Höhepunkte des Sportjahrs 2008 Kurvenkünstler, Sturmspitzen, Klopp und Hopp

6. Teil: Deutschland gegen Portugal - Löws Siegesformel


Wie lange diese Europameisterschaft schon wieder her ist! Gefühlte Jahre, nicht Monate. Überlagert von olympischen Helden, Hoffenheim, Klinsmann-Bayern. Und natürlich vom enervierenden Scharmützel zwischen Bundestrainer Joachim Löw auf der einen Seite und Michael Ballack sowie Torsten Frings auf der anderen.

DFB-Kapitän Ballack gegen Portugal: Befreit vom neuen System
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DFB-Kapitän Ballack gegen Portugal: Befreit vom neuen System

In wenigen Monaten wird dieser Streit wahrscheinlich nur wie eine Petitesse wirken, und vielleicht schlägt sich Löw sogar vor Lachen auf die Schenkel, wenn er in ein paar Jahren in den Geschichtsbüchern davon liest. Weil Negatives sich verklärt, je länger es zurückliegt. Und die schönen Dinge? Die verlieren später ihre Konturen.

Im Fall des EM-Viertelfinales Portugal gegen Deutschland wäre das tragisch. Deshalb soll hier noch einmal erinnert werden an diesen 19. Juni 2008 im St-Jakob-Park zu Basel. An das tollste, beste, größte, schnellste, spektakulärste Länderspiel dieses Jahres. Vor allem aber daran, wie es zu diesem Sieg kam, der Konventionen über den Haufen warf und dessen Folgen bis heute zu sehen sind - weil er zu einer Art Initiationsritual für eine neue DFB-Mannschaft wurde.

Selten standen die Vorzeichen ungünstiger vor einem wichtigen Turnierspiel. Die Deutschen waren ordentlich in die EM gestartet mit einem Sieg gegen Polen, doch schon in der zweiten Gruppenpartie gegen Kroatien (1:2) wurde deutlich, dass etwas nicht stimmte. Spielerisch war die DFB-Elf kein Abziehbild der mitunter spektakulären EM-Qualifikation, sondern das Reziprok. Automatismen griffen nicht, Ballack und Frings dachten defensiv und die Stürmer offensiv, was ein großes Mittelfeldloch zur Folge hatte, das nicht geschlossen wurde. Gegen Österreich - unter enormem Druck, kämpfte sich die Mannschaft ins Viertelfinale. Immerhin.

Aber wer nun von Deutschland noch als Titelfavorit sprach, wäre für unzurechnungsfähig erklärt worden.

Deshalb musste etwas passieren. Und so tat Bundestrainer Löw etwas, das so risikoreich wie notwendig war: Er warf das jahrelang bewährte Spielsystem 4-4-2 über den Haufen und ersetzte es durch ein 4-2-3-1. Michael Ballack offensiv zentral, die beiden ehemaligen Aushilfskräfte Thomas Hitzlsperger und Simon Rolfes dahinter, als einzige Spitze Miroslav Klose. Keine Unterzahl im Mittelfeld, mehr Anspielstationen beim Umschalten, defensive Absicherung - all das war der Plan.

Und er funktionierte.

Deutschland spielte Portugal zeitweise an die Wand, mit einer für unmöglich gehaltenen Leichtigkeit. Die Tore erzielten Bastian Schweinsteiger, Miroslav Klose und Michael Ballack, der - befreit von defensivem Arbeitszwang - so wirkte, als könne ihn nichts und niemand stoppen.

Joachim Löw, der wegen seines Seitenliniendisputs im Spiel gegen Österreich für ein Spiel auf die Tribüne verbannt worden war, hatte eine Siegesformel gefunden. Und er wusste von nun an auch, dass Hitzlsperger und Rolfes dem an der Rippe verletzten jahrelangen Stammspieler Frings ebenbürtig waren - mindestens.

Nach der EM, nach dem zweiten Platz (0:1 im Finale gegen Spanien), vor allem aber nach diesem 3:2 gegen Portugal, gibt es im DFB-Team keine Stammplatzgarantie mehr. Das ist die eigentliche Botschaft der Nacht von Basel. Und daran sollte man sich immer mal wieder erinnern.

Christian Gödecke

insgesamt 27 Beiträge
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derpolokolop 20.12.2008
1.
Zweifels ohne das 4:3 in letzt minute für Blackpool auswärts gegen Watford! Was denn sonst? ;-)
Christian W., 20.12.2008
2.
Das 1:1 von Köln gegen Gladbach im April diesen Jahres. Die Emotionen in diesem Spiel, die man sogar im TV als Nicht-Fan beider Mannschaften mitbekommen hat, waren schon gewaltig.
icaros, 20.12.2008
3.
Der "Aufstieg" des SSV Ulm 1846 von der OL BW in die RL Süd. Jaja, ich weiß, ist immer noch vierte Liga. Und schöne Momente waren auch die Last-Minute-Tore der Bayern gegen Getafe und Hoppenheim. Und die beiden Titel natürlich.
Schwabenpower 21.12.2008
4.
Eine Olympiade ohne Dopingfälle und auch sicherlich ganz ohne jegliche Beteiligung 12-jähriger Turnerinnen in der chinesischen Frauenturnerriege. Das war wunderschön. Endlich mal ein wirklich durch und durch sportlich fairer Wettbewerb. Danke China für die ersten glaubwürdigen und ehrbaren Sommerspiele der letzten 60 Jahre, die ich bewusst erleben durfte.
Brieli 21.12.2008
5.
Mein heutiges 10:9 in unserem traditionellen Alt-Herren-Weihnachtskick. Zum mit der Zunge-schnalzen. Ein unhaltbarer Pike-Schuss aus 5 Meter :-) Brieli
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