Hoffnungsträgerin Petkovic Siegen gegen die Tennis-Tristesse

Deutschlands Tennis darbt, seit Steffi Graf hat der Sport keinen echten Star mehr hervorgebracht. Jetzt schickt sich Andrea Petkovic an, ihr Erbe anzutreten - eine Mammutaufgabe für die 23-Jährige.

REUTERS

Von , Stuttgart


Es ist eine kleine Gruppe, die um die Mittagszeit das Nobelhotel in der Stuttgarter Innenstadt betritt: Barbara Rittner, Teamchefin des deutschen Fed-Cup-Teams, kommt als Erste durch die Drehtür in die Lobby, es folgen die deutschen Tennisspielerinnen. Ein Stuttgarter Edelsponsor hat sie Mitte der Woche aus der benachbarten Arena herbeichauffiert, in der an diesem Wochenende die deutschen Tennisdamen die USA schlagen sollen (Samstag ab 13 Uhr). Es ist ein Vergleich zweier Mannschaften im Tennis, ein Nationenwettbewerb, bei dem sich letztlich dann doch alles nur um eine einzelne Person drehen wird: Andrea Petkovic.

Die 23-Jährige sticht heraus in diesen "verrückten Tagen", wie sie selbst sagt. Für Sabine Lisicki, Julia Görges und Anna-Lena Grönefeld, die auch für Deutschland spielen, sind nur Nebenrollen vorgesehen.

"Petko", wie sie gerne mal bezeichnet wird, ist gerade obenauf. Beim Masters-Turnier in Miami hat sie das Halbfinale erreicht, hatte zuvor die Weltranglisten-Führende Carolin Wozniacki bezwungen. Nur knapp war die 19. an der deutlich besser platzierten Maria Scharapowa gescheitert. Nun ist Petkovic nach ihren jüngsten Erfolgen zurück in Deutschland.

Das heimische Publikum will nicht nur Siege von ihr sehen. Es gibt die riesige Sehnsucht nach einer neuen deutschen Tennis-Heldin. Und Petkovic soll diese Rolle übernehmen. Der Vergleich mit Steffi Graf ist allgegenwärtig. Mit jener "Über-Frau" des deutschen Tennis also, die in ihren Leistungen (22 Grand-Slam-Siege) wohl auf lange Sicht unerreicht bleiben wird. Auch die Namen Becker und Stich fallen immer wieder, wenn eigentlich von Petkovic die Rede ist.

Der Hype nimmt zu, die Erwartungen steigen

Petkovic unternimmt alles, um locker zu bleiben. Sie wirkt im Gespräch gelassen und reflektiert. Sie ist eloquent. Auch deshalb gilt Petkovic, die Einser-Abiturientin, die eigentlich Jura studieren sollte, als der "etwas andere Tennis-Star".

"Für mich ist es jetzt wichtig, zu begreifen, auch einmal nein zu sagen", sagt Petkovic. Man merkt ihr bei diesen Worten an, wie sie innerlich an Strategien arbeitet, die es ihr leichter machen, mit den äußeren Einflüssen klarzukommen. "Früher war ich lockerer", gibt sie zu. "Ich bin einfach noch sehr gespannt darauf, zu sehen, wo ich eigentlich hineingeraten bin", sagt Petkovic, die immer noch bei ihrer Familie in Griesheim bei Darmstadt wohnt.

Sie selbst steckt sich die größten Ziele. "Mich stört es wenig, wenn sich Menschen über meine Art den Mund zerreißen. Hauptsache, ich bleibe mir immer wieder treu", sagt sie. So lästerte Scharapowa unlängst nach ihrem Sieg gegen Petkovic über ihre Kontrahentin. "Ich habe gemerkt, dass sie müde wurde - wahrscheinlich von ihrem vielen Getanze." Petkovic feiert ihre Siege stets mit einer Tanzeinlage und spricht selbst vom "Petko-Dance". Ihren Fans gibt sie sogar per Video die nötige Anleitung.

Petkovic steht im Rampenlicht - und sie weiß es für sich zu nutzen. Dabei verlief ihre Karriere jahrelang eher holprig und jenseits des Medieninteresses. Mit Mutter Amira und Schwester Anja war sie schon länger im Tenniszirkus unterwegs, als sie 2006 einen schweren Rückschlag hinnehmen musste. Bei den Australian Open erlitt sie damals einen Kreuzbandriss. Die Laufbahn schien vorbei zu sein, ohne richtig begonnen zu haben. Ein Jahr Pause folgte, Petkovic arbeitete hart an Psyche und Physis. Eine lehrreiche Zeit, die ihr jetzt dabei hilft, den weiteren Werdegang überlegt zu planen. Sie sei ja eigentlich erst in ihrem "zweiten Jahr auf der WTA-Tour", sagt Petkovic. Klar ist: Sie besitzt noch Steigerungspotential, spielerisch ist mehr drin.

Für den nächsten Sprung soll nun ihr Umfeld sorgen. Vater Zoran, der sie lange drängte, eine akademische Laufbahn einzuschlagen, ist seelischer Beistand, sportlicher Berater, Finanzplaner. Ihr Mentaltrainer Holger Fischer hat ihr in langen Sitzungen beigebracht, negative Emotionen erfolgreich zu bekämpfen. Coach Petar Popovic soll den sportlichen Erfolg sichern.

Vor allem aber treibt sich Petkovic immer wieder selbst an. Sie will besser werden und nutzt dafür jede Gelegenheit. Das mag ein Trainingsspiel mit Graf in Las Vegas sein oder ein Gespräch mit Novak Djokovic. Der derzeit wohl beste Tennisspieler der Welt riet ihr, bei der Ernährung auf Zucker zu verzichten. Petkovic hört zu, nimmt Anregungen auf und bleibt dennoch weiter selbstbestimmt.

Es wirkt, als habe Petkovic eine Mission. "Tennis in Deutschland ist ein schlafender Riese, der abhängig ist von einzelnen Persönlichkeiten. Ich sehe mich als kleines Rädchen und habe den richtigen Weg eingeschlagen. Der aber ist noch verdammt lang", sagt sie. Danach bricht sie zum nächsten Training auf. Es soll ja weitergehen. Es muss.



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egils 15.04.2011
1. Naja...
der hype nimmt zu...? kaum jemand in Deutschland interessiert sich nocht fuers Tennis.Den "Hype" der Boris & Steffi tage kann man nicht wiederholen. Es ging dabie nie nur ums tennis. boris war ger "Youngster" der mit 17 Wimbledon gewann, und zur selben Zeit hatte man auch im damentennis eine groesse... Hier eine renaissance zu versuchen ist zum scheitern verurteilt und wird zwanghaft von ein paar Sportfunktionaeren im tennisverband herbeigeredet und geschrieben. Mehr verzweiflung als tatsache. bis zum diesem Artikel wusste ich nicht einmal das am samstag ein FedCup Spiel ansteht. ich wuensche der jungen Dame alles Gute, aber Tennis wird nie mehr eine top-sportart fuer die deutschen. Vorbei ist vorbei!
Wolfgang Jung 15.04.2011
2. Wer ist Carolin Wozniacki?
Zitat von sysopDeutschlands Tennis darbt, seit Steffi Graf hat der Sport keinen echten Star mehr hervorgebracht. Jetzt schickt sich Andrea Petkovic an, ihr Erbe anzutreten - eine Mammutaufgabe für die 23-Jährige. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,757130,00.html
Ich würde sagen, der Welttennissport bei den Frauen darbt. Wer kennt denn heute noch die wöchentlich wechselnden Namen der jeweiligen Weltranglistenersten. Wer zum Teufel ist Carolin Wozniacki. Höre den Namen heute zum ersten Mal (und ich lese regelmäßig den Sportteil meiner Zeitung :-)).
WhereIsMyMoney 15.04.2011
3. ....
Zitat von sysopDeutschlands Tennis darbt, seit Steffi Graf hat der Sport keinen echten Star mehr hervorgebracht. Jetzt schickt sich Andrea Petkovic an, ihr Erbe anzutreten - eine Mammutaufgabe für die 23-Jährige. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,757130,00.html
1. Interessiert sich niemand für Frauen-Tennis des Sports wegen. 2.Ist Petkovic nur noch peinlich. Was soll dieser Tanz? Nicht dass ich so was schauen würde, habe nur mal in den "Nachrichten" gesehen dass sie tanzt. Ich schaue, wenn überhaupt, Sharapova. Die ist wirklich heiss.
yomow 15.04.2011
4. Titel
Ich habe sie Anfang des Jahres Live im TV bei den Australian Open gesehen, als sie eines ihrer Matches dort gewonnen hat. Ich kann nur sagen: Die Frau sieht nicht gut gut aus, sie ist auch lustig und intelligent und das macht sie überaus sympathisch. Die hat die ganze Arena im Interview nach dem Match für 5 Minuten bestens unterhalten. Das war wirklich lustig. Ich interessiere mich sonst nicht für Tennis, aber wenn sie spielt und es hier in D auch mal wieder gezeigt wird, würde ich es gucken. Die Frage ist allerdings tatsächlich, ob wegen ihr oder des Sports wegen.... Ich wünsche ihr dennoch viel Erfolg und schade, dass sie ihren Dance nicht mehr vollführt.
remaininlight 15.04.2011
5. ...
an meine Vorredner ! Ein wenig Optimismus wäre angebracht. Und der Tanz ist doch ok, jeder zeigt auf seine Art seine Emotionen. Frau P. ist in meinen Augen zudem sympathisch und hat die Bodenhaftung noch nicht verloren. Bleibt hoffentlich so. Viel Glück den Damen im Davis-Cup !
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