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22. Dezember 2008, 10:47 Uhr

Höhepunkte des Sportjahrs 2008

Kurvenkünstler, Sturmspitzen, Klopp und Hopp

Was für ein Jahr! Olympische Spiele, Fußball-EM, Drama in der Formel 1 - und die unglaubliche Erfolgsserie einer Dorfmannschaft. Die Sportredaktion von SPIEGEL ONLINE blickt zurück auf bewegende Geschichten und begeisternde Athleten der vergangenen zwölf Monate.

Ein Goldmedaillen-Rekord in Peking, das Regen-Duell beim letzten Rennen der Formel 1 in São Paulo, der unglaubliche Glücksmoment eines deutschen Triathlon-Siegers - 2008 war ein Gala-Jahr des Sports.

Erfolgstypen 2008: Das Sportjahr geprägt
REUTERS; AP; AFP; DPA

Erfolgstypen 2008: Das Sportjahr geprägt

Die Sommerspiele entwickelten sich zu einem gigantischen Spektakel - in positiver wie in negativer Hinsicht: Rund 11.000 Sportler kämpften im perfekt organisierten Mikrokosmos Olympia in Peking um Medaillen und Ruhm.

Zum erfolgreichsten Sportler avancierte Michael Phelps. Der US-Amerikaner holte acht Goldmedaillen und löste damit seinen Schwimmkollegen Mark Spitz als Rekordhalter ab, der 1972 in München siebenmal siegreich gewesen war.

Für Aufsehen sorgten zudem die Weltrekorde des dreifachen Olympiasiegers Usain Bolt aus Jamaika. Diese Höhepunkte zeigten auch die Kehrseite der Medaillen im Jahr 2008: Beide Leistungen riefen durch ihre Unglaublichkeit Zweifel hervor.

Zweifellos nur Zweitbeste war die deutsche Nationalmannschaft im EM-Finale von Wien. Spanien wurde verdientermaßen Europameister und das Team von Bundestrainer Joachim Löw tröstete sich mit einem sensationellen Viertelfinalsieg gegen Portugal (3:2).

Ebenso unstrittig ist die Tatsache, dass die Formel 1 in dieser Saison das wohl dramatischste Finale seiner Geschichte bot - in Person von Weltmeister Lewis Hamilton im Mercedes und seines unglücklichen Konkurrenten, Ferrari-Pilot Felipe Massa.

In der Bundesliga bahnt sich ein ebenso enges Duell zwischen Rekordmeister FC Bayern München und 1899 Hoffenheim an. Der Aufsteiger ist eine der Mannschaften des Jahres: Anfang 2008 noch Achter der Zweiten Liga, jetzt Herbstmeister der Bundesliga.

Die Sportredaktion von SPIEGEL ONLINE blickt zurück auf besondere Athleten, Momente und Leistungen des Sportjahres 2008.

Hoffenheim - sogar der Dorfbrunnen ist schön

Kurz bevor es losgeht, ist der Parkplatz noch so gut wie leer – die meisten Mitglieder, die Mitte Januar in der Vereinsgaststätte "Fairplay" zur Jahreshauptversammlung der TSG Hoffenheim eintrudeln, sind zu Fuß gekommen. Torsten Hartl, der Sprecher des Fanclubs "Zwingerclubs", ist einer von acht organisierten Fans.

Den Namen gab man sich, als es in der Regionalliga erstmals in die größeren Stadien ging und sich die versprengten Hoffenheimer in den Gästeblöcken vorkamen wie ein Tier im Zwinger. Gerade noch rechtzeitig nimmt er Platz, vor sich ein dampfendes Schnitzel, dann geht es auch schon los.

Dorfclub Hoffenheim: Den Brunnen schön herausgeputzt
Getty Images

Dorfclub Hoffenheim: Den Brunnen schön herausgeputzt

Der Sprecher der Alten Herren gibt zu Protokoll, er sei "positiv überrascht" über den Besuch der Veranstaltung. Ironie? Sarkasmus? Jedenfalls sind nur 35 Mitglieder des Bundesliga-Herbstmeisters gekommen. Nachdem ein freundlicher Herr namens Ralf Zwanziger, der tatsächlich der Sohn des DFB-Präsidenten Theo Zwanziger ist, über den Frauenfußball referiert hat, kommt die Jugendabteilung zu ihrem Recht.

Der Kassenbericht lastet dann wie bei allen eingetragenen Vereinen zwischen Flensburg und Memmingen bleiern über der Versammlung. Immerhin sei die traditionelle 1.-Mai-Wanderung der Alten Herren ein voller Erfolg gewesen, sagt der nächste Redner. Auch die Sprecherin der Leichtathletik-Abteilung, eine von drei anwesenden Frauen, ist zufrieden, dass das "Schmücken unseres Dorfbrunnens" wieder so viel Spaß gemacht habe. Dann bedankt sich der Ortsvorsteher bei Dietmar Hopp, dem "Freund und Gönner". Der hat der örtlichen Schule ein "Sozialgebäude" finanziert.

Weder Hopp noch Rangnick noch irgendein Profi sind erschienen. Warum auch? Das Tagesgeschäft der Lizenzspielermannschaft organisiert eine GmbH. Der Verein, der sich hier trifft, macht Breitensport. Viele hier kennen sich seit Jahrzehnten, verkaufen Kuchen bei Jugendspielen oder helfen an anderer Stelle. Man geht respektvoll, meist sogar ausgesprochen herzlich miteinander um. Und lässt nichts, aber auch gar nichts auf Hopp kommen, der trotz physischer Abwesenheit über der Versammlung thront. Vielleicht spielt der Verein bald mal gegen Real Madrid. Doch eines seiner Gravitationszentren ist der Ortskern. Dort steht der Dorfbrunnen, den sie tatsächlich schön herausgeputzt haben.

Christoph Ruf

Footballer David Tyree - komprimierter Traum

Manche Sportler sichern sich ihren Platz in den Geschichtsbüchern dank einer beeindruckenden Karriere. So wie Michael Jordan, der sechsmal NBA-Meister wurde. Andere brauchen für ihren Eintrag in die Annalen nur einen Moment. So wie David Tyree, ein Football-Profi von den New York Giants. Ein Spieler aus der zweiten Reihe, der sich auf der größten Bühne des US-Sports mit einer Aktion seinen Platz in der Football-Geschichte sicherte. Der komprimierte amerikanische Traum - vom Niemand zum Helden in einem Spielzug. Kitschiger geht es kaum. Denkwürdiger auch nicht.

Giants-Receiver David Tyree (l.): Fang mit dem Helm
AP

Giants-Receiver David Tyree (l.): Fang mit dem Helm

Es ist der 3. Februar 2008. Im Super Bowl XLII, dem Finale der US-Football-Liga, stehen sich Tyrees Giants und die New England Patriots gegenüber. Die Patriots schicken sich an, als erstes Team der Geschichte mit 19 Siegen Meister zu werden. Experten sind sich nahezu einig: Es ist nur eine Frage, wie hoch die Patriots gewinnen.

Aber die Giants überraschen. Lange Zeit liegen sie dank eines Touchdown-Passes von Spielmacher Eli Manning zu Tyree sogar vorn. Doch 2:52 Minuten vor Spielende bringt Tom Brady mit einem Touchdown-Pass zu Randy Moss New England 14:10 in Führung. Die Giants scheinen geschlagen, sie brauchen einen Touchdown. 83 Yards bis zur gegnerischen Endzone, gegen eine der besten Mannschaften der Geschichte. Noch 2:42 Minuten. Aussichtslos.

Eine Minute und 15 Sekunden vor Spielende kommt Tyrees Moment. Die Giants sind an ihrer 44-Yard-Linie. Manning bekommt den Ball, seine Vorderleute können New Englands Verteidiger nicht stoppen. Drei Patriots versuchen, Manning zu Fall zu bringen. Er wankt, er wird am Trikot herumgeschleudert, er stolpert, doch er fällt nicht. Er sieht Tyree. Ein Verzweiflungswurf, der Ball eiert durch die Luft. An der 24-Yard-Linie der Patriots springt Tyree - heftig bedrängt von New Englands Verteidiger Rodney Harrison - hoch, fängt den Ball und presst ihn im Fallen mit der rechten Hand gegen seinen Helm. Kompletter Pass. 32 Yards Raumgewinn.

Mit diesem Spielzug kippt das Spiel. Wer einen Ball mit dem Helm fängt, den kann niemand stoppen. "Mir war die Bedeutung gar nicht klar, bis ich es selbst im Fernsehen gesehen habe", wird Tyree später sagen. Vier Spielzüge später, 39 Sekunden vor Spielende, wirft Manning einen Pass zu Plaxico Burress. Touchdown, 17:14, die Giants sind Meister, Tyree ein Held. Medien sprechen von einem der größten, manche sogar vom größten Spielzug in der Geschichte des Super Bowl. "Sports Illustrated" druckt ein Foto der Szene auf der Titelseite. Tyree schreibt ein Buch mit dem Titel "More than just the catch".

Das größte Spiel seiner Karriere ist sein bislang letztes. Erst verpasst er das Trainingslager und den Beginn der neuen Saison wegen einer Operation, dann verletzt er sich erneut. Der Super-Bowl-Glanz verblasst. "Ich habe genug Trubel gehabt", sagt Tyree. Seine Zeit ist vorbei, Amerika braucht neue Helden. Am besten welche wie ihn.

Benjamin Schulz

Alessandro Del Piero - endlich Erlösung

Das Spiel war bedeutungslos. Letzter Spieltag, alles entschieden. Der eine Club, Sampdoria Genua, hatte die Teilnahme am Uefa-Cup sicher, der andere, Juventus Turin, die Qualifikation für die Champions League. Sechs Tore fielen an diesem 17. Mai 2008, drei auf jeder Seite.

Juventus-Stürmer Del Piero: Treffsicherer Kavalier
AFP

Juventus-Stürmer Del Piero: Treffsicherer Kavalier

Juventus hatte in dieser Saison wieder in der Serie A mitmachen dürfen. Der Zwangsabstieg wegen der Verwicklung in den Manipulationsskandal war Vergangenheit. Eine große Mannschaft stand nicht mehr auf dem Platz in Genua. Von den alten Recken waren es nur Pavel Nedved und David Trezeguet. Und Alessandro Del Piero, seit 1993 bei Juventus, Vertrag bis 2010.

Del Piero war trotz der Degradierung geblieben, anders als Stars wie Zlatan Ibrahimovic, Patrick Vieira, Fabio Cannavaro oder Gianluigi Zambrotta. "Ein Kavalier verlässt seine Dame nicht", hatte Del Piero gesagt. Und so wühlte sich der Stürmer durch die Serie B, ließ sich treten und bepöbeln. Doch er hielt durch.

Del Pieros Mission war aber damit noch nicht beendet. Der Stürmer wollte allen zeigen, dass die Nachrufe auf ihn zu früh verfasst worden waren. Was hatten sie nicht gespottet über den kleinen Mann, der trotz WM-Titel (2006) und Champions-League-Ehren (1996) als "Unvollendeter" galt. Als einer, der es nicht bringt, wenn es zählt. 2000 im EM-Finale gegen Frankreich hatte er versagt, beste Chancen ausgelassen, den Titel alleine verspielt. Hieß es. Das hielt nach. Das tat weh.

Am 17. Mai 2008 war es anders. Ein bedeutungsloses Spiel. Del Piero traf in der siebten Minute und freute sich. Dann traf der Stürmer noch einmal in der 65. Minute. Und freute sich noch mehr. Über zwei Tore in einem bedeutungslosen Spiel? Vielleicht für die Teams, nicht für Del Piero, den Juve-Kapitän.

Der war endlich angekommen, hatte sein Ziel erreicht. Mit über 33 Jahren, die Reise war zu Ende. Er war erstmals Torschützkönig der Serie A. Jener Liga, die ihn, den Kavalier, verstoßen hatte. Italien applaudierte, Alessandro Del Piero hatte es sich verdient.

Clemens Gerlach

Celtics gegen Lakers - das ewige Duell

Viele Basketball-Fans dürften zu jung sein, um sich an die Finalserien der achtziger Jahre zu erinnern. Und so spielten die US-Medien nur allzu gern den Nachhilfelehrer. Vor und während der NBA-Finals 2008 kam kein Vorbericht, keine Auszeit ohne grobkörnige Filmaufnahmen in Dauerschleife aus. Die kurzbehosten Hauptakteure waren stets dieselben: Larry Bird, Earvin "Magic" Johnson, Kevin McHale und Kareem Abdul-Jabbar.

Lakers-Star Kobe Bryant (r.): Alleinunterhalter gegen Meister Boston
REUTERS

Lakers-Star Kobe Bryant (r.): Alleinunterhalter gegen Meister Boston

Es waren legendäre Duelle, die sich die Boston Celtics und die Los Angeles Lakers in den Achtzigern geliefert hatten. Zweimal siegte das Team von der Westküste (1985 und 1987), 1984 der Konkurrent aus dem Osten. Dabei bedeuteten schon diese Serien ein Remake der epischen Schlachten der sechziger Jahre, als Dinosaurier namens Elgin Baylor, Jerry West, Bill Russell und Robert "Bob" Cousy über das NBA-Parkett stapften. Um es kurz zu machen: Mehr Tradition als in dieser Finalpaarung wird man in der Liga nicht finden.

Nun also die Neuauflage. Mit Blick auf sinkende Zuschauerzahlen und mäßige TV-Quoten dürfte auch die NBA größtes Interesse an einer Ferndistanz-Fehde gehabt haben. Lakers-Guard Kobe Bryant war immer noch einen Beweis schuldig, dass er in der Lage ist, eine Mannschaft auch ohne Shaquille O'Neal zum Titel zu führen. Die Celtics schickten sich dagegen an, der Welt zu zeigen, dass Erfolg eben doch käuflich sein kann. Die Neuzugänge Kevin Garnett und Ray Allen hatten das Team zusammen mit Paul Pierce von der drittschlechtesten (24:58 Siege, 2006/2007) zur besten Bilanz der Liga (66:16, 2007/2008) geschossen.

Das Triumvirat der Celtics brachte genug Arroganz und Selbstbewusstsein mit, um sich für Daumen, Zeige- und Mittelfinger an der Wurfhand Gottes zu halten. Bei den Lakers übernahm die Nummer 24 (Kobe Bryant) diesen Job allein. Hier hielten sich die Akteure streng an das Originalskript, auch Bird und Co. hatten damals die unterhaltsamen Untiefen von Trash-Talk, Überheblichkeit und verbaler Kriegsführung gründlich ausgeleuchtet.

Den Krieg der Spielkulturen - hemdsärmelige Defensivspezialisten mit dem Kleeblatt auf der Brust gegen die funkelnde Showtime-Maschine aus dem Westen - entschieden die Celtics in sechs Partien für sich. Spätestens seit der 92:131-Demütigung im letzten Spiel sollten sich die Lakers bei der Ehre gepackt fühlen. Fans, TV-Stationen (außer in Deutschland, versteht sich) und die Liga dürfen sich freuen.

Bei der Prognose für das Rematch im kommenden Frühsommer muss die journalistische Distanz ausnahmsweise einmal auf der Ersatzbank Platz nehmen: 2009 sind die Lakers dran.

Johannes Korge

Deutschland gegen Portugal - Löws Siegesformel

Wie lange diese Europameisterschaft schon wieder her ist! Gefühlte Jahre, nicht Monate. Überlagert von olympischen Helden, Hoffenheim, Klinsmann-Bayern. Und natürlich vom enervierenden Scharmützel zwischen Bundestrainer Joachim Löw auf der einen Seite und Michael Ballack sowie Torsten Frings auf der anderen.

DFB-Kapitän Ballack gegen Portugal: Befreit vom neuen System
DPA

DFB-Kapitän Ballack gegen Portugal: Befreit vom neuen System

In wenigen Monaten wird dieser Streit wahrscheinlich nur wie eine Petitesse wirken, und vielleicht schlägt sich Löw sogar vor Lachen auf die Schenkel, wenn er in ein paar Jahren in den Geschichtsbüchern davon liest. Weil Negatives sich verklärt, je länger es zurückliegt. Und die schönen Dinge? Die verlieren später ihre Konturen.

Im Fall des EM-Viertelfinales Portugal gegen Deutschland wäre das tragisch. Deshalb soll hier noch einmal erinnert werden an diesen 19. Juni 2008 im St-Jakob-Park zu Basel. An das tollste, beste, größte, schnellste, spektakulärste Länderspiel dieses Jahres. Vor allem aber daran, wie es zu diesem Sieg kam, der Konventionen über den Haufen warf und dessen Folgen bis heute zu sehen sind - weil er zu einer Art Initiationsritual für eine neue DFB-Mannschaft wurde.

Selten standen die Vorzeichen ungünstiger vor einem wichtigen Turnierspiel. Die Deutschen waren ordentlich in die EM gestartet mit einem Sieg gegen Polen, doch schon in der zweiten Gruppenpartie gegen Kroatien (1:2) wurde deutlich, dass etwas nicht stimmte. Spielerisch war die DFB-Elf kein Abziehbild der mitunter spektakulären EM-Qualifikation, sondern das Reziprok. Automatismen griffen nicht, Ballack und Frings dachten defensiv und die Stürmer offensiv, was ein großes Mittelfeldloch zur Folge hatte, das nicht geschlossen wurde. Gegen Österreich - unter enormem Druck, kämpfte sich die Mannschaft ins Viertelfinale. Immerhin.

Aber wer nun von Deutschland noch als Titelfavorit sprach, wäre für unzurechnungsfähig erklärt worden.

Deshalb musste etwas passieren. Und so tat Bundestrainer Löw etwas, das so risikoreich wie notwendig war: Er warf das jahrelang bewährte Spielsystem 4-4-2 über den Haufen und ersetzte es durch ein 4-2-3-1. Michael Ballack offensiv zentral, die beiden ehemaligen Aushilfskräfte Thomas Hitzlsperger und Simon Rolfes dahinter, als einzige Spitze Miroslav Klose. Keine Unterzahl im Mittelfeld, mehr Anspielstationen beim Umschalten, defensive Absicherung - all das war der Plan.

Und er funktionierte.

Deutschland spielte Portugal zeitweise an die Wand, mit einer für unmöglich gehaltenen Leichtigkeit. Die Tore erzielten Bastian Schweinsteiger, Miroslav Klose und Michael Ballack, der - befreit von defensivem Arbeitszwang - so wirkte, als könne ihn nichts und niemand stoppen.

Joachim Löw, der wegen seines Seitenliniendisputs im Spiel gegen Österreich für ein Spiel auf die Tribüne verbannt worden war, hatte eine Siegesformel gefunden. Und er wusste von nun an auch, dass Hitzlsperger und Rolfes dem an der Rippe verletzten jahrelangen Stammspieler Frings ebenbürtig waren - mindestens.

Nach der EM, nach dem zweiten Platz (0:1 im Finale gegen Spanien), vor allem aber nach diesem 3:2 gegen Portugal, gibt es im DFB-Team keine Stammplatzgarantie mehr. Das ist die eigentliche Botschaft der Nacht von Basel. Und daran sollte man sich immer mal wieder erinnern.

Christian Gödecke

Kaymer in München - gestatten, Weltklasse-Golfer

Am Dienstag fuhr er noch einmal nach Hause. Von München nach Mettmann, zur schwer erkrankten Mutter. Es war nicht klar, ob Martin Kaymer am frühen Donnerstag am ersten Abschlag des Golfclubs Eichenried stehen würde. Es war äußerst fraglich, ob er an den BMW Open teilnehmen könnte.

Doch Kaymer kam, und wie er kam. Deutschlands Golfhoffnung düpierte das Feld. Sechs Schläge lag der ruhige Rheinländer nach drei Tagen in Führung, er spielte auf einem eigenen Level. Am sonnigen Juni-Samstag wuchs die Zahl derer, die dem Aufsteiger über den Kurs folgten, auf 10.000 an. In Münchens Nordosten brach ein Golf-Hype aus, der das ganze Land erreichte - nachdem er sich Monate zuvor bereits angekündigt hatte.

Golfprofi Kaymer (in München): Am Ende plötzlich spannend
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Golfprofi Kaymer (in München): Am Ende plötzlich spannend

Mitte Januar war der 23-Jährige in Abu Dhabi nicht zu stoppen. Es war sein erster Turniersieg auf der European Tour. Nach gut einem Jahr bei den Profis, früher als jeder deutsche Golfer vor ihm, ließ er Europas Elite hinter sich - um zwei Wochen später beinahe den Weltranglistenersten zu besiegen: In Dubai konnte nur der junge Deutsche mit Tiger Woods mithalten. Am Ende fehlte ein Schlag. Seither kennt der Superstar den jungen Mann aus Mettmann.

Kaymer zeigte in diesen Wochen sein Weltklassepotential. Damit war er nicht der Erste, doch im Gegensatz zu früheren deutschen Talenten legte er einige Monate später nach - und wurde zum Golfer von Weltklasseformat.

In München deklassierte Kaymer die Konkurrenz in den ersten Tagen, ließ sie jedoch sonntags noch einmal herankommen. Am letzten Loch rollte sein Putt um Zentimeter am Loch vorbei. Er verpasste das Eagle und musste ins Stechen gegen den Dänen Anders Hansen.

Dort zeigte Kaymer eine seiner größten Qualitäten: Nervenstärke. Trotz der schwierigen privaten Situation, dem verspielten Vorsprung auf den letzten Löchern blieb er vor begeisterten Zuschauern ruhig - und siegte gleich am ersten Extraloch. 20 Jahre nach Bernhard Langer hatte das größte deutsche Turnier wieder einen deutschen Sieger.

Langer selbst, an diesem Wochenende als 37. klar im Schatten seines Nachfolgers, outete sich als Kaymer-Fan: "Ich habe ihm gesagt, du bist aggressiv, spielst aber trotzdem mit Köpfchen - genau wie Tiger Woods und Phil Mickelson." Mickelson war damals hinter Woods die Nummer zwei der Welt. "Er ist ohne Frage der beste Jungprofi der Tour", schwärmte die schottische Golflegende Colin Montgomerie.

Kurz nach dem Triumph in München verlor Kaymer seine Mutter. Seine Leistungen ließen nach. Um einen Platz verpasste er die Teilnahme am Ryder Cup im September.

Im Oktober kam er wieder zurück, als er sich bei den schottischen Dunhill Links Championships nicht wie andere Teilnehmer prominente Spielpartner wie Samuel Jackson oder Hugh Grant an seine Seite holte, sondern mit Bruder Philip und Vater Horst die Runden absolvierte. Kaymer wurde Zweiter, wohl ein noch größerer Erfolg als der Sieg in München. Für den Ryder Cup kam er zu spät. Doch dieser junge Golfer hat noch viel Zeit - und viele Gelegenheiten.

Frieder Pfeiffer

Neuer Coach - Klopp bringt Hoffnung nach Dortmund

Dortmund-Fans mussten leiden. Rund sechseinhalb Jahre ist es her, dass sie die Deutsche Meisterschaft bejubeln konnten. Es folgten eine mittelmäßige Champions-League-Saison und ein dritter Platz in der Liga. Die erneute Qualifikation für die Champions League wurde gegen den international zweitklassigen FC Brügge verspielt. Der anschließende Auftritt im Uefa-Cup wurde von Frankreichs No-Name-Club FC Sochaux in der zweiten Runde beendet. In der Liga landete Dortmund auf Platz sechs und damit außerhalb der Europapokal-Ränge.

Dortmunder Trainer Klopp: Aufbruchstimmung bei der Borussia
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Dortmunder Trainer Klopp: Aufbruchstimmung bei der Borussia

Die Schuldenkrise nahm ihren Lauf, die sportlichen Leistungen passten sich den Erklärungsversuchen der verantwortlichen Manager Michael Meier und Präsident Gerd Niebaum an, zwei siebte Plätze in der Bundesliga mit dem bemühten Trainer Bert van Marwijk waren die Folge. Das Engagement der Niederländers wurde vorzeitig beendet, das Kapitel Jürgen Röber begann ebenso schnell wie es endete, Thomas Doll übernahm das Training. Mit ihm wurde der BVB Neunter, in der Folgesaison 13. Die Bilanz seit 2002: eine bejubelte Finalniederlage gegen Bayern München im DFB-Pokal und der Derbysieg am vorletzten Spieltag der Saison 2006/2007 gegen Schalke, die daraufhin nicht Meister wurden.

Ein erstes erleichtertes Aufatmen konnte man allerdings aus dem Revier vernehmen, als Thomas Doll sich im beidseitigen Einverständnis vom Verein trennte. Dann vollbrachte BVB-Sportdirektor Michael Zorc in diesem Sommer seine bislang beste Tat in einer bislang eher durchwachsenen Amtsausübung - er verpflichtete Trainer Jürgen Klopp zum 1. Juli 2008. Sportlich kann das die wichtigste Personalie seit der Einstellung von Erfolgscoach Ottmar Hitzfeld sein.

Für mich als BVB-Fan ist sie das schon jetzt. Weil ich, seitdem Klopp in Dortmund trainiert, wieder Glauben in die Mannschaft entwickelt habe. Weil ich denke, dass die Mannschaft mit Klopp in entscheidenden Momenten bestehen kann. Und das sage ich trotz der Uefa-Cup-Niederlage gegen Udine. Weil er, anders als Doll, durchgreifen kann und das Leistungsprinzip nicht nur zu einer Worthülse macht, wie sogar schon Kapitän Sebastian Kehl zu spüren bekam, ebenso wie Torjäger Alexander Frei, dessen Stil nicht ins laufintensive Konzept passt. Weil endlich jemand da ist, der Zorc die richtigen Hinweise zu Verpflichtungen geben kann, so schon geschehen bei Abwehr-Jungspund Neven Subotic.

Klopp passt nach Dortmund. Manchem mag seine offen-witzige Art nicht gefallen. Und mancher sieht Anzeichen einer medialen Überrepräsentation. Doch Klopp ist einfach Klopp. Seine Art wirkt nicht aufgesetzt. Bestes Beispiel: Das Spiel beim Hamburger SV Anfang November. Dortmund unterlag 1:2. BVB-Mittelfeldspieler Tamas Hajnal diskutierte im Anschluss mit Schiedsrichter Jürgen Drees. Der 1,91 Meter große Klopp stürzte auf den Platz, riss seinen nur 1,67 Meter großen Spielmacher zur Seite und schleuderte ihn hinter sich. Wer so mit seinen Spielern umgehen kann, der muss eine Menge Vertrauen und Respekt in der Mannschaft besitzen. Mit seiner Art hat er es geschafft, in einer lethargischen und chronisch satten Mannschaft neues Feuer zu entfachen. Und damit auch bei mir als Fan.

Jan Reschke

Nadal gegen Federer - episches Duell in Wimbledon

US-Tennislegende John McEnroe ließ keine Zweifel aufkommen. "Das war das beste Match, das ich jemals gesehen habe", schwärmte der frühere Weltranglistenerste. Im Wimbledon-Finale hatte Rafael Nadal nach 4:48 Stunden und zwei Regenpausen 6:4, 6:4, 6:7, 6:7, 9:7 gegen Roger Federer gewonnen. Es war das längste Endspiel in der Geschichte Wimbledons und ein Duell von epischen Ausmaßen.

Wimbledon-Sieger Nadal: Wild entschlossen an die Weltranglistenspitze
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Wimbledon-Sieger Nadal: Wild entschlossen an die Weltranglistenspitze

Federer hätte der erste Spieler werden können, der sechsmal in Folge das wichtigste Turnier des Jahres gewinnt. Auf Rasen hatte er noch nie gegen seinen ärgsten Konkurrenten verloren. Doch in diesem Jahr war Nadal mehr als nur ein Geheimfavorit. Wenige Wochen zuvor hatte er Federer bei den French Open 6:1, 6:3, 6:0 gedemütigt. Nach zwei verlorenen Wimbledon-Endspielen gegen den Schweizer war er nun wild entschlossen, auch in London zu triumphieren.

Nadal spielte von Beginn an mit großer Wucht, seine gewaltige Vorhand dominierte die Ballwechsel. Federer brauchte zwei Sätze Anlauf, dann stemmte er sich mit aller Macht gegen die Niederlage. Es ging nicht nur um dieses eine Match – es ging um die Verteidigung seines Terrains gegen den Sandplatzkönig, es ging um die Vorherrschaft auf der ATP-Tour.

Und der Kampf um die Krone wurde verbissen geführt. Beide Akteure zeigten ihr ganzes Repertoire und packten die besten Schläge immer dann aus, wenn es besonders wichtig wurde. So schlug Federer im Tiebreak des dritten Satzes sechsmal auf – und erzielte dabei vier Asse.

Im Tiebreak des vierten Durchganges erkämpfte sich Nadal seinen zweiten Matchball mit einem fantastischen Vorhand-Passierball. Federer wehrte die Chance mit einer wunderbaren Rückhand die Linie entlang ab – ganz so, als spielte er irgendwo in der Schweiz ein Trainingsmatch und nicht im All England Club das größte Duell seiner Laufbahn.

Doch alle Gegenwehr sollte nichts nutzen. Nichts konnte den nimmermüden Nadal an diesem 6. Juli stoppen. Die Dämmerung war bereits hereingebrochen als der 22-Jährige seinen vierten Matchball verwandelte und vor Freude rücklings auf den Rasen fiel – er hatte den Weltranglistenersten Federer auf dessen Lieblingsplatz geschlagen.

Boris Becker sagte wenig später: "Wer die French Open und Wimbledon gewinnt, ist immer die Nummer eins. Da ist mir egal, was der Computer sagt." Tatsächlich sollte es nicht lange dauern, bis die Rechenmaschine folgte: Am 18. August löste Nadal seinen Widersacher Federer nach vier Jahren an der Spitze der Weltrangliste ab. Dort steht der Spanier bis heute.

Hendrik Ternieden

Alexander Grimm - erstes deutsches Gold in Peking

Natürlich, die Olympischen Spiele, da bekommt man auch mal Sportler zu Gesicht, die sonst selten auftauchen - und, wenn dann tauchen sie danach auch ganz schnell wieder ab. Daher, ich gebe es zu, musste ich selbst googeln nach dem ersten deutschen Olympiasieger. Wissen Sie noch, wer das war?

Ich konnte mich daran erinnern, dass er im Wildwasser unterwegs war und Alexander hieß. Alexander wer ...? Kurzum: Ich habe ihn gefunden. War dann auch gar nicht so schwer. Alexander Grimm, so heißt er. Eigentlich leicht zu merken, dieser Name. Oder? 22 Jahre jung und damals, als ich den Fernseher einschaltete, Vierter nach dem ersten Lauf.

Kanute Grimm: Beeindruckender Auftritt im wilden Wasser
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Kanute Grimm: Beeindruckender Auftritt im wilden Wasser

Ein Deutscher ist also in der Lage, Gold zu gewinnen. Das klingt spannend, da bleibt man vor dem Fernseher hängen. Mal abgesehen davon, ist es schon beeindruckend, was die Sportler so leisten im Wildwasser. Sage ich mal so. Als Student war ich mal in einem weitaus sanfteren Kanal unterwegs als jenem im Shunyi Park. Dass ich diese Zeilen hier verfasst habe, zeugt zwar nicht von meinem Können, sondern vielmehr davon, dass ich nicht ertrunken bin, obwohl ich ständig kopfüber unter Wasser hing.

Zurück zu Alexander Grimm. Es wird in umgekehrter Reihenfolge gestartet. Die Konkurrenz vor Grimm hat reichlich Mühe auf der Strecke. Vor allem bei der ersten Walze kommt schon so mancher vom Kurs ab. Nicht aber Grimm. Er fährt mit seinem Einer-Kajak besser als alle vor ihm den rauschenden Strom hinunter. Und dann beginnt das Warten: Für ihn, für die Zuschauer, für mich.

Ich muss an diesem Tag darüber ja nicht schreiben, keine journalistische Distanz wahren, darf also mitfiebern, darf die Faust ballen, als wenig später feststeht: Bronze hat der Mann sicher. Dann ist er sogar auf dem Silberplatz. Und nun?

Es paddelt ein Mann an den Start, dem ich den Sieg irgendwie auch gönne, aber Grimm soll ja auch gewinnen. Zwickmühle für Sympathien. Ein Sieg von Grimm würde uns, besser: Deutschland im Medaillenspiegel ja schließlich nach vorne bringen.

Aber Benjamin Boukpeti aus Togo, das klingt exotisch, das ist irgendwie auch Olympische Spiele. Ein Mann aus Afrika im Einer-Kajak ganz oben auf dem Podest. Das hat die Welt noch nicht gesehen. Alexander Grimm allerdings auch noch nicht. Fest steht in diesem Moment nur, dass einer von beiden gewinnen wird. Und es gewinnt Grimm. 1,60 Sekunden liegt er vor dem Franzosen Fabien Lefevre.

Boukpeti sorgt trotzdem für eine Überraschung, eine Sensation sogar, denn er wird Dritter. Und ich behaupte mal: In Togo wird sein Name immer noch geläufig sein, während die Leute hierzulande vermutlich ins Grübeln geraten, wer denn erste deutscher Olympiasieger in Peking geworden ist.

Markus Tischler

Olympiasieger Frodeno - der Glücksmoment

Für Sportler sind olympische Glücksmomente die schönsten. Einerseits unvergesslich, andererseits selten zu wiederholen - und deswegen einmalig. So wird es auch Jan Frodeno gehen, wenn er an den 19. August 2008 denkt: 150 Meter vor dem Ziel des Triathlon-Wettbewerbs in Peking hatte der führende Kanadier Simon Whitfield einen kurzen Blick über die Schulter geworfen und eine kleine Unsicherheit signalisiert.

Olympiasieger Frodeno: Aus dem Windschatten
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Olympiasieger Frodeno: Aus dem Windschatten

Frodeno war wenige Sekunden später aus seinem Windschatten ausgeschert, hatte ihn überholt und stehengelassen, war über die Linie gesprintet, hatte sich das Zielband gegriffen, sein Glück hinausgeschrien und den Wettkampf mit einer Rolle vorwärts beendet. An jenem Dienstag wurde der 27-Jährige in Peking überraschend Triathlon-Olympiasieger. 1:48:53,29 Stunden benötigte er für anderthalb Kilometer Schwimmen, 40 Kilometer Radfahren und zehn Kilometer Laufen.

Rund ein Jahr zuvor war Frodeno nach dem Zieldurchlauf ebenfalls zu Boden gegangen. Bei der Weltmeisterschaft in Hamburg war er von Krämpfen geplagt zusammengebrochen - um wenig später zu jubeln: "Sechster Platz ist absolut gigantisch, ich fahre zu den Olympischen Spielen." Weltmeister wurde Landsmann Daniel Unger – eine Sensation. In Peking tauschten beide die Plätze, Unger lief auf Rang sechs. Und dabei war Frodeno nicht mit dem besten Gefühl nach China gereist. Wenige Tage vor der WM in Hamburg hatte er von einem Probewettkampf in Peking erzählt: Die Luftverhältnisse bezeichnete er sarkastisch als "Knüller", berichtete von akuter Atemnot im Ziel, einen Zusammenbruch und der notwendigen Versorgung mit reinem Sauerstoff. Als aber der olympische Triathlon gestartet wurde, zeigte sich der Himmel über dem Ming Tombs Reservoir in schönstem Blau, verziert durch einige kleine Quellwolken. Gute Bedingungen, trotz über 30 Grad Hitze und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Und es bot sich dasselbe spektakuläre Bild wie bei jedem Triathlon: Dutzende Athleten sprangen zeitgleich ins Wasser und wühlten es auf, der einzelne Wettkämpfer war nicht mehr auszumachen. Ein Hauen und Stechen begann, ein Kampf überhalb und unterhalb der Wasseroberfläche. Frodeno stieg als zwölfter aus dem Wasser, schlüpfte in die Schuhe und stieg auf sein Fahrrad, absolvierte die Strecke unauffällig hinter der Spitze.

Das Laufen: Einer ersten Attacke verweigerte sich der in Köln und Südafrika aufgewachsene Frodeno erneut. Er wollte seine Reserven nicht zu früh angreifen: "Wenn man einmal bei Hitze überzieht, erholt sich der Körper einfach nicht mehr", so Frodeno. Er lief konstant, lief sein Rennen. Schloss zur Spitzengruppe auf, löste sich gemeinsam mit Whitfield und wartete auf den richtigen Moment. Seinen olympischen Glücksmoment.

Frieder Schilling

Deutsche Hockey-Herren - viel leisten, viel feiern

Es muss eine Erlösung gewesen sein. Ein unfassbare, für den normalen Menschen nicht nachvollziehbare Erlösung. Der Lohn der harten Arbeit, der Entbehrungen, der Disziplin. Spieler und Trainer lagen sich in den Armen. Als die Schiedsrichter das Hockey-Finale der Olympischen Spiele abpfiffen, kannte der Jubel im deutschen Lager keine Grenzen mehr. Das Team von Bundestrainer Markus Weise hatte gegen Spanien die Goldmedaille gewonnen. Für einen Sportler gibt es nichts Wertvolleres. Und dieses Team hatte sich dieses goldene, runde Etwas wahrlich verdient.

Jubelnde Hockey-Herren: Belohnungsprinzip als Erfolgsformel
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Jubelnde Hockey-Herren: Belohnungsprinzip als Erfolgsformel

Fast 200 Lehrgänge absolvieren die Hockey-Herren im Jahr. Nun gut, man könnte sagen, dass dies von leistungsorientierten Sportlern auch zu erwarten sei – doch handelt es sich bei den Spielern um keine Vollzeitprofis. Die meisten studieren oder machen eine Ausbildung, einige sind auch schon im Beruf. Christopher Zeller, der im Finale (1:0) das entscheidende Tor schoss, quälte sich über Jahre hinweg morgens vor der Uni auf dem Hockeyplatz - vor den Seminaren und Vorlesungen hatte er meist schon mehrere hundert Ecken geschossen. Florian Keller bekam von seinem Arbeitgeber die Möglichkeit - ebenfalls am Vormittag - Kondition zu bolzen. Immer mit dem klaren Ziel vor Augen: Gold in Peking.

Dieser Einsatz, dieser unbändige Wille und dieser Erfolg sind schon seit Jahren ein Markenzeichen der deutschen Nationalmannschaft: Weltmeister 2002 in Kuala Lumpur, Olympische Bronzemedaille 2004 in Athen, Weltmeister 2006 in Deutschland - Die Hockey-Herren sind das erfolgreichste deutsche Team der vergangenen Jahre.

Andere Nationen, wie die Niederlande, Pakistan und Indien, fragten sich natürlich irgendwann - woran liegt das? Um die Antwort darauf zu finden verbrachte fast der gesamte Nationalmannschaftskader Indiens ein halbes Jahr in Deutschland, um in Bundesliga, Zweite Bundesliga und Regionalliga nach dem bestimmten "Etwas" zu suchen: dem Sieger-Gen.

Gefunden haben sie es nicht – Indien war für Olympia 2008 nicht qualifiziert.

Vielleicht fehlt ihnen auch eine andere Eigenschaft, die die deutschen Amateure besitzen: Sie können feiern - wie nach dem Finalsieg eindrucksvoll unter Beweis gestellt wurde. Im deutschen Haus, in "Waldi und Harrys" Olympia-Studio, auf den unzähligen Festen in den Heimatclubs der Olympioniken.

Eigentlich eine einfache Formel: Wer viel leistet, darf auch viel feiern. Ein Belohnungsprinzip - vielleicht ist dies das Geheimnis der deutschen Erfolge.

Benjamin Knaack

THW-Spieler Stefan Lövgren - 18 Tore in einem Spiel

Stefan Lövgren hat ein Problem. Das Aufstehen. Am Morgen nach einem Handballspiel tut ihm "erst mal alles weh". Stefan Lövgren ist Kapitän des THW Kiel, Schwede und 38 Jahre alt. Am Morgen des 14. September, einem Sonntag, dürfte ihm das Aufstehen leicht gefallen sein - trotz der Schmerzen vom Vortag. Vom 42:40-Erfolg seiner Kieler bei den Rhein-Neckar-Löwen in Mannheim. Denn in dieser Partie hat Stefan Lövgren 18 Tore erzielt.

Handballer Lövgren: Gut geworfen, "Löwe"
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Handballer Lövgren: Gut geworfen, "Löwe"

18 Tore in einem Spiel. Fast alle drei Minuten ein Treffer. Die Bundesliga-Bestmarke von Jerzy Klempel hat Stefan Lövgren damit nur um ein Tor verpasst. Der Pole, Mitte der Achtziger dreimal Bundesliga-Torschützenkönig, traf am 4. Juni 1983 für Göppingen 19-mal beim 27:28 gegen TuS Hofweiler.

Das Erstaunliche an Lövgrens Leistung: Er ist kein typischer Torjäger. Zwölf Treffer in einem Spiel waren zuvor sein persönlicher Rekord. In rund 300 Bundesliga-Einsätzen für den THW gelangen ihm im Schnitt vier Treffer pro Partie. Lövgrens Stärken liegen eher in der Spielmacherrolle. Im Trikot mit der Nummer 10 lenkt er aus der Rückraummitte die Kieler Angriffe, ist Regisseur, Stratege und Kopf des Teams. Mit Übersicht und raffinierten Pässen bereitet er häufig Tore vor.

Gegen die Rhein-Neckar-Löwen warf "Löwe", wie er in Kiel genannt wird, den Ball vor allem selbst ins Tor. Nach Spielzügen, eleganten Körpertäuschungen, Tempogegenstößen oder einfach, weil ihm ein Abpraller vor die Füße fiel. Zehn Tore aus dem Spiel heraus, acht vom Siebenmeterpunkt - bei acht Versuchen. Der letzte zwei Minuten vor Schluss, beim Spielstand von 40:39. Lövgren drehte den Ball geschickt an seinem ehemaligen Mannschaftskollegen Henning Fritz vorbei, das Spiel war gewonnen. Was auch an Lövgrens Leistung in der Defensive lag. Aggressiv setzte er dort seine 101 Kilogramm, verteilt auf 192 Zentimeter Körpergröße, ein.

Dass Lövgren mit 38 Jahren in Top-Form aufläuft, hängt auch mit seinem Rücktritt aus der schwedischen Nationalmannschaft vor zweieinhalb Jahren zusammen. In der Partie bei den Rhein-Neckar-Löwen hatten viele Mit- und Gegenspieler noch mit den Strapazen der Olympischen Spielen zu kämpfen. Lövgren profitierte davon, dass er sich gezielt auf die Bundesliga-Saison vorbereitet hatte.

Es ist Lövgrens zehnte Spielzeit im THW-Trikot. Er führte die Kieler zum Champions-League-Triumph 2007, wurde sechsmal Deutscher Meister. In der aktuellen Bundesliga-Tabelle ist der THW den Verfolgern bereits wieder enteilt. Doch im Sommer ist für den Kapitän Schluss in Kiel. Ein Verlust für die Bundesliga, ein Gewinn für den schwedischen Ort Uddevalla. Dort wird Lövgren als Handball-Lehrer arbeiten - und vermutlich weniger Probleme mit dem Aufstehen haben.

Jens Witte

Bremen vs. Hoffenheim - der Wahnsinn von der Weser

Mesut Özil hatte sich eine Woche zuvor beim 5:2-Auswärtssieg von Werder Bremen gegen den Rekordmeister aus München schon warm geschossen: In der 54. Minute nahm der damals noch 20-Jährige den Ball in Strafraumnähe an und jagte den Ball mit links zum 3:0 hoch ins kurze Eck.

Torschütze Özil (M.): Mit links ins kurze Eck.
REUTERS

Torschütze Özil (M.): Mit links ins kurze Eck.

Am 6. Spieltag der Fußball-Bundesliga traf Werder im Weserstadion nun auf das Überraschungsteam der Hinrunde, 1899 Hoffenheim. Der Aufsteiger hatte bereits zuvor mit sehenswertem Angriffsfußball für Aufsehen gesorgt und lag in der Liga bereits auf Tabellenplatz zwei. Zuletzt hatten sie Borussia Dortmund beim 4:1 keine Chance gelassen.

Acht Minuten waren in Bremen gespielt, als Özil nach Doppelpass mit Aaron Hunt aus beinahe identischer Position wie in München zum Abschluss kam und mit seinem Tor eine denkwürdige Offensivorgie einleitete. Beide Teams lieferten sich über die gesamte Spielzeit einen offenen Schlagabtausch, der außer neun durchweg sehenswerter Tore auch noch reichlich Kabinettstückchen und Torwartparaden der Extraklasse zu bieten hatte.

Claudio Pizarro erhöhte die Bremer Führung mit einem Hackentreffer und auch Aaron Hunts Distanzschuss in den rechten Winkel hätte an jedem gewöhnlichen Bundesliga-Spieltag zum "Treffer des Tages" gereicht. Hoffenheim traf dreimal Aluminium, glich nach einem 1:4-Rückstand noch einmal aus und verlor am Ende doch 4:5. "Ich bin brutal enttäuscht über das Ergebnis", sagte Trainer Ralf Rangnick nach der Partie, "hier war viel mehr möglich: Das ist eine riesengroße Enttäuschung."

"Dieses Ergebnis bedeutet, dass viele Dinge falsch gelaufen sind, aber vieles hat auch geklappt", bilanzierte Bremens Manager Klaus Allofs. Die Werder-Tormaschine lief in diesem Spiel mal wieder auf Hochtouren, doch wer in dem Spektakel den Überblick behalten hatte, konnte bereits erahnen, dass die Anfälligkeiten in der Werder-Abwehr die Mannschaft im Laufe der Saison noch um viele Punkte bringen sollte.

Fünf Tore sind auch für Diego, Pizarro und Co. nicht im Wochentakt möglich. Hoffenheim zahlte den Preis für das bedingungslose Offensivspiel. Sie ließen sich auf einen Schlagabtausch ein, wollten die Gastgeber übertrumpfen und verloren am Ende die Punkte. Doch langfristig gesehen ging der Aufsteiger aus diesem Spiel als Gewinner hervor, um das Wissen reicher, sich nicht dem Angriffsrausch hinzugeben, so schön es auch anzusehen war.

Den letzten Treffer der Partie erzielte übrigens wieder Mesut Özil. Mit links traf er zum 5:4, links oben ins kurze Eck.

Lukas Rilke

Formel-1-Finale - der 39-Sekunden-Weltmeister

Im Internet kann man ein Video ansehen, das fast alles über die Dramatik des Formel-1-Finals am 2. November 2008 in São Paulo aussagt. Da reißt ein völlig außer Rand und Band geratener Ferrari-Mechaniker seine jubelnden Teamkollegen wütend am Arm, brüllt immer wieder "No! No!" und zertrümmert am Ende wütend eine Leuchtreklame.

Regenfinale in Brasilien: Ein Mechaniker rastet aus
AFP

Regenfinale in Brasilien: Ein Mechaniker rastet aus

Es war allerdings auch kaum zum Aushalten, was während der letzten zwei Rennrunden beim Großen Preis von Brasilien geschah.

Die Ausgangslage: Lewis Hamilton im McLaren-Mercedes wird Weltmeister, wenn er mindestens Platz fünf belegt - einen Sieg des Lokalmatadors Felipe Massa im Ferrari vorausgesetzt.

Im Rennen passierte lange wenig. Massa, der von der Pole Position gestartet war, dominierte den Grand Prix, Hamilton steuerte souverän und risikolos auf einen vierten, notfalls fünften Platz zu. Doch dann begann es zu regnen, Reifen wurden gewechselt (oder auch nicht), und die letzten Umläufe auf dem Kurs von Interlagos boten alles, um selbst gestandene Mechaniker völlig aus der Fassung zu bringen.

Weil Toyota-Pilot Timo Glock nicht an die Box gekommen war, lag Hamilton nur noch auf dem gefährlichen Platz fünf. Die plötzliche Unsicherheit des Briten war selbst am Fernsehschirm zu spüren. Denn hinter ihm raste mit Sebastian Vettel der gefürchtetste Regenpilot und zugleich brillanteste Fahrer der Saison heran. Der 21-Jährige hatte auf nasser Piste in Monza als jüngster Fahrer bislang ein Formel-1-Renne gewonnen, sein Selbstbewusstsein schien grenzenlos. Jeder andere hätte in diesem Moment wohl hinter Hamilton innegehalten, Vettel griff an.

Sein Vorhaben, den Britenzu überholen, erschien allerdings lächerlich. Beide Piloten fuhren auf Regenpneus, der McLaren-Mercedes war Vettels Toro Rosso an Leistung haushoch überlegen. Doch es passierte genau das, was in der technikfixierten und vermeintlich bis auf die Hundertstelsekunde berechenbaren Formel 1 eigentlich nicht passieren kann: Hamilton fiel förmlich in sich zusammen, Vettel trickste links, rechts und zog dann mit einer Leichtigkeit vorbei, als hätte sein Wagen 100 PS mehr.

Es war die 69. von 71 Runden, es war die drittletzte Runde der gesamten Saison, in der Hamilton alles zu verlieren schien. Hilflos und verzweifelt wirkten seine Versuche, Vettel wenigstens wieder einzuholen, der vor ihm über die nasse Piste wirbelte.

Als Massa kurz darauf über die Ziellinie fuhr, warder Brasilianer Weltmeister - und der Jubel in der Ferrari-Box grenzenlos. Doch 850 Meter vor dem Ziel, in der letzten Kurve der Saison, tauchte vor Hamilton plötzlich ein dahinschleichendder Glock auf, der seinen Wagen mit den Trockenreifen kaum noch kontrollieren konnte. Selbst auf einer Autobahn hätte er in diesem Moment die rechte Spur benutzen müssen. Vettel fuhr vorbei auf Platz vier, Hamilton fuhr vorbei auf Platz fünf, und in der Ferrari-Box ging einiges zu Bruch. Es war die knappste WM-Entscheidung der Formel-1-Geschichte. 39 Sekunden lang war Felipe Massa Weltmeister - und bewies Größe, als er den unglücklichen Glock später an wütenden brasilianischen Fans vorbei von der Strecke schleuste. Zweieinhalb Runden lang aber hatte die Formel 1 in all ihrer Faszination gezeigt, wie wenig ein Auto manchmal wert ist. Und wie entscheidend der richtige Fahrer und die falsche Taktik sein können.

Jörg Schallenberg

Paul Biedermann - schneller als das Thorpedo

Michael Groß, Ian Thorpe, Michael Phelps, Paul Biedermann: Was die Erfolge angeht, passt der 22-Jährige aus Haale an der Saale sicher noch nicht in diese Reihe. Aber wie die drei Erstgenannten vor ihm darf auch dieser Biedermann sich Weltrekordhalter über 200 Meter Freistil nennen.

Schwimmer Biedermann: Schneller Deutscher
AP

Schwimmer Biedermann: Schneller Deutscher

Mit der Bestzeit vom 16. November 2008 krönte Biedermann seine bislang erfolgreichste Saison: Im Frühjahr holte er den EM-Titel über 200 Meter Freistil und knackte dabei Groß' 24 Jahre alten Deutschen Rekord. Und nach Platz fünf bei den Olympischen Spielen machte er im November beim Kurzbahn-Weltcup in Berlin erneut die Welle: Ebenfalls über 200 Meter Freistil schlug er nach 1:40,83 Minuten an und ist auf dieser Strecke nun der schnellste der Mann der Welt.

Biedermann verbesserte die fast neun Jahre alte Bestmarke des Australiers Ian Thorpe um 27 Hundertstel Sekunden. Dies hatte sich bei dem Kurzbahn-Weltcup in Berlin eigentlich der tunesische Olympiasieger über diese Distanz, Oussama Mellouli, vorgenommen. Doch mit einer Mischung aus frecher Unbekümmertheit und gesundem Selbstbewusstsein führte Biedermann den Tunesier vor und war im Anschluss selbst überrascht.

"Ich habe vorher mit meinem Trainer geflachst, dass ich dann gleich mal Weltrekord schwimme. Aber dass ich so schnell sein kann, wusste ich nicht", gab der 22-Jährige später zu. Seine bisherige Bestmarke unterbot Biedermann um mehr als 1,5 Sekunden, allerdings in einem völlig neuen Ganzkörperanzug der Firma "Arena". Überraschend kam der Weltrekord trotzdem, da Biedermann aus dem vollen Training in Berlin an den Start ging. "Und nach Peking hatte ich sechs Wochen erstmal gar nichts gemacht."

Für den neuen Bundestrainer Dirk Lange ist die Entwicklung jedoch kein Zufall. "Paul springt ins Wasser und will gewinnen. Das macht schon seine Körpersprache deutlich." Früher sei er ein Mitschwimmer gewesen, mittlerweile sei er zu einer Persönlichkeit gereift, ein Siegertyp geworden. Vielleicht darf sich Biedermann dann irgendwann auch nicht nur aufgrund eines Weltrekords bei Groß, Thorpe und Phelps einreihen.

Markus Carstens

St.-Pauli-Stürmer Sako - vom Mitläufer zum Matchwinner

Regen peitscht über das Hamburger Millerntor. Der Himmel ist grau, die Kälte kriecht von den spakigen Holzdielen der Gegengeraden nach und nach die Beine hoch. Trotz Handschuhen habe ich die Finger unter den Unterschenkeln eingeklemmt, vor mir schimpft ein Rentner mit Totenkopfmütze. Eigentlich ist der Nikolaus bereits seit einem Tag Vergangenheit, doch auf St. Pauli gibt es auch am 7. Dezember Geschenke. In der 70. Minute der Partie zwischen dem FC St. Pauli und der TuS Koblenz springt der Hamburger Verteidiger Ralph Gunesch seinem Gegenspieler Matthew Taylor in den Rücken. Beim Stand von 1:1 gibt es einen unstrittigen Elfmeter, Matej Mavric verwandelt zum 1:2. Was für ein dummes Foul, was für ein unnötiger Rückstand.

St. Pauli-Stürmer Sako (3.v.r.): Matchwinner gegen Koblenz
DPA

St. Pauli-Stürmer Sako (3.v.r.): Matchwinner gegen Koblenz

Doch es kommt noch dicker. Morike Sako läuft sich warm. Eigentlich steht man als Fan ja bedingungslos hinter seiner Mannschaft und auch zu den Schwächeren im Team. Doch als St.-Paulianer muss man da alle Jahre wieder eine Ausnahme machen. Ich erinnere nur an den brasilianischen Wunderstürmer Marcao (19 Bundesligaspiele, zwei Tore, null Laufbereitschaft) oder an Steffen "Eisen" Karl (ein Wettskandal, null Laufbereitschaft). Jetzt also Sako. "Wenn Sako eingewechselt wird, fahre ich nach Hause", rufe ich durch den halben Block.

In der 76. Minute ist es dann soweit. Der 2,02-Meter-Mann, der vor knapp zwei Jahren vom AFC Rochdale aus der vierthöchsten englischen Spielklasse ans Millerntor kam, brachte es seither auf ein Tor in der Liga und eins im Pokal. Das alleine wäre natürlich kein Kriterium für meine Abneigung. Es ist vielmehr, dass Sako technisch arg limitiert ist und trotzdem ständig eingewechselt wird. Trotz seiner Größe ist ein Kopfballspiel bei ihm nicht existent, wenn er versucht zu flanken, muss man sich Sorgen um sein Auto auf dem benachbarten Heiligengeistfeld machen. Kurzum: Mit Fußball haben seine Einsätze meist nicht viel zu tun.

"Wolltest du nicht gehen?", fragt einer von unzähligen Sako-Sympathisanten mit einer gehörigen Portion Besserwisserei in der Stimme und piekt mir mit dem Finger in die Seite. "Ja ja, großes Maul, nichts dahinter", klage ich mich selber an und friere weiter in meiner Sitzschale ganz außen auf der Gegengeraden. Die Zeit läuft gegen uns, sechs Minuten bleiben noch. Da plötzlich, Gewühl im Strafraum, Ebbers bekommt den Kopf an den Ball, der springt zwei Hamburgern vor die Füße, einer von ihnen zieht ab und trifft. Erst beim Jubeln merke ich, dass es Sako war, der den Ausgleich erzielt hat.

Die folgenden Minuten bis zum Schlusspfiff werden die Hölle für mich. "Wolltest du nicht schon zu Hause sein", ist noch das netteste, was mir die Sako-Sympathisanten entgegenbringen. Kurz vor dem Ende der Nachspielzeit wird es dann noch einmal hektisch. Ich sehe Sako, der mit einem Kopfball knapp am gegnerischen Torwart scheitert und dann sehe ich, wie Marcel Eger den Abstauber ins Netz drischt - zum 3:2. Was für ein Jubel. Einer der Sako-Sympathisanten erdrückt mich fast. Da hatte also wirklich dieser Morike Sako soeben das Spiel nicht nur gedreht, sondern auch mit entschieden.

Beim Rausgehen höre ich die Gegengerade "You'll never walk alone" singen. Kurzzeitig steigt in mir das Gefühl der guten alten Zeiten auf, als dieses Lied nach einem Bundesliga-Sieg gegen Bayern durch das Stadion hallte. "Wer soll uns jetzt noch stoppen", denke ich in Bezug auf einen möglichen Bundesliga-Aufstieg. Zu Weihnachten wünsche ich mir warme Handschuhe - und ein Sako-Trikot.

Mike Glindmeier

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