Interview mit Alinghi-Konstrukteur "Wir waren die Bösen"

Es war der größte Segelcoup aller Zeiten. Das Team Alinghi holte nach 152 Jahren den America's Cup nach Europa zurück. Mit SPIEGEL ONLINE sprach Chefkonstrukteur Rolf Vrolijk über das Bootsbauen am Computer, die Kampagne gegen die Schweizer und die Chancen eines deutschen Syndikats.


Rolf Vrolijk: Der 55 Jahre alte Niederländer leitet das Kostruktionsbüro "Judel/Vrolijk" und lebt in Hamburg
DPA

Rolf Vrolijk: Der 55 Jahre alte Niederländer leitet das Kostruktionsbüro "Judel/Vrolijk" und lebt in Hamburg

SPIEGEL ONLINE:

Herr Vrolijk, Sie waren mit der "Alinghi" 18 Monate am Stück auf dem Hauraki-Golf vor Neuseeland unterwegs. Können Sie überhaupt noch Wasser sehen?

Rolf Vrolijk: Ehrlich gesagt, zurzeit ist Freizeit für mich Freizeit vom Segeln.

SPIEGEL ONLINE: Wieso bleibt beim Team Alinghi nicht einmal Zeit zum Feiern? Immerhin war der Sieg beim America's Cup auch Ihr größter Erfolg.

Vrolijk: Wir haben schon gefeiert. Allerdings war die Zeit in Auckland sehr arbeitsintensiv und hat uns allen viel abverlangt.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich Ihr Anteil am Erfolg in Prozent ausdrücken?

Vrolijk: Nein, wir hatten einfach den besseren Weg. Im Gegensatz zu den anderen Syndikaten wurde das Team Alinghi nicht einfach zusammengekauft, sondern entwickelte sich um einen Kern von fünf Personen: Ernesto Bertarelli, Russell Coutts, Jochen Schümann, Brad Butterworth und ich. Bei Larry Ellison war das so: Die haben alles gekauft was Rang und Namen hat, in einen Raum gesteckt und die Devise "Jetzt seid ihr ein Team" ausgegeben.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß war Ihr Team und wie funktionierte bei Alinghi der Auswahlprozess?

Vrolijk: Am wichtigsten war, dass alle Teammitglieder menschlich harmonierten. Davon, dass die Jungs segeln können, sind wir ausgegangen. So ist am Ende ein 100 Personen umfassendes Team entstanden, das einer Familie gleichkam. Zusätzlich wurden wir durch die Anfeindungen in den neuseeländischen Medien noch enger zusammengeschweißt. Wir waren ja nicht nur die Underdogs, sondern wir waren die Bösen.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich ja richtig nach Basisdemokratie an, aber wer hatte denn wirklich an Bord das Sagen?

Alinghi-Sportdirektor Jochen Schümann (r.) und Syndikatschef Ernesto Bertarelli: "Das Team wurde nicht einfach zusammengekauft"
AP

Alinghi-Sportdirektor Jochen Schümann (r.) und Syndikatschef Ernesto Bertarelli: "Das Team wurde nicht einfach zusammengekauft"

Vrolijk: Die Aufgaben waren eindeutig verteilt, jeder wusste, was er zu tun hatte. Auch ein Bertarelli war mit dem Startschuss nur ein einfaches Crewmitglied und vertraute dem Zusammenspiel der Mannschaft. Hinzu kam eine sehr offene Kommunikation. Die sonst übliche Geheimniskrämerei gab es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Öffnet das nicht der Spionage durch andere Teams Tür und Tor?

Vrolijk: Ich kann nur Russell Coutts zitieren, der sagte: "Was die anderen jetzt von uns erfahren, reicht später eh nicht aus, um zu siegen." Außerdem haben wir bis hin zum endgültigen Finalschiff praktisch sieben verschiedene Rümpfe ausprobiert.

SPIEGEL ONLINE: Warum so viele praktische Versuche? Mit der heutigen Rechenleistung müsste es doch möglich sein, das perfekte Boot am Bildschirm zu entwerfen?

Vrolijk: Das glaubten einige unserer Konkurrenten auch - und lagen damit falsch. Allein Oracle hat mehrere hundert Formen am Computer gerechnet. Sie können den Programmen aber noch nicht völlig vertrauen, sondern sie müssen die Fehler der Software kennen und durch Erfahrung kompensieren.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sich demnach als Künstler, Handwerker oder Ingenieur bezeichnen?

Vrolijk: Ich bin eine Art Beobachter. Letztendlich ist entscheidend, laufend aus den Testläufen zu lernen. Das Ganze ist eine kontinuierliche Weiterentwicklung.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten einen großen Etat. Welcher Anteil davon entfiel auf die technische Entwicklung des Schiffes?

Vrolijk: So viel war das gar nicht. Bei uns entfielen nur zwei von 60 Millionen Dollar auf die Entwicklung des Schiffes, inklusive Schleppversuche in Kanada. Den großen Rest des Etats machen die Bezahlung des Teams, die Logistik und nicht zuletzt die Vermarktung aus.

SPIEGEL ONLINE: Als Titelverteidiger sind Sie für die Ausrichtung des nächsten America’s Cup in Europa zuständig. Die Begeisterung hierzulande war riesengroß. Probleme Sponsoren zu finden, dürfte es wohl nicht geben?

Alinghi-Skipper Russell Coutts: "Jeder wusste, was er zu tun hatte"
AP

Alinghi-Skipper Russell Coutts: "Jeder wusste, was er zu tun hatte"

Vrolijk: Ich denke nicht. Das Alinghi-Team hat gezeigt, dass es für Sponsoren sehr attraktiv sein kann, sich im Segelsport zu engagieren, speziell da die nächste Veranstaltung in Europa stattfindet.

SPIEGEL ONLINE: Der Ausstieg von DaimlerChrysler vor einigen Jahren aus dem Projekt AeroSail ist aber doch ein Negativbeispiel. Waren den Stuttgartern die Planungszeiträume bei den großen Segelregatten zu lang?

Vrolijk: Nein, die Gründe waren anders gelagert. Zur damaligen Zeit hat der Daimler-Konzern andere Prioritäten gesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß sind die Chancen, ein deutsches Team auf die Beine zu stellen? Immerhin sind SAP und BMW doch schon als Hauptsponsoren dabei.

Vrolijk: Man muss sich von der nationalen Sichtweise lösen. Die Konzerne denken schon lange global und wählen für ihre Sponsoring-Aktionen gezielt die Länder aus, in denen sie gerade Märke erobern wollen. Das multinationale Team Alinghi ist das beste Beispiel dafür, dass sich gleich mehrere Länder mit nur einem Team identifizieren können.

SPIEGEL ONLINE: Die Segelfans sind nicht nur interessiert daran, welche Teams antreten, sondern auch wo der Wettbewerb stattfinden wird. Italien, Frankreich, Spanien oder Portugal, wie lautet Ihr Tipp?

Vrolijk: Es gibt zurzeit eine intensive Findungsphase. Acht Städte haben wir in die engere Wahl gezogen. Diese "Favoriten" sind aufgefordert worden, eine ausführliche Präsentation vorzulegen.

SPIEGEL ONLINE: Aus der intensiven Beschäftigung mit den Revieren sieht man schon, dass Sie mitten in den Planungen für die Titelverteidigung 2007 stecken. Wie sieht der Zeitplan aus und steht das Team schon fest?

Vrolijk: Wir bleiben größtenteils zusammen, zu 99 Prozent sind Coutts und Schümann wieder dabei. Jetzt geht es erstmal eine Woche nach Zermatt. Dort trifft sich das Kernteam und wird einige Eckpunkte für die Zukunft festlegen.

Die Fragen stellten Arne Stuhr und Martin Scheele



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