst die Zeit, die man zuhause ist, einteilen muss.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
janne2109 02.09.2011
1. Glocke
welche Glocke soll jetzt bei uns "gongeln" ??
Umbriel 02.09.2011
2. Sehr gut
Zitat von sysopRüdiger Grube trägt keine Pulsuhr, befolgt keinen Trainingsplan, aber rennt fast jeden Tag*zehn Kilometer. Im Interview mit Achim Achilles verrät der Bahn-Chef, wie sich das*Laufen positiv auf*seine Arbeit auswirkt,*hübsche Mädchen ihn*aufs Gymnasium lockten und er*einst Helmut Schmidt traf. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,783576,00.html
Das ist mir sehr sympathisch und da ist er mir ein Vorbild, denn ich laufe auch ohne Pulsuhr fast jeden Tag über 10 km und will mir das bis zum Sarg erhalten. Bravo!
roterschwadron 02.09.2011
3. Wer anderen den Grube macht...
Zitat von sysopRüdiger Grube trägt keine Pulsuhr, befolgt keinen Trainingsplan, aber rennt fast jeden Tag*zehn Kilometer. Im Interview mit Achim Achilles verrät der Bahn-Chef, wie sich das*Laufen positiv auf*seine Arbeit auswirkt,*hübsche Mädchen ihn*aufs Gymnasium lockten und er*einst Helmut Schmidt traf. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,783576,00.html
Manager, unter denen das Personal abspecken lernt, liegen ganz im Puls der Zeit. Und wenn die Firma wie ein Hamsterrad rundläuft, bekommt der Ausdruck "Tretmiene" gleich eine ganz neue Bedeutung.
ulrich_frank 02.09.2011
4. Das ist eigentlich nur auf penetrante Weise ein weiteres Kuschel-Interview
Im Sommer müssen offensichtlich Löcher gefüllt werden. Da ist offensichtlich auch der SPIEGEL dabei. Herr Grube darf sich unkritisiert ausbreiten. Im übrigen gilt in puncto Lügen, welches Herr Grube hier ja so vehement kritisiert: Stuttgart 21 ist absolut kein, wie er anderweitig (in seiner CDU-typischen Litanei: wirtschaftlich, verkehrstechnisch etc.)behauptet ökologisches Projekt. Da lügt Herr Grube, und kennt keine Hemmungen. Auch bei der Finanzierbarkeit betreibt Herr Grube nur Kasperletheater: kein Mensch glaubt mehr an 4,5 Milliarden EUR als Obergrenze. Das ganze Interview ist nicht mehr als leichtes Sommertheater.
tilleule 02.09.2011
5. Nennt man wohl Imagepflege!
Mag er doch laufen, wo und wieviel er will, er soll gesund bleiben und 100 Jahre alt werden. Nur soll er die Bürger mit seinen Plänen in Ruhe lassen und nicht in Zusammenarbeit mit Ramsauer den Menschen einen kontinuierlichen Verdruß bereiten.
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