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Rekord-Hochspringer Thränhardt zu Doping "Ich hatte eindeutige Hinweise"

Carlo Thränhardt war während der achtziger Jahre einer der erfolgreichsten deutschen Hochspringer. Er stellte etliche Rekorde auf, doch die Funktionäre wollten von ihm nur Medaillen sehen - und erst recht nichts über Doping hören.

SPIEGEL ONLINE: Herr Thränhardt, als damaliger Aktiver sind Sie ein Kenner der Leichtathletik-Szene der Bundesrepublik der siebziger, achtziger und neunziger Jahre. Überrascht Sie der Abschlussbericht der Doping-Studie der Humboldt-Universität?

Thränhardt: Wen soll der schon überraschen? Es war ein offenes Geheimnis, dass zu der Zeit in der DDR und in Russland systematisch gedopt wurde. Dass auch die westdeutschen Athleten zu verbotenen Mitteln griffen, lag nahe, die Gerüchte gab es über Jahrzehnte.

SPIEGEL ONLINE: 1990 berichteten Sie von einer privaten Umfrage innerhalb des Nationalkaders der Leichtathleten, die ergeben habe, dass "über die Hälfte der Sportler gedopt" sei. Wie kamen Sie zu der Zahl?

Thränhardt: Man beobachtet ja die Leistungsentwicklung der Sportler um sich herum. Ich habe trainiert wie ein Vieh, sechs, sieben Stunden am Tag - und anderen reichten angeblich drei Stunden, um an der Weltspitze zu sein. Da wird man misstrauisch und hört sich eben um.

SPIEGEL ONLINE: Und was erfuhren Sie?

Thränhardt: Es wurde damals ja nur gemunkelt, keiner sagte öffentlich: Ich habe Anabolika genommen. Ich habe auch nicht gesehen, wie ein Sportler Pillen einwarf. Aber Anfang der achtziger Jahre stand ich zum Beispiel bei einer EM mit ein paar Russen zusammen, die mich völlig offen fragten: Und? Was nimmst du so? Auch aus Westdeutschland hatte ich eindeutige Hinweise.

SPIEGEL ONLINE: Mit diesen gingen Sie zu Funktionären, doch die interessierte das nicht.

Thränhardt: Ja. Es wurde entgegen besseren Wissens nicht alles getan, um Doping zu unterbinden. Im Gegenteil.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt?

Thränhardt: Medaillen standen für die Politik und Verbände im Vordergrund, koste es, was es wolle. Meine ganzen Rekorde waren schön und gut, doch die Verantwortlichen wollten lieber Medaillen sehen. Brachte man keine mit nach Hause, waren sie plötzlich nicht mehr so nett zu einem. Das sorgte natürlich für Druck.

SPIEGEL ONLINE: Ist denn jemals ein Trainer, Funktionär oder Mediziner an Sie herangetreten und hat Ihnen Doping ans Herz gelegt?

Thränhardt: Das nicht, Hochsprung ist nicht gerade prädestiniert für Anabolika-Doping. Aber den Leistungsdruck habe ich zu spüren bekommen. Ich kam erst mit 17, 18 Jahren in die Leichtathletik und habe dieses System lange Zeit nicht verstanden. Ich dachte, es ginge für mich darum, hoch zu springen und Rekorde zu brechen. Aber tatsächlich ging es nur um Gold, Silber und Bronze. Dieses Ergebnisdenken treibt auch heute noch junge Sportler dazu, zu verbotenen Mitteln zu greifen. Sie denken, sie können die erforderliche Leistung nicht ohne Doping erbringen.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man Ihrer Meinung nach dagegen tun?

Thränhardt: Mehr Kontrollen. Ich habe als Veranstalter von Hochsprung-Meetings schon in den achtziger Jahren von einem Sponsor bezahlte Dopingtests eingeführt. Derselbe Sponsor hätte auch bei größeren Veranstaltungen gezahlt, doch daran hatte in den großen Verbänden niemand Interesse. Und dann muss man den Sportlern klarmachen, dass Doping nicht mehr obligatorisch ist. Es geht auch ohne, mit hartem Training ist einiges möglich. Das muss man erst mal verstehen wollen.

Das Interview führte Sara Peschke
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