HSV Hamburg vor Saisonstart Vom Jäger zum Gejagten

Der HSV Hamburg befindet sich in einer bislang unbekannten Situation: Der Club geht erstmals als Titelverteidiger in eine Handball-Saison. Personalwechsel und Verletzungspech machen den Start aber schwierig. Serienmeister THW Kiel lauert schon auf Ausrutscher.

HSV Hamburg-Trainer Carlén: Schweres Erbe angetreten
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HSV Hamburg-Trainer Carlén: Schweres Erbe angetreten

Von Benjamin Gehrs


Druck? Nein, Druck verspürt Per Carlén nicht. Bei der Pressekonferenz der Nordclubs zum Saisonauftakt hat er die Arme vor der Brust verschränkt, sich in seinem Stuhl zurückgelehnt. Wenn man dem Trainer des HSV Hamburg glauben mag, dann sind auch die zusammengezogenen Augenbrauen und die in Falten gelegte Stirn kein Ausdruck besonderer Anspannung. Für ihn, sagt er, sei die kommende Saison nicht anders als alle bisherigen in seiner Karriere.

Dabei hat Carlén den HSV Hamburg just nach jener Spielzeit übernommen, in der der Club zum ersten Mal in seiner kurzen Vereinsgeschichte den Meistertitel in der Handball-Bundesliga gewinnen konnte. Und mit der Meisterschale in der Vitrine ist der Anspruch an die Mannschaft gestiegen: Jetzt soll die Titelverteidigung her. Carlén steht unter Druck, ob er das zugeben will oder nicht.

"Einmal kann jeder" gibt der neue Präsident und Geschäftsführer Martin Schwalb die Zielsetzung für die Saison 2011/2012, die am kommenden Wochenende beginnt, vor - und macht das Erbe, das er als Meistertrainer Carlén hinterlassen hat, noch ein bisschen schwerer. Für die Mission Titelverteidigung hat der Verein sein Budget um eine halbe Million auf neun Millionen Euro erhöht, seinen ohnehin schon gut bestückten Kader mit dem Sohn von Trainer Carlén, Oscar, und Torhüter Dan Beutler verstärkt.

Drei Rückraumspieler fehlen dem HSV Hamburg zum Saisonstart

Doch kurz vor Saisonbeginn stehen einige Fragezeichen hinter dem gewünschten Saisonverlauf für den Club. Das Team muss sich nach sechs Jahren unter Martin Schwalb auf die Vorgaben eines neuen Trainers einstellen, die Neuzugänge müssen in die Meistermannschaft integriert werden.

In der vergangenen Saison spielte der HSV Hamburg auch deshalb so konstant, weil er vom ganz großen Verletzungspech verschont blieb. In dieser Spielzeit fallen hingegen mit Michael Kraus, Oscar Carlén und wohl auch Marcin Lijewski bereits zum Saisonauftakt gegen Lübbecke drei wichtige Rückraumspieler aus. Kraus, der sich bei einem Autounfall verletzt hatte, und Carlén sind nach Bänderrissen im Knie sogar erst in vier bis sechs Wochen wieder dabei.

Ein anderes Problem ist hingegen hausgemacht: Mit der Berufung von Meistertrainer Martin Schwalb zum Präsidenten und Geschäftsführer des Vereins hat man eine Struktur mit Konfliktpotenzial geschaffen. Der Vorgänger als Vorgesetzter seines Nachfolgers - das kann nur gutgehen, solange es auch gut läuft. Bei allen wichtigen Entscheidungen dürfte zudem auch in Zukunft Mäzen und Ex-Präsident Andreas Rudolph das letzte Wort haben.

Zwar betont Schwalb regelmäßig, dass er sich nicht in die Arbeit von Carlén einmischen werde. Aber was, wenn der neue Trainer die Mannschaft nicht schnell genug auf Kurs bringt? Mit den Füchsen Berlin und den Rhein-Neckar Löwen bekommt es das Team schon am zweiten und dritten Spieltag mit starken Gegnern zu tun.

THW Kiel hat das erste Prestigeduell gewonnen

Viele Punkte wird der HSV in dieser Saison nicht liegenlassen können. Der THW Kiel will die Meisterschale um jeden Preis zurück. Und der dortige Trainer Alfred Gislason kann endlich wieder aus dem Vollen schöpfen.

"Letzte Saison hatte der HSV Hamburg ein bisschen Glück, dass wir so viele Verletzungen hatten", erklärt Gislason die für Kieler Verhältnisse schwache Punkteausbeute der vergangenen Spielzeit. Nun aber sind die Langzeitverletzten Daniel Narcisse und Kim Andersson gesund, für den Coach sind die Rückkehrer "wie zwei Neuzugänge".

Auf "echte" Neuzugänge hat der THW hingegen verzichtet. Auf der Position des Kreisläufers hätte man sich zwar gerne verstärkt, aber ein hochkarätiger Vertreter für Kapitän Markus Ahlm war nicht zu bekommen. Dagegen verkündete der Verein, dass mit Thierry Omeyer 2013 nach Nikola Karabatic und Vid Kavticnik ein weiterer Weltklassespieler Kiel in Richtung HB Montpellier verlässt.

Das Hinrundenduell gegen den HSV Hamburg sieht der Spielplan für den 11. Dezember vor. Bis dahin wird der Hamburger Kader voraussichtlich wieder komplett sein. "Jeder weiß, was passiert, wenn die Verletzten zurückkommen. Dann sind wir eine Maschine", gibt sich Coach Carlén selbstbewusst.

Ein erstes Aufeinandertreffen der beiden Titelanwärter hat bereits stattgefunden: Beim Supercup konnten sich die Kieler 24:23 gegen den Konkurrenten durchsetzen. "Wir haben gegen Ende ein paar leichte technische Fehler gemacht", erklärt Carlén die Niederlage im Prestigeduell.

Viel Zeit, an Details zu arbeiten, bleibt dem Coach nicht mehr. Sollte sein Club in den ersten Spielen patzen, dürfte es beim HSV Hamburg schnell unruhig werden. Schließlich verlor das Team unter Carléns Vorgesetztem Schwalb in der Meistersaison nur zwei Spiele und spielte zweimal Unentschieden.

Mit Material von sid



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