HSV-Handballer Bertrand Gille Der Musterprofi

Mit einer grandiosen WM verschaffte sich Bertrand Gille im Vertragspoker mit dem HSV Hamburg eine glänzende Position. Der französische Kreisläufer spielt seit fast neun Jahren an der Elbe, gehört fast schon zum Inventar des Clubs - und war noch nie so gut wie in den vergangenen Monaten.

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Von Frank Heike


Er ist wirklich eine imposante Erscheinung. Die Oberarme bringen das T-Shirt fast zum Platzen, der Brustkorb, der ganze Oberkörper - wie gemacht für die Kämpfe am Kreis. Man weiß ja, was Bertrand Gille für ein Athlet ist, was für ein Kämpfer, wie hart er gegen den Schmerz angeht. Unvergessen die Spiele mit dem HSV Hamburg im Halbfinale der Champions League 2008 gegen Ciudad Real, als sich Gille mit gebrochener Rippe und Brustpanzer gegen die Spanier stemmte. Die Schmerzen müssen schlimm gewesen sein.

Damals war Gille ein gefragter Gesprächspartner. Wegen der Schmerzen, wegen seines Willens. Und auch jetzt ist er wieder in aller Munde. Weil er im Januar bei der Weltmeisterschaft in Schweden mit Frankreich den Titel holte. Vor allem aber, weil der 32-Jährige zum besten Kreisläufer des Turniers gewählt wurde.

Dabei war es vor dem WM ruhiger geworden um den Mann, der fast schon zum Inventar des HSV gehört und seit 2002 für den Club aufläuft. Sein kroatischer Konkurrent am Kreis, Igor Vori, bekam mehr Spielanteile als der Franzose. In der zweiten Hälfte der Saison 2009/2010 war das so, und zu Beginn der laufenden Spielzeit auch. In der Abwehr stand Bertrand Gille immer noch seinen Mann, aber im Angriff schien Vori HSV-Trainer Martin Schwalb die bessere Wahl. Eine völlig ungewohnte Situation für Gille.

Stummer Protest der HSV-Fans gegen mögliche Abschiebung der Gilles

Ausgerechnet in diese Phase des persönlichen sportlichen Abschwungs kamen die Gerüchte, der ums finanzielle Abspecken bemühte HSV plane nicht mehr mit den Brüdern Bertrand und Guillaume Gille. Die Verträge laufen zum Saisonende aus. Und da der scheidende Präsident Andreas Rudolph den Verein zum Sparen bringen will, könnte bei den Gilles begonnen werden, so die öffentliche Wahrnehmung.

Für das Publikum ein Unding. Sie hielten im Herbst 2010 bei jedem Spiel ihre Schilder mit der Aufschrift "Bobo und Gino" hoch. Ein stummer Protest. Die Fans lieben ihre Vorzeige-Franzosen. Bertrand Gille sagt: "Wir haben das gemerkt. Aber wir wollten nicht zu sehr draufschauen. Wir sind doch nur ein Teil des Vereins." Das ist die offizielle Version. Natürlich hat es die beiden gekränkt, von möglichen Gehaltskürzungen in der Zeitung zu lesen. Seinem Bruder schossen sogar einmal die Tränen in die Augen, als er versuchte, ganz unbeeindruckt vom Rückhalt durch die Anhänger zu sprechen.

Bei der WM sahen die Zuschauer den besten Bertrand Gille aller Zeiten

Als sei es eine kämpferische Reaktion auf die nachlassende Wertschätzung seitens des HSV, haben sich beide Gilles in der zweiten Hälfte der Hinrunde mächtig gesteigert. Wenn es um etwas ging, als es in den vier Heimspielen im Herbst gegen Berlin, Flensburg, Kiel und die Rhein-Neckar Löwen eng wurde, vertraute Schwalb seinen beiden Franzosen. Der HSV gewann auch dank der guten Leistungen der Gille-Brüder alle Spiele.

Diese Form brachte Bertrand Gille mit zur WM. Und er überraschte dort selbst Fachleute. Seine Beweglichkeit, sein variables Spiel, das ihm sogar Tore aus dem Rückraum ermöglichte, sein Auge für die Situation und die Raffinesse, mit der er gegen defensive und offensive Abwehrformationen erfolgreich spielte - das war wohl der beste Bertrand Gille aller Zeiten.

Inzwischen liegen Vertragsentwürfe für die beiden Gilles vor. Dem Vernehmen nach soll Bertrand einen Kontrakt für zwei Jahre unterschreiben, Guillaume für ein Jahr. Bertrand Gille sagt: "Ich kenne meinen Wert. Wenn ich einverstanden wäre, hätte ich schon unterschrieben. Wir sind uns aber noch nicht einig."

Seine Ausgangslage ist inzwischen ausgesprochen bequem: Warum sollte er als frisch gekürter WM-Allstar ein Angebot zu reduzierten Bezügen annehmen? Zwar könnte sich Gille, der derzeit wegen eines Muskelfaserrisses ausfällt, einen Abschied vorstellen, aber der Familienmensch müsste dann viel aufgeben. Die Familien der Brüder mit den zusammen fünf Kindern sind eng befreundet, wohnen nah beieinander und sind in Hamburg verwurzelt. Bertrand Gille sagt: "Ich bin nicht der Typ, der durch ganz Europa wandert. Das, was ich mir 2002 für mein sportliches Leben vorgestellt habe, ist wahr geworden. Ich habe mir immer eine langfristige Geschichte mit einem Verein gewünscht. Ich bin froh und stolz, den HSV mit auf die Handball-Landkarte gebracht zu haben."

In den ersten Bundesliga-Spielen nach der WM-Pause hat der HSV so eindrucksvoll weitergemacht wie zuvor. Der Appetit auf Titel ist nicht gestillt. Bertrand Gille sagt: "Wir sind in allen drei Wettbewerben dabei. Es ist doch klar, dass ich mir jetzt Titel mit dem Club wünsche." Dass es allen beim HSV nach der Meisterschaft dürstet, verschweigt er nicht. Deutscher Meister 2011: Dann wäre der Musterprofi Bertrand Gille wohl unkündbar beim HSV Hamburg.



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