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HSV-Coach Schwalb: Voller Einsatz an der Linie

Foto: SVEN KAESTNER/ ASSOCIATED PRESS

HSV-Handball-Coach Schwalb "Wir haben zwei Robben und zwei Ribéry"

In der Champions League trifft sein Team auf Topfavorit Ciudad Real. HSV-Handball-Coach Martin Schwalb spricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE über die Führung einer Mannschaft voller Stars, den umworbenen Krzysztof Lijewski und Rehabilitation auf Honolulu.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schwalb, ihr Halbfinalgegner in der Champions League, Ciudad Real, ist in Liga und Europapokal diese Saison noch ungeschlagen. Wie wollen Sie das ändern?

Schwalb: Es wäre Quatsch zu sagen, ich weiß, wie es ganz sicher funktioniert. Aber wichtig ist, dass man gegen diese aggressive Abwehr mit viel Selbstvertrauen spielt, viel Bewegung ohne Ball schafft, die Konzentration über 60 Minuten hochhält. Wir sind mit Ciudad auf Augenhöhe.

SPIEGEL ONLINE: Sicher gilt das für Kiel und die Bundesliga. Wie groß ist die Sehnsucht nach der Deutschen Meisterschaft?

Schwalb: Sehnsucht habe ich nach meiner Familie, nicht nach irgendwelchen Titeln. Aber für die Fans hätte es eine sehr große Bedeutung, wenn wir Meister würden.

SPIEGEL ONLINE: Wie schaffen Sie es, die Mannschaft auf den relativ eintönigen Meisterschaftschaftskampf, wo es ja praktisch mit dem THW Kiel nur einen Gegner gibt, einzustellen?

Schwalb: Da braucht man als Trainer sehr viel Mitwirkung der Spieler. Wenn die das nicht verstehen, kannst du erzählen, was du willst. Wenn die den Mannschaftsgeist nicht mitbringen, wirst du das niemals schaffen. Wir sind nicht zusammen, um bei irgendwelchen leichten Aufgaben zu scheitern. Meine Mannschaft hat das verstanden.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Team stehen etliche Führungsspieler. Wie schafft man es, dass alle an einem Strang ziehen?

Schwalb: Wir haben hier praktisch zwei Robben und zwei Ribéry. Grundsätzlich musst du als Trainer einen Weg vorgeben. Denn die Jungs hinterfragen erst einmal alles. Und wenn du Antworten hast, dann hast du deren Respekt.

SPIEGEL ONLINE: Also wird getan, was Sie sagen?

Schwalb: Nicht ganz. Es kann nicht sein, dass ich alleine vorne weg marschiere. Es kann aber auch nicht sein, dass ich sie machen lasse. Denn dann würde es tatsächlich so aussehen, dass die zwei polnischen Spieler sagen, wir machen es so und die drei aus Kroatien sagen, wir machen es aber so.

SPIEGEL ONLINE: Und wie wird's gemacht?

Schwalb: Wenn es darum geht, eine Entscheidung zu fällen, dann gucken sie mich an. Und da sind wir wieder bei der Führung einer solchen Mannschaft. Denn ganz wichtig ist, dass meine Entscheidung nachvollziehbar ist. Du musst einen Arsch in der Hose haben. Wollen Sie ein Beispiel hören?

SPIEGEL ONLINE: Gerne.

Schwalb: Wenn ich einen verletzten Pascal Hens habe und ich will, dass der nach Honolulu fliegt und sich zwei Monate an den Strand legt, dann begründe ich das auch und sage meinen Jungs: Ich will das. Und wenn der wiederkommt, ist er fit. Aber wenn der nächste kommt und sagt, ich will auch nach Honolulu, dann sage ich nein, bei dir ist es nicht gut, du musst nach Moskau in die Innenstadt. Du musst nicht alles gleichmachen, du musst es nur begründen.

SPIEGEL ONLINE: Seit einiger Zeit fällt immer wieder der Name des Nationalspielers Michael Kraus im Zusammenhang mit dem HSV. Der Mittelmann vom TBV Lemgo hat eine starke WM 2007 gespielt, dann doch nachgelassen. Kann er in dieser Form eine Verstärkung für ihr Team sein?

Schwalb: Wenn ich Mimi Kraus nur nach seinen handballerischen Fähigkeiten einsortieren soll, sage ich: Er ist ein erstklassiger Handballer mit einem erstklassigen Talent Handball zu spielen. Punkt.

SPIEGEL ONLINE: Aber kein leichter Typ.

Schwalb: Punkt. Kein Aber, kein Komma. So ist das. Das ist das Erste, was ich einsortiere.

SPIEGEL ONLINE: Und dann?

Schwalb: Alles andere würde in unserer Gemeinschaft geregelt werden, da mache ich mir keinen Kopf. Ich habe aber gute Spieler. Meine Mannschaft ist nicht abhängig von Mimi Kraus.

Das Handy klingelt. Schwalb geht ran: "Was' los Schrödi? … Ich bin hier gerade in einem Interview. … Ja, ist Vollsperrung und du musst durch die Käffer, ich weiß. Richtig? … Ja, mach. Mach, gib Gas. Bis gleich, Tschö. (Am Telefon war Nationalspieler Stefan Schröder - und er kam noch pünktlich zum Training)

SPIEGEL ONLINE: Mit Krzysztof Lijewski könnte das erste Mal ein Spieler die über Jahre aufgebaute Gemeinschaft verlassen. Und das ausgerechnet zum THW Kiel.

Schwalb: Keiner wird uns verlassen. Krzysztof hat ein großes Herz für Hamburg. Er sagt auch immer wieder, er möchte gerne hierbleiben. Es wird da eine Lösung geben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ja auch in einer luxuriösen Position. Genug Geld ist vorhanden.

Schwalb: In diesem Fall nicht. Die Angebote anderer Vereinen sind wesentlich höher als das Unsere. Es ist aber auch die Halle, die Stadt.

SPIEGEL ONLINE: Sind das Argumente, mit denen sie einen Weltklassespieler wie Lijewski überzeugen können, beim HSV zu bleiben?

Schwalb: Nein. Es ist die Mannschaft, nur die Mannschaft. Es ist Erfolg, es ist sein Verein, sein Ding. Und zusammen mit Domagoj Duvnjak wird er die neue Generation der HSV-Stars sein.

SPIEGEL ONLINE: Aktuell heißt es wieder, dass einige Vereine die Preise kaputt machen. Wie reagiert man auf den Vorwurf: "Du sitzt da auf deinem Geld in Hamburg und wir müssen sehen, wie wir überleben."

Schwalb: Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Wo im Leben ist das anders?

SPIEGEL ONLINE: Man beruft sich dann immer gerne auf eine Solidargemeinschaft.

Schwalb: Ich war sieben Jahre in Wallau, da konnte ich mir auch keinen Nikola Karabatic leisten oder einen Ivano Balic. Da musste ich eben was aus einem Hens machen. Hat auch Spaß gemacht. Ich hätte nie Deutscher Meister werden können, aber ich war glücklich.

SPIEGEL ONLINE: Aber die kleinen Vereine befürchten in diesem Wettbieten nicht mithalten zu können.

Schwalb: Dann sollen alle Beteiligten lernen, Zahlen zu lesen und zu gucken, was habe ich und was kann ich ausgeben. Es gibt eben unterschiedliche Aufgabenstellungen. Und es gibt keine Aufgabenstellung, bei der man von vornherein glücklich ist. Letztlich geht es doch nur um die Entwicklung.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr beeinflusst Sie das Thema Korruption im Handball noch?

Schwalb: Bei uns war das nie in der Kabine präsent. Wir betreiben den Handball als Mannschaft und Verein auf saubere Weise. In allen Facetten. Bei uns gibt's kein Doping, keine Schiedsrichterbestechung.

Das Interview führten Mike Glindmeier und Frieder Schilling
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