Höhepunkte des Sportjahrs 2008 Kurvenkünstler, Sturmspitzen, Klopp und Hopp

15. Teil: Formel-1-Finale - der 39-Sekunden-Weltmeister


Im Internet kann man ein Video ansehen, das fast alles über die Dramatik des Formel-1-Finals am 2. November 2008 in São Paulo aussagt. Da reißt ein völlig außer Rand und Band geratener Ferrari-Mechaniker seine jubelnden Teamkollegen wütend am Arm, brüllt immer wieder "No! No!" und zertrümmert am Ende wütend eine Leuchtreklame.

Regenfinale in Brasilien: Ein Mechaniker rastet aus
AFP

Regenfinale in Brasilien: Ein Mechaniker rastet aus

Es war allerdings auch kaum zum Aushalten, was während der letzten zwei Rennrunden beim Großen Preis von Brasilien geschah.

Die Ausgangslage: Lewis Hamilton im McLaren-Mercedes wird Weltmeister, wenn er mindestens Platz fünf belegt - einen Sieg des Lokalmatadors Felipe Massa im Ferrari vorausgesetzt.

Im Rennen passierte lange wenig. Massa, der von der Pole Position gestartet war, dominierte den Grand Prix, Hamilton steuerte souverän und risikolos auf einen vierten, notfalls fünften Platz zu. Doch dann begann es zu regnen, Reifen wurden gewechselt (oder auch nicht), und die letzten Umläufe auf dem Kurs von Interlagos boten alles, um selbst gestandene Mechaniker völlig aus der Fassung zu bringen.

Weil Toyota-Pilot Timo Glock nicht an die Box gekommen war, lag Hamilton nur noch auf dem gefährlichen Platz fünf. Die plötzliche Unsicherheit des Briten war selbst am Fernsehschirm zu spüren. Denn hinter ihm raste mit Sebastian Vettel der gefürchtetste Regenpilot und zugleich brillanteste Fahrer der Saison heran. Der 21-Jährige hatte auf nasser Piste in Monza als jüngster Fahrer bislang ein Formel-1-Renne gewonnen, sein Selbstbewusstsein schien grenzenlos. Jeder andere hätte in diesem Moment wohl hinter Hamilton innegehalten, Vettel griff an.

Sein Vorhaben, den Britenzu überholen, erschien allerdings lächerlich. Beide Piloten fuhren auf Regenpneus, der McLaren-Mercedes war Vettels Toro Rosso an Leistung haushoch überlegen. Doch es passierte genau das, was in der technikfixierten und vermeintlich bis auf die Hundertstelsekunde berechenbaren Formel 1 eigentlich nicht passieren kann: Hamilton fiel förmlich in sich zusammen, Vettel trickste links, rechts und zog dann mit einer Leichtigkeit vorbei, als hätte sein Wagen 100 PS mehr.

Es war die 69. von 71 Runden, es war die drittletzte Runde der gesamten Saison, in der Hamilton alles zu verlieren schien. Hilflos und verzweifelt wirkten seine Versuche, Vettel wenigstens wieder einzuholen, der vor ihm über die nasse Piste wirbelte.

Als Massa kurz darauf über die Ziellinie fuhr, warder Brasilianer Weltmeister - und der Jubel in der Ferrari-Box grenzenlos. Doch 850 Meter vor dem Ziel, in der letzten Kurve der Saison, tauchte vor Hamilton plötzlich ein dahinschleichendder Glock auf, der seinen Wagen mit den Trockenreifen kaum noch kontrollieren konnte. Selbst auf einer Autobahn hätte er in diesem Moment die rechte Spur benutzen müssen. Vettel fuhr vorbei auf Platz vier, Hamilton fuhr vorbei auf Platz fünf, und in der Ferrari-Box ging einiges zu Bruch. Es war die knappste WM-Entscheidung der Formel-1-Geschichte. 39 Sekunden lang war Felipe Massa Weltmeister - und bewies Größe, als er den unglücklichen Glock später an wütenden brasilianischen Fans vorbei von der Strecke schleuste. Zweieinhalb Runden lang aber hatte die Formel 1 in all ihrer Faszination gezeigt, wie wenig ein Auto manchmal wert ist. Und wie entscheidend der richtige Fahrer und die falsche Taktik sein können.

Jörg Schallenberg

insgesamt 27 Beiträge
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derpolokolop 20.12.2008
1.
Zweifels ohne das 4:3 in letzt minute für Blackpool auswärts gegen Watford! Was denn sonst? ;-)
Christian W., 20.12.2008
2.
Das 1:1 von Köln gegen Gladbach im April diesen Jahres. Die Emotionen in diesem Spiel, die man sogar im TV als Nicht-Fan beider Mannschaften mitbekommen hat, waren schon gewaltig.
icaros, 20.12.2008
3.
Der "Aufstieg" des SSV Ulm 1846 von der OL BW in die RL Süd. Jaja, ich weiß, ist immer noch vierte Liga. Und schöne Momente waren auch die Last-Minute-Tore der Bayern gegen Getafe und Hoppenheim. Und die beiden Titel natürlich.
Schwabenpower 21.12.2008
4.
Eine Olympiade ohne Dopingfälle und auch sicherlich ganz ohne jegliche Beteiligung 12-jähriger Turnerinnen in der chinesischen Frauenturnerriege. Das war wunderschön. Endlich mal ein wirklich durch und durch sportlich fairer Wettbewerb. Danke China für die ersten glaubwürdigen und ehrbaren Sommerspiele der letzten 60 Jahre, die ich bewusst erleben durfte.
Brieli 21.12.2008
5.
Mein heutiges 10:9 in unserem traditionellen Alt-Herren-Weihnachtskick. Zum mit der Zunge-schnalzen. Ein unhaltbarer Pike-Schuss aus 5 Meter :-) Brieli
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