Hundertjähriger Marathonteilnehmer Singh "Laufen hält mich am Leben"

Er ist der älteste Mensch, der jemals einen Marathon absolviert hat: Für Fauja Singh ist Laufen ein Lebenselixier. Im Achilles-Interview spricht der Hundertjährige über Schicksalsschläge, Training im hohen Alter und erklärt, warum das Fliegen für ihn pure Entspannung ist.
Marathonläufer Singh: "Nur ein ganz normaler Mann"

Marathonläufer Singh: "Nur ein ganz normaler Mann"

Foto: Jeff J Mitchell/ Getty Images

Frage: Herr Singh, Sie kommen gerade von einem Sechs-Kilometer-Lauf . Wie war's?

Singh: Ach, das war gar kein richtiger Lauf. Das war einfach nur ein bisschen Beine ausschütteln.

Frage: Viele alte Menschen sind froh, wenn sie ohne Hilfe aus dem Bett kommen. Sie sind als Hundertjähriger der wohl berühmteste Marathonläufer der Welt.

Singh: Es ist Gottes Wille, dass ich gesund bin und in meinem Alter noch so herumlaufen kann. Dass ich berühmt bin, bekomme ich gar nicht so mit. Aber ich genieße jeden Lauf und finde es toll, dass sich die Menschen mit mir freuen.

Frage: Sie sind ein Idol geworden für viele Läufer auf der ganzen Welt.

Singh: Es macht mir Freude, zu sehen, dass sich insbesondere ältere Menschen durch mich ermutigt fühlen, Sport zu treiben. Aber als ich mit dem Laufen begann, war es gar nicht meine Absicht, ein Vorbild oder berühmt zu werden. Ich bin nur ein ganz normaler Mann, der etwas für seine Gesundheit tun möchte.

Frage: Wann haben Sie mit dem Laufen angefangen?

Singh: Als ich noch ein Junge war, damals in Indien, habe ich Sport geliebt. Ich wollte immer zusehen oder mitmachen - egal ob beim Wettlauf, Gewichtheben oder Ochsenrennen. Und weil ich nicht zur Schule ging, hatte ich auch viel Zeit dazu. Dann kam das Jahr 1947: Indien erklärte sich unabhängig, es gab viel Blutvergießen. Rennen tat man nicht mehr in der Freizeit, sondern um sein Leben zu retten. Da habe ich mit dem Sport aufgehört.

Frage: Wie haben Sie zurückgefunden?

Singh: Erst starb meine Frau, dann verlor ich einen Sohn durch einen schrecklichen Unfall. Ich wollte nicht alleine bleiben und beschloss, mein Leben als Bauer in Indien aufzugeben. Mit meinem jüngsten Sohn zog ich nach Großbritannien - und dort sah ich eines Tages einen Marathon im Fernsehen. Das gefiel mir und ich beschloss, selbst einmal mitzumachen.

Frage: Und dann haben Sie begonnen, Wettkämpfe zu laufen?

Singh: Los ging es mit 100-Meter-Läufen, bei denen ich aber oft verlor. Irgendwann schlug mir jemand vor, bei Wohltätigkeitsrennen mitzumachen und längere Distanzen zu laufen; fünf Kilometer, zehn Kilometer, 20 Kilometer - und 1999 bin ich dann beim London-Marathon gestartet.

Frage: Sie sind inzwischen acht Marathons gelaufen. Was gefällt Ihnen daran?

Singh: Das Laufen hält mich gesund, und bei den Marathons habe ich die Möglichkeit, Spendengeld für Bedürftige zu sammeln. Und der Segen der Bedürftigen sorgt wiederum dafür, dass ich gesund bleibe. Es ist ein Kreislauf.

Frage: Wie viel trainieren Sie?

Singh: Ich bewege mich jeden Tag bis zu 16 Kilometer. Viel Walking und ein kleines bisschen Jogging.

Frage: Achten Sie besonders auf Ihre Ernährung?

Singh: Ich esse, um zu leben, und lebe nicht, um zu essen. In den armen Ländern sterben die Menschen an Unterernährung; in den reichen Ländern sterben sie, weil sie zu viel essen. Ich nehme nicht viel zu mir und auch nur das, was mir guttut.

Frage: Ich habe gehört, Sie schwören auf Ingwer.

Singh: Ingwer-Curry, ja. Ich liebe den Geschmack, und es hält meinen Körper im Gleichgewicht.

Frage: Kürzlich liefen Sie in Toronto, jetzt sind Sie in Frankfurt, dazwischen waren Sie zu Hause in London. Wie verkraften Sie die vielen Reisen?

Singh: Das Fliegen ist für mich pure Entspannung. Ich fahre zeitig zum Flughafen, dort kümmern sich alle um mich, ich muss nur noch ins Flugzeug steigen - und schlafen.

Frage: Wie lange wollen Sie mit dem Sport weitermachen?

Singh: Das Laufen hält mich am Leben, ich werde so lange wie möglich weitermachen. Denn nach dem Tag, an dem ich die Laufschuhe an den Nagel hänge, würde mein Körper nicht lange gesund bleiben. Ich würde bald sterben.

Das Interview führte Wendelin Hübner
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